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Religionen / Archiv | Beitrag vom 25.09.2016

John von Düffel inszeniert Luthers Leben"Ich war von der Bibel begeistert"

Moderation: Philipp Gessler

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Der Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel bei einer Lesung am 10.3.2013 in Köln (picture-alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)
Der Schriftsteller und Dramaturg John von Düffel (picture-alliance / dpa / Rolf Vennenbernd)

Als Kind wollte der Schriftsteller John von Düffel unbedingt den Autor der Bibel kennenlernen: Martin Luther. Sein Interesse an dem "Sprachschöpfer" und "Glaubensdolmetscher" hat bis heute angehalten. In Münster bringt Düffel nun sein Stück "Martinus Luther - Anfang und Ende eines Mythos" auf die Bühne.

Philipp Gessler: Das große Luther-Gedenkjahr rollt heran – und allein die Bücher, die über den großen Reformer der christlichen Religion in Europa aus diesem Anlass geschrieben wurden, füllen viele Meter des Buchregals. Da braucht man schon einen gewissen Mut, wenn man sich als Autor ebenfalls an diesen Luther heranwagt, weil man glaubt, über ihn noch etwas Neues beitragen zu können. Der Dramaturg des Deutschen Theaters in Berlin und Autor John von Düffel hat diesen Mut. Er hat ein Theaterstück mit dem Titel "Martinus Luther: Anfang und Ende eines Mythos" geschrieben – heute Abend hat es um 19 Uhr im Theater Münster Premiere.

John von Düffel hat mir vor der Premiere in einem Interview ein klein wenig den Bühnenvorhang gelüftet und deutet an, was da heute Abend zu sehen sein wird. Meine erste Frage an ihn war, welchen Hintergrund er selbst habe: ein typisch kulturprotestantisches Elternhaus, wie bei diesem Intellektuellen und diesem Thema alles andere als überraschend wäre?

"Ich fand, der hatte eine gigantische Sprache"

John von Düffel: Meine Sozialisation ist tatsächlich eine atheistische, also mein Vater hatte ganz, ganz große Glaubenskämpfe mit seinem Vater und ist sozusagen aus diesen Glaubenskämpfen als Atheist hervorgegangen. Das hatte zur Folge, dass ich zu Hause selber nie mit der Bibel oder mit irgendwelchen Glaubensinhalten in Berührung gekommen bin.

Und ich erinnere mich noch sehr gut an den Religionsunterricht in der Grundschule, als wir zum ersten Mal die Bibelgeschichten aus der Bibel hörten, und ich war von der Bibel begeistert. Ich fand das ganz tolle Geschichten, und ich wollte unbedingt wissen – meine Eltern sind beide Germanisten –, wer hat denn dieses tolle Buch geschrieben, und dann kam die Antwort Martin Luther. Dann wollte ich Martin Luther unbedingt kennenlernen. Ich fand, der hatte eine gigantische Sprache gehabt, hat er, finde ich immer noch, und insofern bin ich eher auf literarischem Wege zu Martin Luther gekommen und nicht so sehr über den Glaubensweg.

Gessler: Bedeutet Ihnen denn die Figur Luther etwas heutzutage?

von Düffel: Ja, natürlich bedeutet mir die Figur was, also einmal finde ich ist er ein großer Sprachschöpfer, er ist ein Glaubensdolmetscher, er hat es geschafft, eine Sprache zu kreieren, die für uns Weltbeschreibung geworden ist, also im christlichen Kulturkreis, gerade auch in Deutschland, Welt geworden ist. Ich finde ihn auch natürlich in seinen Momenten der Standhaftigkeit und der Unbeirrbarkeit immer wieder auch beispielhaft.

Gessler: Was reizt Sie heute an Luther so sehr, dass Sie darüber ein Theaterstück schreiben wollen?

"Der Kampf der Religionen ist wieder ein großes Thema geworden"

von Düffel: Es gab viele Fragen, die bei mir hochkamen, auch angesichts dessen, was natürlich bevorsteht: das große Reformationsjubiläum, und da wahrscheinlich jeder auf seine Weise eine Geschichte mit dieser historischen und Religionsfigur hat, Martin Luther, habe ich mir natürlich auch die Frage gestellt: Was ist so mein Thema mit dieser Figur, und was ist vor allen Dingen auch ein übergeordnetes Thema in unserer Zeit?

