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Lesart | Beitrag vom 13.12.2018

Jörn Leonhard: "Der überforderte Frieden"Weltweites Erdbeben

Von Jörg Himmelreich

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(Cover: C.H. Beck / Hintergrund: picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)
Nach dem Ersten Weltkrieg sahen viele Völker in Osteuropa und in Asien ihre Chance gekommen und forderten Selbstbestimmung von den früheren Kolonialmächten. (Cover: C.H. Beck / Hintergrund: picture alliance / dpa / Uwe Zucchi)

Über das Ende des Ersten Weltkrieges wurde viel geschrieben. Jörn Leonhard wirft mit seinem Buch „Der überforderte Frieden“ eine Blick über den europäischen Tellerrand und fördert Erstaunliches zutage.

Um es gleich vorweg zu sagen: Jörn Leonhards Studie über die Friedensschlüsse von 1919 bis 1923 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ist eine anspruchsvolle und weit ausholende, aber brillante globalgeschichtliche Darstellung der Voraussetzungen und vor allem der globalen Folgen dieser Verträge. "Im Kern sollte es dabei nicht nur um eine Beilegung von Konflikten gehen, sondern auch um eine Friedensordnung mit globaler Reichweite", resümiert Leonhard treffend.

Überforderte Alliierte

Eine solche globale Neuordnung war nach dem Untergang der drei großen Imperien und Vielvölkerstaaten des Habsburger, des Osmanischen und des Russischen Reichs erforderlich geworden. Das von dem amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson schon 1917 verkündete Prinzip des Selbstbestimmungsrechts der neuen Staatenordnung in Ostmittel- und Südosteuropa sollte die Staatenbeziehungen und die Friedensschlüsse nach Kriegsende leiten.

Es fand jedoch seine Grenzen: in den machtpolitischen Interessen der Alliierten einerseits und den verschiedenen nach staatlicher Unabhängigkeit strebenden nationalen Bewegungen in den zerfallenden Imperien andererseits. Deswegen waren die Alliierten schon ab 1919 "überfordert", wie der Titel es ankündigt. Denn, so Leonhard, "die Konflikte zwischen ihnen nahmen zu, wobei das Selbstbestimmungsrecht immer wieder mit historischen, geographischen, strategischen oder wirtschaftlichen Begründungen für Grenzziehungen und für die Zuordnung ganzer Bevölkerungen konkurrierte."

Zwar finden auch in dieser Darstellung der Versailler Vertrag von 1919 zur Eindämmung des Deutschen Reichs, dessen historische Voraussetzungen und seine Folgen besondere Aufmerksamkeit. Dazu ist freilich vieles schon geschrieben worden, erst recht anlässlich des diesjährigen 100. Jahrestags des Endes des Ersten Weltkriegs. Dazu kann der Leser nichts Neues erwarten.

Streben nach Selbstbestimmung

Das herausragende, besondere Verdienst Leonhards ist es, die gesamten Friedensschlüsse von 1919 bis 1923 zur Neuordnung des Habsburger Reiches, Bulgariens, Ungarns, der Türkei und des Nahen Ostens in den globalen Zusammenhang von damals zu stellen. Der von Wilsons Selbstbestimmungsrecht und den Friedensverträgen geprägte historische Moment des Jahres 1919 kommt einem weltweiten politischen Erdbeben gleich.

Vietnamesen, Chinesen, Koreaner, Inder, Ägypter – sie alle entsenden 1919 Delegationen nach Paris, in der Hoffnung, mit ihrem Streben nach unabhängiger Selbstbestimmung und mit ihren besonderen territorialen Interessen Gehör zu finden. Deren Anliegen aus ihren nationalen Vorgeschichten heraus umfassend zu erklären, gelingt dem Autor vortrefflich.

Erst diese globalgeschichtliche Perspektive erweist, wie sehr eine häufige, historische Deutung des Versailler Vertrages als eines Zwischenmoments in einem einzigen großen Krieg von 1914 bis 1945 nur einem verengten deutschen Blick entspringt. Nach Leonhard ist das eine unzulässige nachträgliche Interpretation allein aus der Kenntnis der späteren NS-Machtergreifung heraus. Ihm geht es vor allem darum zu verdeutlichen, wie offen der historische "Weltmoment" damals war. Vielen war bewusst, dass alte Ordnungen zusammengebrochen waren, und sie verbanden Sorgen, Ängste, aber auch hohe Erwartungen mit der neuen, sich herausbildenden Ordnung, wie aus den Tagebucheinträgen von Kafka, Musil und Canetti hervorgeht, die Leonhard gern zitiert.

Gegen nationale Geschichtsklitterung

Gelegentlich gerät die Darstellung zu ausführlich, so wenn der Autor sich in die Baugeschichte des Eisenbahnwaggons des französischen Feldmarschalls Ferdinand Foch verliert, in der die deutsche Delegation gezwungen ist, die Waffenstillstandsvereinbarung vom 11. November 1918 zu unterzeichnen.

Das eindringliche Plädoyer für die Offenheit von Geschichte gerade im multipolaren Zusammenhang wendet sich streng gegen jede monokausale, national verengte Geschichtsklitterung im Nachhinein und damit unausgesprochen gegen eine politische Instrumentalisierung von Geschichte überhaupt. Das ist die Essenz dieses Spitzenwerks deutscher Globalgeschichtsschreibung.

Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden. Versailles und die Welt 1918–1923
C.H. Beck, München 2018
1531 Seiten, 39,95 Euro

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