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Tonart | Beitrag vom 16.01.2018

John Carpenter wird 70Der Sound zum Kino-Horror

Von Vincent Neumann

John Carpenter bei einem Konzert im Jahr 2016 in Toronto (imago/Pacific Press Agency)
John Carpenter bei einem Konzert im Jahr 2016 in Toronto (imago/Pacific Press Agency)

Noten lesen kann er nicht - dennoch hat Drehbuchautor und Regisseur John Carpenter auch als Komponist Filmgeschichte geschrieben. Denn mit dem Sound zu "Halloween" gelang ihm eines der bekanntesten Grusel-Themen.

Es war ein Weihnachtsgeschenk seines Vaters, ein Paar Bongos, das für John Carpenter zur Inspiration für eines der berühmtesten Motive der Horrorfilm-Geschichte wurde – ein schlichtes, kleines Thema im 5/4-Takt, das auch in den zahlreichen Fortsetzungen und Neuauflagen der "Halloween"-Reihe den Ton angab.

Mit "Halloween" hinterließ John Carpenter 1978 einen bleibenden Eindruck im Horrorfilm-Genre – als Regisseur und als Komponist. Denn der damals 30-Jährige war seiner Zeit in vieler Hinsicht voraus: Schon einige Jahre zuvor hatte er für seine Filmprojekte "Dark Star" und "Aussault" mit hypnotischen Elektroklängen neue Wege beschritten, die ihn auf eine Stufe mit Elektro-Pionieren wie Jean-Michel Jarre, Vangelis und "Tangerine Dream" stellten.

Inspiriert von Bernard Herrmann

Mit geringen Mitteln großen Effekt erzielen – diese besondere Fähigkeit von Filmmusik-Urgestein Bernard Herrmann habe ihn schon immer fasziniert, erzählt John Carpenter im Interview mit dem britischen Journalisten Simon Reynolds. Und er sei dumm genug gewesen, diese Herangehensweise zumindest ansatzweise für seine Zwecke übertragen zu wollen.

Dass er inzwischen selbst zum Maßstab für ein ganzes Filmmusik-Genre und zur Inspiration für Bands wie die "Nine Inch Nails" geworden ist – das tut John Carpenter in gewohnt bescheidener Manier mit den Worten ab, er könne ja nicht einmal Noten lesen. Wie so viele innovative Momente wurde nämlich auch sein markantes Klangbild, sein musikalisches Markenzeichen, eher aus der Not geboren: Bei seinen ersten Projekten war es die pure Geldnot, die ihn dazu veranlasste, sich selbst ans Keyboard zu setzen und kreativ zu werden – für seinen Vater, selber Musikprofessor, eine späte Genugtuung, denn Carpenter Senior wollte aus seinem Sohn eigentlich einen klassischen Geiger machen.

Wie sehr sich nach Horrorfilm-Klassikern wie "Halloween", "The Fog" oder "Das Ding aus einer anderen Welt", nach mehr oder weniger erfolgreichen Ausflügen in andere Genres der Ruf von John Carpenter auch außerhalb der Filmbranche gefestigt hat – das zeigte zuletzt auch sein Projekt mit Jean-Michel Jarre: 2015 veröffentlichte er gemeinsam mit dem "Godfather of Electronic Music" den Track "A Question of Blood".

Düstere Klanglandschaften fürs Kopfkino

Im gleichen Jahr dann auch das Solo-Debüt des Grusel-Altmeisters. Während seine Hollywood-Karriere mehr und mehr ins Stocken geriet, bekam er das Angebot für einen Plattenvertrag. Unter dem Titel "Lost Themes" erschienen zwei Alben mit scheinbar zeitlosen Tracks, die – anders als der Titel suggeriert – keine Überbleibsel alter Filmprojekte sind. Seiner Linie blieb John Carpenter allerdings auch in diesem Fall treu: Mit seinen düsteren Klanglandschaften schmiss er bei "Lost Themes" das Kopfkino an, ließ seine Fans auch ohne Bilder in die typische Carpenter-Grusel-Welt eintauchen. Denn wie sagte er kürzlich im Interview? Seine erste Liebe sei das Kino gewesen, aber gleich danach kam die Musik.

John Carpenter wird sich mit 70 Jahren nicht mehr neu erfinden, seine Filme sind Geschichte und sein Sound heutzutage wohl eher retro als revolutionär. Und trotzdem hat er seinen Platz in den Geschichtsbüchern sicher – nicht zuletzt als der Mann, der aus einem schlichten Bongo-Rhythmus eines der legendärsten Grusel-Themen aller Zeiten machte.

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