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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.02.2017

Joachim Radkau, "Geschichte der Zukunft"Als Ernst Bloch noch für Atomkraft schwärmte

Von Frank Kaspar

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Buchcover "Geschichte der Zukunft" vor der Kulisse des Ostberliner Palastes der Republik (Hanser-Buchcover / imago)
Buchcover "Geschichte der Zukunft" vor der Kulisse des Ostberliner Palastes der Republik (Hanser-Buchcover / imago)

Kleine Reaktoren im Garten, Individualverkehr für alle und vielleicht auch Sozialismus als Lösung für Ungerechtigkeit - Joachim Radkau beschreibt, wie sich die Zukunftvisionen der Deutschen seit 1945 in Albträume verwandelten: ein ungewöhnlicher Blick auf die Geschichte.

Hinterher ist man immer schlauer. Aber davon allein lernt niemand dazu. Der Historiker Joachim Radkau warnt in seinem Buch "Geschichte der Zukunft" vor Rechthaberei in beide Richtungen: beim Blick zurück und bei gewagten Prognosen.

"Expect the Unexpected": Rechnen Sie mit dem Unerwarteten! Diese Warnung las Joachim Radkau an einer Straße mit engen Haarnadelkurven. Sie gilt seiner Ansicht nach auch für den Blick in die Zukunft. Denn wer einmal genauer beobachtet, welche Hoffnungen und Ängste Menschen in der Vergangenheit bewegten, dem erscheint die Geschichte dieser Zukunftserwartungen als kurvenreiche Strecke voller Wendungen und Widersprüche.

Als Technikhistoriker hat Joachim Radkau Aufstieg und Krise der Atomwirtschaft und die Geschichte der Öko-Bewegung erforscht. Sein neues Buch ist eine Chronik der Zukunft von gestern. Dafür hat er eine Zeitspanne ausgewählt, die auf den ersten Blick wenig Überraschendes verspricht: die jüngste deutsche Vergangenheit nach 1945. Aber im Widerstreit unterschiedlicher Zukunftsszenarien verteilten sich die Fronten oft anders als man von heute aus erwarten sollte.

Blick zurück, als dem Atom die Zukunft gehörte

Wer hätte gedacht, dass der Philosoph Ernst Bloch in seinem Hauptwerk "Das Prinzip Hoffnung" ein goldenes Zeitalter der Atomkraft heraufbeschwor? Bis in die sechziger Jahre hinein fand die Atomenergie Befürworter, die sich als progressiv und links verstanden. Skeptische Stimmen kamen zuerst von Ingenieuren der Stromkonzerne, den späteren Wortführern der Atomlobby.

Joachim Radkau nennt viele Beispiele für ein solches "Zickzack der Zukünfte". Nachdem Science-Fiction-Autoren und Physiker in den 50er und 60er Jahren von Raumflügen zum Mond, zum Mars und darüber hinaus geträumt hatten, flaute die Raumfahrt-Euphorie nach der Mondlandung 1969 allmählich wieder ab. Stattdessen kam es zu einer Wiederentdeckung der Erde aus dem All: Aufnahmen des Heimatplaneten wurden zur Ikone der Umweltbewegung.

Die Dialektik von Utopie und Überraschung bildet das Leitmotiv von Radkaus Buch. Übernommen hat er es von Jürgen Kuczynski, einem prominenten Historiker der DDR. Im Wendejahr 1990 fragte ein Altkommunist, der seine Zukunft verloren glaubte, den Professor um Rat. Kuczynski erwiderte gelassen, der Fortschritt in der Geschichte verlaufe bekanntlich im Zickzack. "Und jetzt sind wir eben in einem Zack."

Blick auf die Hinterbänke der Lobbyisten

Der DDR widmet Radkau nur einige Seitenblicke. Für die Jahre vor der Wende schildert der Heuss-Biograph vor allem die Entwicklung im Westen. Dabei zeichnet er nicht nur große Debatten nach, sondern erlaubt lesenswerte Einblicke auf die Hinterbühnen der Agrar- und Industrieverbände, Ausschüsse, Lobbyisten und Beraterstäbe.

Zu guter Letzt merkt Radkau an, welche Zukunftsentwürfe wir derzeit dringend bräuchten: ein gemeinsames Leitbild für Landwirtschaft und Naturschutz, die seit langem gegeneinander ausgespielt werden, und ein konkretes Verständnis von "Multikultur", über das man diskutieren kann, ohne in moralische Anschuldigungen abzugleiten, bevor es überhaupt zum Austausch von Argumenten kommt.

Joachim Radkau, Geschichte der Zukunft. Prognosen, Visionen, Irrungen in Deutschland von 1945 bis heute
Hanser, München, 2017, 544 Seiten, 28 Euro

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