Ich finde, anders als noch vor zehn, fünfzehn Jahren, ist das Thema Religion, Kampf der Religionen wieder ein großes Thema geworden, was natürlich nicht nur heißt, dass man sich mit dem Islam oder anderen Religionen auseinandersetzt, sondern eben auch mit der, der man selber jetzt vielleicht am nächsten steht und auch mit den Gründungsinhalten und auch mit den Kämpfen, die zu dieser Religion geführt haben und die vielleicht aber eben auch in dieser Religion weitergehen als Kriegsströme, als Aggression, als Ressentiments darin enthalten sind.

Gessler: Nun ist ja die Literatur über Luther unübersehbar, und jetzt gerade zum anstehenden Reformationsjubiläum ist da noch mal ganz viel dazugekommen. Wie haben Sie denn da recherchiert, und wo haben Sie dann irgendwann mal gesagt, so, das reicht jetzt, ich habe genug Stoff?

von Düffel: Zunächst mal muss man sagen ist Martin Luther selber ja einer der produktivsten Autoren überhaupt: Er hat, glaube ich, jeden Tag drei bis vier Seiten nicht nur geschrieben, sondern auch veröffentlicht, wenn man das mal auf sein Leben hochrechnet. Das heißt, allein die Selbstzeugnisse übersteigen alles, was man in einer normalen Lebensspanne lesen und vor allen Dingen verarbeiten kann.

Er ist sozusagen der erste Medienkünstler, den wir kennen, also jemand, der den aufkommenden Buchdruck, der die allerersten Zeitungen und Gazetten für seine Öffentlichkeit, für seine Themen und Inhalte genutzt hat, und damit hat er auch sozusagen viele seiner Widersacher überholt. Insofern hat man eben eine unglaubliche Materiallage.

Für mich war es sozusagen als Theatermann dann die Frage, wie schaffe ich einen Ausschnitt, mit dem ich arbeiten kann, also auf welchen Punkt konzentriere ich mich, und da war eine ganz entscheidende Idee für mich, zu sagen, mich interessiert Martin Luther, bevor er wirklich Martin Luther wurde, also der junge Student der Juristerei, der auf einmal sein ganzes Leben vor sich sieht, die Hochzeit ist verabredet, sein Vater hat alles für ihn geplant, und dann kommt er vom Nachhauseweg in die Unistadt Erfurt in ein Gewitter und entscheidet alles anders und glaubt an eine höhere Berufung und wirft alles, was er bisher gemacht hat, über den Haufen inklusive der Familienbindung. Also diese Frage, wer war Luther, bevor er Luther wurde, hat mich beschäftigt, und natürlich: Wer war Luther als er aufhörte, Luther zu sein, also am Ende seines Lebens? Das heißt, ich habe mich konzentriert auf die beiden Segmente, über die es dann wiederum gar nicht so viel gibt, nämlich das Werden des frühen Luthers und das Ende des späten Luthers, und dadurch wusste ich, ich habe eine Klammer, die mir auch ein bisschen hilft, die Forschungslage einzugrenzen.

Das Bild zeigt eine Skulptur aus Bronze des Reformators Martin Luther in Worms. (picture-alliance / dpa / Uwe Anspach)Martin-Luther-Denkmal in Worms (picture-alliance / dpa / Uwe Anspach)

"Natürlich steckt darin auch eine gewisse Tragik"

Gessler: Worüber ich jetzt gestolpert bin, ist Ihre Aussage, da, wo er nicht mehr Luther war … - Gehört denn nicht dieser alte störrische, besserwisserische, antisemitische et cetera Luther …, das ist doch auch noch Luther, auch wenn es vielleicht eine fast Lutherkarikatur ist?

von Düffel: Genau, deshalb diese Formulierung. Er hat sozusagen dann nicht mehr dem Lutherbild entsprochen, das sich die Welt, die Glaubensgemeinde von ihm gemacht hat. Natürlich steckt darin auch eine gewisse Tragik. Wir neigen ja so ein bisschen dazu, zu denken, Männer machen Geschichte, schreiben Geschichte, das ist so eine große Vereinfachung, der wir uns bedienen, und tatsächlich ist es oftmals ganz umgekehrt, dass die Zeit reif ist für eine Veränderung, und diese Veränderung sucht sich ihre Gallionsfigur und benutzt diese Figur auch. Ich denke, so ähnlich muss sich Luther gefühlt haben, als jemand, der von Weltgeschichte, von unterschiedlichen Interessensparteien und Fraktionen für ihre Zwecke benutzt wurde und der am Ende übrig bleibt als ein Mann, der sich missverstanden fühlt in vielen Belangen, der sich benutzt fühlt, der sich in seinem Zorn aufreibt, in seiner Unverstandenheit und wettert und mit der Welt zerworfen ist. Da würde ich sagen, da hat man natürlich eine Art Lutherüberbleibsel. Das ist immer noch Luther, genauso wie es am Anfang ja auch schon dieselbe Person ist, aber trotzdem ist da ein Bruch in dieser Identität.

Gessler: Wie schwer ist es Ihnen gefallen, gerade mit diesen unangenehmen Seiten Luthers dann irgendwann umzugehen, also des alten Luther vor allem, diese antisemitischen Ausfälle, dieses Schimpfen über die Bauern et cetera. Da ist so viel Hass – wie sind Sie damit umgegangen?

von Düffel: Zunächst mal war es das, was mich sehr interessiert hat, weil es vielleicht nicht nur ein biografischer Zufall ist, also der sehr erklärbar ist aus dem gerade besagtem Grund, aber vielleicht ist es eben auch mehr als das. Vielleicht ist es nicht nur eine Entgleisung, vielleicht ist eine gewisse Form von apokalyptischem Denken, eine gewisse Form von Hass und Ressentiment auch eingeschrieben in das, was von Luther ausgegangen ist als Bewegung, und da, finde ich, wird es über die biografischen Zufälligkeiten und vielleicht auch Zerstörungen hinaus interessant, also die Frage, wie fundamentalistisch ist beispielsweise auch das lutherische Christentum. Vielleicht sind ja die Fundamentalisten nicht immer nur die andern, sondern vielleicht steckt auch ein bisschen fundamentalistisches in dieser Religion. Das hat mich natürlich interessiert.

Gessler: Genau darauf wollte ich kommen: Wie viel hat er denn gemein mit den religiösen Fanatikern unserer Tage? Sehen Sie da Parallelen?

"Ich bewundere Luther für seien Standhaftigkeit"

von Düffel: Na ja, zunächst einmal, wenn man den Begriff Fanatismus vielleicht nicht benutzt, sondern erst mal das, was ihm zugrunde liegt, eine gewisse Radikalität, dann ist diese Radikalität natürlich nicht nur etwas Gefährliches, etwas unbeirrbar Zerstörerisches, sondern vielleicht eben auch eine Stärke, und ich denke, wenn man Luther bewundert, was ich auch teilweise tue, für seine Standhaftigkeit, dann ist diese Standhaftigkeit beispielsweise nicht ohne Radikalität zu haben. Wenn man auf einer Ebene der Kompromisse und der Abwägungen unterwegs ist, wird man nie sich vor den Reichstag stellen und sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Das heißt also, ein gewisser fundamentaler, radikaler Glaubensansatz ist da vorhanden, eine ganz unbeirrbare Überzeugung, und natürlich kann die auch umkippen in Zerstörung, und das ist etwas, was es bei Luther, glaube ich, ganz gut zu untersuchen gilt.

Gessler: Wenn wir in den nächsten, sagen wir mal, zwölf Monaten oder vielleicht noch bis Ende nächsten Jahres, bis 2017 wirklich bombardiert werden mit Erinnerungen an Luther, und die EKD treibt es ja im Grunde seit zehn Jahren voran. Fühlen Sie sich wohl, jetzt da im Grunde da noch einen Klang hinzuzugeben oder ist Ihnen dieses Umfeld fast eher unangenehm?

von Düffel: Also mir ist klar, dass man in der Flut der Lutherweihen, Lutherauseinandersetzungen sich gut überlegen muss, was muss man, was kann man überhaupt noch sagen, und deswegen habe ich eben speziell auch die Ausschnitte gewählt, die ich gewählt habe und das Stück im Untertitel genannt "Anfang und Ende eines Mythos". Also mich hat sozusagen der Beginn auch unserer Mythisierung des Lutherbildes interessiert und natürlich dessen Ende. Insofern, glaube ich, ist das Stück schon ein Versuch, einen besonderen Zugriff auf Luther zu entwickeln.

