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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.11.2020

Joanne K. Rowling: "Der Ickabog"Ein Märchen zum Verlieben

Von Elena Gorgis

Buchcover: J. K. Rowling "Der Ickabog" (Deutschlandradio / Carlsen )
Es ist eine Märchenwelt: Im Königreich Schlaraffien hält sich die Legende vom bösen Ungeheuer Ickabog, das Kinder frisst, die nicht brav sind. (Deutschlandradio / Carlsen )

Harry Potter machte J.K. Rowling weltberühmt. "Der Ickabog" ist nun das erste Kinderbuch der Autorin seither. Die Veröffentlichung ist ausgerechnet Corona zu verdanken. Und vieles in dem Buch stammt nicht von Joanne K. Rowling selbst.

Eigentlich hatte Joanne K. Rowling "Der Ickabog" vor mehr als zehn Jahren als Einschlafgeschichte für ihre beiden jüngeren Kinder geschrieben, es dann aber unvollendet beiseitegelegt.

Als im Frühjahr 2020 alle wegen Corona zuhause festsaßen, schrieb Rowling das Märchen kurzerhand fertig und stellte den Text als Fortsetzungsgeschichte kostenlos ins Netz. Parallel dazu rief die Britin zu einem Illustrationswettbewerb für diese Geschichte auf.

Weltweit 26 verschiedene Ausgaben

Insgesamt erscheint "Der Ickabog" in 26 verschiedenen Ausgaben, jede mit anderen Bildern. Die 34 Illustrationen in der deutschen Ausgabe sind alle so fantasievoll, akkurat und treffend, dass man nur staunen kann über das Talent der Sieben- bis Zwölfjährigen.

Da ist etwa das Bild der neunjährigen Marie, die das weiche, grüne Fell des Ickabogs, so fein mit dichten, schwungvollen Buntstiftstrichen auf seinen Felsblockartigen Körper gemalt hat, dass man am liebsten hineingreifen möchte.

Oder der braun-gescheckte Hund im grünen Busch vor einem imposant dunkel-getuschten Nachthimmel voller Sterne vom zehnjährigen Udo, der fälschlicherweise für den Ickabog gehalten wird. Rowlings plastische Sprache ist allerdings auch eine Steilvorlage für die Illustrationen.

Ickbog frisst unartige Kinder, oder? 

Diesmal breitet sie keine Fantasy-, sondern eine Märchenwelt vor uns aus: Im Königreich Schlaraffien hält sich die Legende vom bösen Ungeheuer Ickabog, das Kinder frisst, die nicht brav sind. Vielen Erwachsenen kommt die Legende gelegen. Und es dauert nicht lange, bis die Berater des Königs, zwei selbstsüchtige Schleimer, begreifen, wie sie mit der Angst vor dem Ickabog das ganze Land knechten können.

Nur ein kleines Mädchen lässt sich von dieser Angst nicht leiten. Wird sie es schaffen, die Lüge zu entlarven?

Typischer J.K.-Rowling-Humor 

Anders als die Harry-Potter-Bücher, die von den vielen Dialogen leben, ist "Der Ickabog" im typischen "Es-war-einmal"-Erzählton gehalten. Kurze Kapitel reihen sich aneinander, die tatsächlich wunderbar als Fortsetzungs-und-Vorlese-Geschichte funktionieren.

Mit Leichtigkeit zieht Rowling in diese Geschichte über Lüge und Wahrheit hinein, indem sie anschaulich von den weiten Obstgärten, den golden schimmernden Weizenfeldern und den berühmten Kuchen ihres Schlaraffiens schreibt.

Typisch Rowling ist auch ihr Humor: der König von Schlaraffien nennt sich selbst Fred, der Furchtlose, obwohl seine tapferste Tat darin besteht, eine Wespe erschlagen zu haben – mit Hilfe von fünf Dienern und einem Stiefelknecht.

Sofort hat man das Bild dieses eitlen, einfältigen Taugenichts vor Augen. Und so kann man den "Ickabog" nur lieben.

Widersprüche aushalten

Doch bei all dem muss man sich doch wieder fragen: Wie passt Rowlings Sympathie für Benachteiligte und Schwache dazu, dass sie gleichzeitig auf ihrer Webseite gegen trans* Menschen anschreibt? Die Antwort ist: Es passt nicht.

In der Literatur wie im Leben gilt: Es ist nicht alles schwarz-weiß, manche Widersprüche schmerzen. Wer diese Widersprüche aber als Herausforderung annimmt, als Ausgangspunkt für Diskussionen, ist selbstdenkend und souverän.

Joanne K. Rowling: "Der Ickabog"
Aus dem Englischen übersetzt von Friedrich Pflüger
Carlsen, Hamburg 2020
352 Seiten, 20 Euro
ab 8 Jahren

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