Seit 15:05 Uhr Tonart

Mittwoch, 17.07.2019
 
Seit 15:05 Uhr Tonart

Buchkritik | Beitrag vom 26.03.2019

Johan Harstad: "Max, Mischa und die Tet-Offensive"Einsam und auf der Suche nach Heimat

Von Peter Urban-Halle

Beitrag hören Podcast abonnieren
Amerikanische Marines bei einem Einsatz im Vietnamkrieg im Hintergrund, im Vordergrund: Buchcover "Max und Mischa und die Tet-Offensive" (Imago / Verlag Rowohlt)
Amerikanische Marines bei einem Einsatz im Vietnamkrieg im Hintergrund, im Vordergrund: Buchcover "Max Und Mischa und die Tet-Offensive (Imago / Verlag Rowohlt)

Einer der aktuell wohl aufsehenserregendsten Romane aus Norwegen ist "Max, Mischa und die Tet-Offensive" von Johan Harstad. Der Autor spannt einen weiten Bogen aus dem kleinen, reichen Land Norwegen in die weit entfernte USA und den Vietnamkrieg.

Dass Johan Harstad im Grunde einen Liebesroman geschrieben hat, merken wir spätestens auf Seite 577, also knapp auf der Hälfte. Da hält die Künstlerin Mischa (die aussieht wie die Schauspielerin Shelley Duvall in Altmans "Brewster McCloud") nach einer erfolgreichen Vernissage eine kleine Rede auf Max, ihren sieben Jahre jüngeren Geliebten, die zu einer wunderschönen Liebeserklärung wird.

Aber "Max, Mischa und die Tet-Offensive" ist nicht nur ein Liebesroman, sondern auch ein Freundschafts-, Bildungs-, Künstler-, Kriegs- und Migrationsroman. Harstad will nicht alles, aber er will viel. Verständlich, dass so ein Programm kein kurzes Buch ergibt. Das Verblüffende: Trotz der Länge, trotz seines Anspruchs überhebt Harstad sich nicht. Und trotz des tsunamiähnlichen Redeschwalls mit endlosen Sätzen funktioniert das Buch. Es ist unterhaltsam und klug, mitfühlend und frech, scharfsinnig und mitreißend - schlicht ein großer Roman.

Weit weg sein, bis es zu spät ist

Max, 35 Jahre, ist Theaterregisseur und auf Tournee durch die USA, wo er seit über 20 Jahren lebt. Er träumt vom perfekten Theater, das für ihn "inkonsequentes Theater" sein muss. Theater machen heißt, zu begreifen, was man tut und wer man ist. Und zu zeigen, dass Zweifel und Versuch wichtiger sind als Überzeugung und Erfolg.

Im Grunde sind seine Reflexionen übers Theater der Anfang eines endlosen Monologs, der dazu dient, sich zu erinnern, um die wichtigen Personen in seinem Leben nicht zu verlieren. Was aus ihnen zu diesem Zeitpunkt, 2012, geworden ist - aus seiner Freundin Mischa, der kanadischen Künstlerin, aus seinem besten Freund Mordecai, dem Schauspieler, aus seinem Onkel Owen, der als Soldat in Vietnam gewesen war und gern Jazzpianist geworden wäre, aus seinen Eltern, die sich getrennt haben -, erfahren wir schon nach fünf Seiten.

Max musste seinen Heimatort Stavanger mit 13 Jahren verlassen. Die Eltern ziehen mit ihm und seiner Schwester in die USA, wo der Vater als Pilot bessere Chancen hat. Was in einem jungen Menschen vor sich geht, der plötzlich aus seiner vertrauten Umgebung gerissen wird, hat man selten so ernüchternd und so ergreifend gelesen wie hier.

Eigentlich ist er seitdem immer auf der Suche nach einem Ort gewesen, den er als Zuhause bezeichnen kann. Und wie lange kann man weg sein, bevor es zu spät ist, wieder nach Hause zu kommen?

Heimat- und Heimatverlust als das große Thema

Heimatlosigkeit ist das große Thema des Romans. Alle Hauptpersonen sind irgendwie auf der Suche, alle haben Einsamkeitsgefühle. Aber Max – so könnte man vielleicht sagen - leidet am intensivsten an dem pubertären Trauma des Heim- und Heimatverlusts, so stark, dass es Mischa schließlich nicht mehr aushält. Keiner, vor allem Max nicht, sieht, dass ein Zuhause vielleicht auch eine Person sein kann.

Und die Tet-Offensive? Sie sollte im Vietnamkrieg die Amerikaner an mehreren Punkten angreifen und zermürben. Im Roman dient sie als Bild für Maxens Geschichte: Er erzählt von all den Orten, an denen er mit seinen Freunden war, um ihr und sein Leben zusammenzuhalten, bevor es zerbröckelt und untergeht.

Johan Harstad: "Max, Mischa und die Tet-Offensive"
Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein
Rowohlt, Hamburg 2019
1244 Seiten, 34 Euro

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Das italo-slawische TriestWiderspenstige Anmut
Karl Friedrich Schinkels Aquarell "Blick von den Höhen hinter Triest über die Stadt auf das Meer" (1803).  (dpa / picture-alliance / akg-images)

Ein Ort multikultureller Einflüsse, an dem Süden, Osten und Norden miteinander verschmelzen – das ist Triest. Die slawischen, romanischen und österreichischen Bezüge spiegeln sich auch in der Literatur wider.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur