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Kommentar / Archiv | Beitrag vom 27.01.2006

Johannes Rau

Oder: Trauer um einen politischen Integrator

Von Karl-Heinz Gehm

Trauer um Johannes Rau (AP)
Trauer um Johannes Rau (AP)

Trauer um Johannes Rau, und Betroffenheit. Es war nicht das übliche Ritual von Beileidsbekundungen und flüchtigem Nekrolog aus Politikermund. Es reicht tiefer und zeigt Wirkung, nicht nur bei jenen, die ihm politisch nahe stehen.

Die Nation und mit ihr viele ausländische Freunde in Israel wie in Europa sind vereint in der Trauer um Johannes Rau. Er hat die Politik, getreu seiner christlichen Prägung, stets als die angewandte Liebe zur Welt definiert und sich da- mit den Respekt und über alle Maßen die Zuneigung der Menschen erworben.

Johannes Rau, Wuppertaler Predigersohn, gelernter Verlagsbuchhändler, der in jungen Jahren die Politik zu seinem Beruf gemacht hatte. Rasant die Karriere, erstaunlich die Erfolge und, Johannes Rau, der Menschenfischer, grandios die Triumphe des Wahlkämpfers, der Vertrauen gab und Zuversicht. Und beliebt war als Landesvater in seinem Nordrhein-Westfalen über Jahrzehnte wie kein anderer.

Seine Kanzlerkandidatur allerdings blieb ohne Erfolg. Die von Rau angestrebte Mehrheit aus eigener Kraft wurde um Längen verfehlt. Er hatte nicht im Sinne des Großen Vorsitzenden taktiert und wurde von Brandt entsprechend rüde behandelt.

Rau litt darunter, aber verzagte nicht. Er blieb beharrlich, was manche seiner Freunde irritierte. Das Amt des Bundespräsidenten, sein großes politisches Ziel, erreichte er, ein gutes Jahrzehnt später, im zweiten Anlauf.

Die Erwartungen waren gespalten, und es brauchte eine Anlaufphase, bis Rau sie erfüllen konnte.

Dann aber erwies er sich als wahrer präsidialer Glücksfall, bürgernah und politisch, einer, der Konturen zeigte. Der Freundschaft pflegen und Anerkennung erwerben konnte, auch dort, wo es für Deutschland schwierig war: in Israel, in Polen.

Ein Bundespräsident aber auch, der sich einmischen und ,wo es sein musste, unbequem werden konnte. Im Ausland, in China und Nigeria etwa, wo er die Menschenrechte anmahnte. Im Inland, wo er öffentlich und erbarmungslos jene rüffelte, die versucht hatten, beim Zuwanderungsgesetz die Verfassung auszuhebeln. Wo er, ganz gegen den Zeitgeist in Sachen Bioethik wetterte, der aus dem nahen Kanzleramt herüberschwappte, wo er die Atemlosigkeit der Reformpolitik hinterfragte und der sozialen Gerechtigkeit Justierung zu geben versuchte.

Was kann ein Präsident mehr, mit der einzigen Kraft, über die er verfügt: der Macht des Wortes. Für Rau, den großen Integrator, hieß dies stets: zur Sprache bringen, Orientierung geben und dann versuchen, zusammenzuführen. Damit hat Johannes Rau Maßstäbe gesetzt und die Politik geprägt.

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