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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 06.06.2016

Joanna Bator: "Dunkel, fast Nacht"Knochen und Katzenfresser

Von Katharina Döbler

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Die polnische Schriftstellerin und Journalistin Joanna Bator (dpa / picture alliance / Rafal Guz)
Die polnische Schriftstellerin und Journalistin Joanna Bator (dpa / picture alliance / Rafal Guz)

Die Polin Joanna Bator lässt ihren dritten Roman in der schlesischen Stadt Wałbrzych spielen. "Dunkel, fast Nacht" ist ein Familienmelodram auf dem durchlöcherten Boden des alten Kohlereviers. Bator überzeugt mit absurdem Realismus und gnadenloser Ironie.

Schloss Fürstenstein zu Waldenburg in Schlesien war eines von Hitlers Lieblingsprojekten: Das Hauptgebäude mit seinen 500 Zimmern sollte als repäsentativer Wohnsitz dienen und ein zwei Kilometer langes Tunnelsystem unter dem Schlossberg zur unterirdischen Kommandozentrale ausgebaut werden. Häftlinge aus dem KZ Groß-Rosen schufteten hier unter Tage. 1945 soll, so geht die Legende, noch eine ganze Zugladung voller Nazigold in einem der Stollen versteckt worden sein.

Das heutige Wałbrzych ist eine Industriestadt im Niedergang. Nach fast 500 Jahren ist der Kohleabbau am Ende; geblieben sind zahllose Stollen im Untergrund, in denen illegale Kohleschürfer und Goldsucher wühlen.

Die polnische Autorin Joanna Bator, geboren 1968 in Wałbrzych, lässt ihren neuen Roman – wie schon die beiden zuvor – dort spielen. Ihre Stärke als Erzählerin liegt in den gnadenlosen, teilweise ironisch zugespitzten Schilderungen der polnischen Gegenwart.

Entwurzelte Neuankömmlinge

Der Zustand von Straßen und Wohnungen, die Gerüche und Geräusche in einem Regionalzug, die Kleidung, die Gebärden und, vor allem, die Sprechweise der Leute: Daraus setzt sie das hyperrealistische Tableau ihrer Stadt zusammen. Eine Stadt, die von entwurzelten Neuankömmlingen aus dem Osten besiedelt wurde und in der die von den geflohenen oder vertriebenen Deutschen hinterlassenen Häuser und Gegenstände Geschichten erzählen können.

Wie diese Fragmente fremder Existenzen mit eigener Bedeutung aufgeladen werden, führt Joana Bator immer wieder vor, etwa wenn die im Waldboden zuhauf vergrabenen Knochen in einer wahnwitzigen, aber keineswegs realitätsfernen Nebenhandlung als Papst- und Märtyrerknochen en gros verkauft werden. Da beweist sie ein ausgeprägtes Gespür für das Absurde, das an die Dramen des seligen Slawomir Mrozek erinnert.

Fantasy-Handlung endet in Kitsch

Aber leider verstrickt Bator ihre Ich-Erzählerin Alicija – eine Journalistin, die in ihre Heimatstadt zurückgekehrt ist, um über drei verschwundene Kinder zu schreiben – in ein mystisches Geschehen. Auf dem löchrigen Untergrund der Stadt und ihren Legenden baut sie eine Handlung auf, die sowohl Familienmelodram als auch Fantasy-Roman ist. Gute Frauen mit Katzennamen greifen helfend in menschliche Schicksale ein, während böse Katzenfresser in unterirdischen Höhlen Kinderpornos drehen.

Am Ende entpuppt sich auch noch Alicijas Geliebter als Agent des Guten, ein James Bond der Katzenfrauen mit Lizenz zum Töten. So wird die Brillianz von Bators absurdem Realismus unter einem schweren Zuckerguss aus Kitsch und Trivialität begraben. Schade.

Der Roman "Dunkel, fast Nacht" von Joanna Bator stand auf der Shortlist für den 8. Internationalen Literaturpreis 2016 des Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Joanna Bator: "Dunkel, fast Nacht"
Aus dem Polnischen von Lisa Palmes
Suhrkamp Verlag, Berlin 2016
511 Seiten, 24,95 Euro

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