Und natürlich ist dann Theater auch noch mal was anderes, also anders als Film oder anders als viele Bücher, ist man der Figur, wenn man sie heraufbeschwört im schauspielerischen Sinne, wenn man sie auf der Bühne zum Leben erweckt, sofern das überhaupt möglich ist, dann ist man dieser Figur auch auf eine ganz andere Art und Weise als Zuschauer ausgeliefert. Ich glaube, dass das Theater sich einerseits mit diesem gigantischen Material schwer tut, schwer tun muss, dass aber, wenn es gelingt, so einen Theatereindruck von dieser Figur vielleicht doch noch mal was ganz anderes ist, als das, was man durch die Medien sonst so zugespielt bekommt.

"Fast eine Ähnlichkeit mit einer Boulevard-Komödie"

Gessler: Das heißt, wenn Theater tatsächlich in gewisser Weise eine Lehranstalt ist, was können wir denn da lernen von Herrn Luther?

von Düffel: Das Schöne am Theater ist ja, dass das Hohe und das Profane, das ganz steil Pathetische und das Pantoffelige sehr nah beieinanderliegen und insofern ist sozusagen das Stück, was ich geschrieben habe, ein Stück in zwei Teilen: Das eine ist wirklich die Suche, die Irren und Wirren eines jungen Mannes, der seine Bestimmung vielleicht gefunden hat, aber sich dessen auch nicht ganz gewiss ist, bis er sozusagen den entscheidenden Schritt tut und die Thesen an diese – von dem man ja auch nicht weiß, ob es wirklich so war, aber wir nehmen es mal an –, diese Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt hat.

Dann im zweiten Teil findet sozusagen etwas statt, was fast eine Ähnlichkeit hat mit einer Boulevard-Komödie, denn auf einmal sehen wir Luther eben am Ende ein bisschen pantoffelig, schlurfig, wie er versucht sozusagen, einen jungen Mann aus seinem Haushalt zu vertreiben, der einer seiner Töchter nachstellt. Diese Quasikonfrontation mit seinem möglichen Alter Ego hat durchaus was Komödiantisches, und insofern, finde ich, ist das auch eine Chance vom Theater, dass es immer eben auch einen Aspekt von Spiel, von Leichtigkeit, von Komik mit hineinbringt, und ich glaube, dass dann die lutherischen Schwergewichte auch besser zu ertragen sind.

Gessler: Apropos Schwergewichte: Gerade für junge Leute ist wahrscheinlich diese Person Luther auch noch sperriger als, sagen wir mal, für ältere Herrschaften, dieser dicke Theologe, der so schimpft. Glauben Sie, dass tatsächliche Luther junge Leute noch irgendwie anspricht, ihnen noch etwas zu sagen hat?

von Düffel: Also ganz aus dem Nähkästchen geplaudert: Mein Neffe, der zehn Jahre alt ist, der war zufällig in der Gegend und bei uns auch, als ich sehr viel mich mit dem Lutherstoff beschäftigt habe, auch ein bisschen darüber erzählt habe in der Familie, der kannte von der Schule, ähnlich wie ich seinerzeit, die Lutherfigur, und ich glaube, gerade seine Sperrigkeit, gerade dieses merkwürdig Heldisch-Antiheldische, was dieser Figur anhaftet, ist etwas, was einen eher beschäftigen kann. Also ich wäre gar nicht so skeptisch, dass er mit seinen Ecken und Kanten wirklich dann wiederum auch eine tolle Figur ist mit einer großen Sprache, die sich vielleicht nicht sofort erschließt, die in kein Superhelden und auch kein Verliererimage so richtig reinpasst, die aber trotzdem eine Figur ist, die einen beschäftigen kann. Insofern wäre ich erst mal da ganz optimistisch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


Hören Sie eine Rezension der Aufführung "Martinus Luther" in Münster von Michael Laages in "Fazit", 25.9. 2016, 23.15 Uhr

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