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Fazit / Archiv | Beitrag vom 01.07.2018

Joana Vasconcelos im Guggenheim BilbaoRiesige Kunstwerke mit starker Wirkung

Von Tilo Wagner

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Die Künstlerin Joana Vasconcelos schaut in mehrere Spiegel, die Teil einer ihrer Installationen sind. (imago stock&people)
Die portugiesische Künstlerin Joana Vasconcelos vor einer ihrer Skulpturen (imago stock&people)

Ihre Installationen sind gigantisch: Joana Vasconcelos ist Portugals bekannteste zeitgenössische Künstlerin. Das Guggenheim in Bilbao feiert sie mit einer Einzelausstellung, in der unter anderem eine tonnenschwere Maske aus 231 Spiegeln zu sehen ist.

Ein riesiger rot-blau schimmernder Körper hat das Atrium des Guggenheim-Museums in Bilbao besetzt. Seine krankenähnlichen, kunstvoll bestickten, farbigen Stoff-Arme sind mit Leuchtdioden durchzogen, hängen frei schwebend in der Luft und schmiegen sich in die verwinkelte Spirale des Frank-Gehry-Baus ein. "Egeria" nennt die portugiesische Konzeptkünstlerin Joana Vasconcelos ihr spektakuläres Werk: eine tonnenschwere Walküre, an der 20 Handarbeiterinnen rund zwei Jahre lang genäht haben.

"Das Guggenheim ist ein einzigartiger Ort, wo das Zusammenspiel zwischen Architekt und Bildhauer, zwischen Frank Gehry und Richard Serra perfekt ist. Ich wollte meinen Teil dazu beitragen. Dieses Werk habe ich ganz speziell für diesen ganz besonderen Raum entworfen."

Auf das Gefühl kommt es an

"Es ist ganz schwer, das Werk zu erklären. Man muss es sich einfach anschauen. Denn dadurch wird ein bestimmtes Gefühl beim Museumsbesucher erregt, und das ist es, was mich interessiert. Nicht irgendeine Theorie, die dahintersteht, und nicht das Projekt an sich, sondern das Gefühl, das entsteht, wenn man die Ausstellung sieht."   

In den vergangenen Jahren hat die 46-jährige portugiesische Künstlerin mit ihren überdimensionalen Walküren eine Reihe von europäischen Kunststätten besetzt: in Versailles, im dänischen Aarhus oder in Lissabon.

Doch selten hat eine ihrer bunten Stoff-Kriegsgöttinnen eine derartige Wirkung entfalten können wie jetzt im Guggenheim. Es scheint, als ob der emblematische Gehry-Bau ein lebendes Organ bekommen hat, eine bunt pulsierende  Weiblichkeit inmitten der Welt aus hartem Titan, Stahl und Glas.

Bunt pulsierende Weiblichkeit

Das Guggenheim zeigt 35 Werke von Vasconcelos, darunter auch die bekanntesten Stücke aus ihrer 20-jährigen Karriere: "Marilyn", zwei riesige aus Edelstahl-Töpfen und Deckeln zusammengesetzte Stöckelschuhe, oder ihre "Burka"-Installation, bei der eine Ganzkörperbedeckung an einer Seilwinde in die Höhe gezogen wird und wie ein Fallbeil plötzlich zu Boden stürzt.

Unter den 14 eigens für die Guggenheim-Ausstellung entworfenen Werken sticht eine drei mal sechs Meter große venezianische Maske hervor, bestickt mit 231 Spiegeln: "I'm your mirror", entlehnt an einen Velvet-Underground-Song, ist gleichzeitig auch der Titel der Ausstellung.

Die Skulptur entfaltet eine ungewöhnliche Wirkung: Die Maske scheint trotz ihrer Größe fast zu verschwinden, der Raum mit den anderen Kunstwerken und die Betrachter rücken in den Vordergrund. Vasconcelos will ihr Publikum nicht schocken, sondern sanft in ihre Werke einbinden. Das sagt der spanische Kurator der Ausstellung Enrique Juncosa:

Warmherzigkeit statt Ironie

"Viele Konzeptkünstler sind sehr ironisch und humorvoll. Aber Vasconcelos zeichnet sich aus, weil ihr Humor warmherzig ist. Es gibt sehr viel Kunst, die ironisch auf sich selbst schaut – und das machen die Werke von Vasconcelos nicht. Ihre Kunst ist visuell ansprechend, sie verbindet  Konzeptkunst mit Alltagsgegenständen. Vaconcelos Ironie richtet sich nicht gegen das Publikum, sondern sie versucht, auf die Menschen zuzugehen."

Das klappt nicht immer. Im Außenbereich des Museums steht ein monströser Verlobungsring in einem Wasserbecken: Über 1300 Whiskeygläser formen einen Diamanten, der auf einem Ring aus 112 goldlackierten Sportautofelgen sitzt.

Diese etwas platte Anspielung auf das oberflächliche Verhältnis von Mann und Frau in unserer Konsumgesellschaft kommt auch deshalb nicht zum Ausdruck, weil das Werk nicht neben den berühmten Skulpturen von Jeff Koons oder Louise Bourgeoise steht, sondern versteckt am östlichen Ende des Museumsgeländes, eingeklemmt zwischen einer Brücke und einem Parkplatz.

Wesentlich interessanter ist da schon "Call Center": Ein schwarzer James-Bond-Revolver aus 168 alten schwarzen Wahlscheibentelefonen, die mit einander verbunden sind und mit ihren schrillen Klingeltönen ein 20-minütiges Musikstück des Lissabonner Komponisten Jonas Runa spielen: Das Telefon – eine Waffe, die für unsere Aufmerksamkeit tödlich sein kann.

Hinter dieser Botschaft steht zwar keine komplexe Theorie, sie mag bei vielen Besuchern trotzdem ankommen, weil sie stilistisch hochwertig präsentiert wird. Und schließlich spiegelt sich in dieser Installation wie auch in dem überdimensionalen Köper im Foyer des Museums ein ganz allgemeiner Wunsch der Künstlerin wieder.

Kunst muss Zeit generieren für das Nachdenken             

"Niemand nimmt sich Zeit fürs Museum", so Vasconcelos. "Die Leute stehen maximal drei Sekunden vor einem Bild. Ich will das mit so riesigen Werken wie der "Egeria" ändern. Wenn du sie betrachten willst, musst du zwangsläufig durch das ganze Museum laufen, du musst dir für die Skulptur und für den Raum, in dem sie hängt, Zeit nehmen. Das ist auch die Aufgabe der Kunst: Sie muss Zeit generieren, um Raum zu schaffen fürs Reflektieren, fürs Nachdenken."

Bis zum 11. November wird "I'm your mirror" in Bilbao zu sehen sein. Danach kommt die Ausstellung in das Serralves Museum nach Porto und später nach Rotterdam. Fehlen wird allerdings die Stoff-Walküre Egeria: Sie ist einfach viel zu groß für andere Kunststätten.

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