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Lesart | Beitrag vom 05.09.2020

Jonas Frick: "Politik der Geschwindigkeit"Sabotage durch Langsamkeit

Von Vera Linß

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Buchcover "Die Politik der Geschwindigkeit" von Jonas Frick. (Mandelbaum Verlag / Deutschlandradio)
Jonas Frick wirft in seinem Buch einen kritischen Blick auf den Zwang zur Geschwindigkeit und was eigentlich dahinter steckt. (Mandelbaum Verlag / Deutschlandradio)

Das Diktat der Geschwindigkeit in der digitalen Gesellschaft nutzt vor allem den Machthabenden und dem Kapital, kritisiert der Aktivist Jonas Frick. Er fordert eine politische Debatte darüber, wie viel Tempo eine demokratische Gesellschaft verträgt.

Nichts kann einem heutzutage schnell genug gehen. Lädt die Website mal zu langsam? Wie anstrengend! Werden E-Mails nicht gleich beantwortet? Wie enttäuschend! Und kommt eine Lieferung nicht prompt am nächsten oder besser noch am selben Tag? Auch das strapaziert die Geduld. Doch warum ist diese Angespanntheit so weit verbreitet?

Unsere Gesellschaft befinde sich im "Zeitalter der Geschwindigkeit", begründet der Autor Jonas Frick die Erwartungshaltung, dass alles immer schneller zu gehen hat. Diese Prämisse habe sich als "fetischisierte Grundlage festgesetzt".

Wer das Tempo bestimmt, maximiert den Profit

Darüber möchte der Schweizer Aktivist eine Diskussion anstoßen. Denn viele der Verheißungen, die mit schnellem Internet, Echtzeitkommunikation oder selbstfahrenden Autos verbunden sind, hält Jonas Frick für leere Versprechen. Im Gegenteil! In Wirklichkeit sei die "Geschwindigkeitseuphorie" ein Mittel des Kapitals zur Machtausübung. Nach dem Motto: Wer das Tempo bestimmt, maximiert den Profit. Deshalb fordert er eine "kritische Politisierung der Geschwindigkeit". Sein Ziel: mehr Selbstbestimmung des Einzelnen über seine Zeit.

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Wie stark das Kapital seit jeher die Zeit (anderer) zum eigenen Nutzen ordnet, zeigt Jonas Frick zunächst in einem historischen Rückblick, in dem er drei "Geschwindigkeitsregimes" unterscheidet. Den Fordismus, der den geregelten Normarbeitstag geschaffen und eine strikte Zeitdisziplin durchgesetzt hat. Den Postfordismus, der seit den 1970er-Jahren auf Flexibilisierung und individualisierte Zeitordnungen setzte. Und die Dromokratie, die "Herrschaft des Schnelleren", in deren Anfängen sich die Gesellschaft aktuell befindet und die – dank der Digitalisierung – das Prinzip der Echtzeit und ständigen Verfügbarkeit postuliert.

Zeit ist Macht

Brillant, wie Jonas Frick die sich stetig ähnelnden Ideologien dahinter entlarvt. Den Menschen ihre "Freiheit zurückzugeben" verspricht etwa die amerikanische Software-Firma Ridecell, wenn sie für den Einsatz künstlicher Intelligenz und für autonome Fahrzeuge wirbt. Oder, Stichwort Mikromobilität: E-Scooter seien "die Freiheit, kleine Entfernungen zu überwinden", so ein weiterer Claim.

An vielen Beispielen belegt Jonas Frick, wie Beschleunigung stattdessen oft mit Stillstand, Zeitgewinn mit Zeitverlust bezahlt wird. Die Zeitersparnis durch ein schnelles Datennetz etwa werde später beim Surfen auf YouTube wieder verschwendet. Eine weitere Kehrseite: Ein Großteil der Menschheit, nämlich Migranten, würde komplett von der Hochgeschwindigkeit ausgeschlossen und zum Stillstand gezwungen.

"Zeitliche Autonomie" für die Pflege

Zeitsouveränität kann nur durch Intervention kommen, ist der Aktivist überzeugt und beschreibt fünf Möglichkeiten: etwa mit Arbeitskämpfen oder Sabotage durch Langsamkeit. Und: Für den Pflege-Bereich müsse eine "zeitliche Autonomie" ausgehandelt werden.

Dass es für so einen Umbruch einer größeren politischen (und theoretischen) Perspektive bedarf, ist Jonas Frick bewusst. Liefern kann er sie zwar nicht. Sein lehrreiches Buch ist dennoch wichtig für die nötige Debatte darüber, in welchem Tempo eine Gesellschaft leben will.

Jonas Frick: "Die Politik der Geschwindigkeit"
Mandelbaum Verlag 2020
248 Seiten, 19 Euro

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