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Kompressor | Beitrag vom 04.03.2021

Joachim Lottmann: "Sterben war gestern"Bloß kein Identitätsmist

Von Annette Walter

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Joachim Lottmann sitzt auf einem Stuhl, er trägt Hemd und Pullunder. Im Hintergrund Schattenspiele. (Thomas Draschan)
Joachim Lottmann gilt als einer der ersten "Pop-Autoren" in Deutschland, seit er 1987 mit seinem Debütroman "Mai, Juni, Juli" großes Aufsehen erregte. (Thomas Draschan)

In dem brillanten Roman "Sterben war gestern" verfolgt ein erfolgloser Schriftsteller den Plan, ein Buch über die "Generation Y" zu schreiben. Joachim Lottmann hat Spaß an Leerstellen, Irreführung der Lesenden und leichtfüßiger Schmähkritik.

Der Held ist wie bereits in vorherigen Büchern dieses Autors ein gewisser Johannes Lohmer, das literarische Alter Ego von Joachim Lottmann. Zwischen beiden gibt es so viele Parallelen, dass man eigentlich nur bedingt von einer Kunstfigur sprechen kann. Dieser Johannes Lohmer leert auf Partys gern mal sein mitgebrachtes Campari-Fläschchen, das er aus seiner Jackentasche zieht.

Wer den echten Lottmann mal erlebt habt, weiß, dass auch dieser seine Drinks am liebsten selbst mitbringt.

Das dämliche Coronavirus

Lohmer ist ein Schriftsteller, der seine eigene Unzulänglichkeit thematisiert. An einer Stelle erwähnt er Daniel Kehlmann – "auch ein Schriftsteller wie ich, aber ein erfolgreicher". Er bezeichnet sich als Pop-Autor, dessen Werk von Optimismus getragen wird. Er schreibt von den wenigen, die ihn mögen. Ein Dandy, preußisch-blauer Westbury-Mantel und schwarz glänzende, gut geputzte Schuhe. Er verachtet "Identitätsmist".

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Wir befinden uns im März 2020, mitten in der ersten Coronakrise: Hamsterkäufe, Ausgangssperre, Lockdown. Lohmer klagt, in Berlin mäandere eine ausgelaugte, zermürbte, schlecht gelaunte Große Koalition dem Corona-Verhängnis entgegen. Er nennt es die "Nach-Merkel-Ära in Dunkel-Deutschland", ätzt über das dämliche Coronavirus, das in dieser Zeit zirkulierte, was "meine Stimmung auch nicht gerade hob".

Lästern über humorlose Linke

Lohmer lernt die Influencerin und Schauspielerin Lana de Roy auf dem Fest des Literarischen Colloquiums Berlin am Wannsee kennen. Er trifft einen Jugendforscher und hegt den Plan, ein Buch über die Generation Y zu schreiben, auch Generation Greta genannt, die nach den Millennials, den internetfixierten Zombies, aufgetaucht ist. Beschrieben werden authentische Ereignisse wie etwa der Terroranschlag in Wien oder die versuchte Erstürmung des Reichstags.

Es geht viel um Identitätspolitik, und Lohmer lästert über die humorlose Linke. Linkssein lehnt er ab, wenn es einen geistlosen moralischen Panzer statt intellektueller Arbeit darstellt:

"Mit der Pubertät kommt das Linkssein, so sicher wie der Stimmbruch. Später merkt man dann, dass das alles nicht stimmt, diese ganzen Evergreens des rebellischen Bewusstseins. Die Eltern sind eigentlich gar nicht total Scheiße, sie haben eine Menge Ärger mit einem gehabt und sich ganz schön aufgeopfert. Auch der Staat ist gar nicht hundertprozentig faschistisch, sondern demokratischer, sozialer und um seine Bürger besorgter als so ziemlich alle Diktaturen in Asien, Afrika und Südamerika. Auch sind nicht alle Männer blöde Machos und potenzielle Vergewaltiger, Bundeswehrsoldaten Mörder, und so weiter. Man muss sich gar nicht schämen. Nicht für seine Eltern, nicht für seine Ahnen, um das Wort Volk zu vermeiden, nicht für sein Geschlecht, nicht für seine Kultur. Es gab immerhin Heinrich Heine."

Schelmisch gegen Innerlichkeit

Der ironische Stil zieht sich durch das ganze Buch. Lottmann wird oft als Erfinder der deutschen Popliteratur genannt, und das trifft auch zu.

Seine Bücher könnte man durchaus als Schelmenromane bezeichnen, die sich stark von irgendeiner Art von Innerlichkeitsliteratur abgrenzen. Sie kennzeichnet eine ironische Distanz zu dem, was er beschreibt.

Natürlich schamlos übertrieben

Hat er alles wirklich erlebt, wie es im Buch steht? Das herauszufinden ist kein einfaches Unterfangen, denn Lottmann hat ein diebisches Vergnügen an Leerstellen und Irreführungen der Leser. Er mischt gern Fiktion und Realität. An einer Stelle sagt Lohmer "Ich übertrieb natürlich wieder schamlos" – und das kennzeichnet gut diesen Stil.

Lottmann selbst beschreibt seine Erzählhaltung so: dass er einfach sein Leben erzählt. Ohne Analyse, ohne zweite Ebene, ohne "kritische Gedanken". Was natürlich auch eine ziemlich kokette Aussage ist.

Aber so ist eben Lottmann. Er ist ein präziser Beobachter und stilistisch brillanter Autor. Wenige Schriftsteller der Gegenwart können Schmäh- und Gesellschaftskritik so leichtfüßig und amüsant schreiben, ohne platt zu wirken.

Joachim Lottmann: "Sterben war gestern. Aus dem Leben eines Jugendforschers"
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2021
352 Seiten, 12 Euro

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