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Buchkritik | Beitrag vom 29.07.2019

Joachim Bessing: "Bonn. Atlantis der BRD"Charmante, aber unbedeutende Elegie auf die Bonner Republik

Von Arno Orzessek

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Buchcover zu Joachim Bessings "Bonn. Atlantis der BRD" (Matthes & Seitz Berlin)
Joachim Bessing nähert sich der versunkenen Welt der Bundesstadt Bonn, die er früher nicht selbst erlebt hat. (Matthes & Seitz Berlin)

Mit Bonn verbindet den gebürtigen Schwaben Joachim Bissing wenig. Trotzdem fühlt er sich berufen, der versunkenen Bonner Republik nachzuspüren. Herausgekommen ist ein schmales, subjektiv geprägtes Bändchen, hübsch bebildert von Christian Werner.

Bevor sich jemand getäuscht fühlt, sei gesagt: Wie es zuging in der damaligen Hauptstadt der Bundesrepublik, darüber weiß Joachim Bessing gar nichts. Zumindest nicht aus eigener Erfahrung. Bessing hat Bonn erstmals besucht, als er 1999 zum Gartenfest von Kanzler Gerhard Schröder eingeladen war, also in dem Jahr, in dem die Bundesregierung nach Berlin umzog.

Und dann wieder jüngst, um für "Bonn. Atlantis der BRD" zu recherchieren, genauer: für die letzten paar Seiten des Büchleins. Denn in der Hauptsache schildert Bessing, geboren 1971 im Bietigheim am Neckar, sein eigenes Leben. Er tut es indessen so, dass hinter dem Privaten und Persönlichen das Lebensgefühl in der alten Bundesrepublik alias Bonner Republik und der Wandel der Dinge nach 1989 spürbar werden.

Bessing gehörte zu jenem "Popkulturellen Quintett", dessen Protokolle 1999 unter dem Titel "Tristesse Royale" berühmt wurden. Als wäre vom einstigen Status-Bewusstsein noch etwas übrig, stellt er seinem Werk vielsagende Verse der britischen Pop-Band "Prefab Sprout" voran: "We were Greek Gods/we were singled out by fate" (wir waren griechische Götter/wir wurden vom Schicksal herausgegriffen).

Auch die Eingangsfrage zeugt von Vergangenheitsbegeisterung: "Kennen Sie die wilde Schwermut, die einen ergreift, wenn man sich an Zeiten des Glücks erinnert?" Bessing weiß jedoch, dass "im Nachglanz die Bilder lockender" hervortreten, vermeidet gefühlsselige Nostalgie und schreibt im Weiteren eher in gehobenem Generation Golf- als in schwerblütigem Proust-Stil.

Recherchereise verläuft eher ernüchternd

Bonn spielte im Leben des jungen Schwaben "keine Rolle", außer, dass die Tagesschau fast immer mit einer Nachricht aus der fernen, seltsamen Stadt begann. Fernsehen war generell wichtig, zumal, als es farbig wurde. Für Großvater Rudolf machte TV das Reisen überflüssig: "Schöner als so kriegt man die Welt nicht zu sehen." Trotzdem reiste die Familie, musikalisch begleitet von Boney M. und Jean-Michel Jarre, nach Frankreich. Dort konnte Joachim irgendwann auch anwenden, was er zu Hause bei der geheimen Lektüre des gelben Buches Sexfront gelernt hatte.

Und so springt Bessing in kurzen Abschnitten durch Jahre und Jahrzehnte: die erste Stereoanlage, der Höhepunkt des RAF-Terrors, die Nächte in der Disco Cactus, die Wehrdienst-Verweigerung, die erste eigene Wohnung, der immerwährende Kanzler Kohl, der Mauerfall, die Reichstagsverhüllung...

Bessing wohnt in Hamburg, tummelt sich in der Halbwelt, zieht nach Berlin und will während der Grablegung von Helmut Kohl, die bei Phoenix übertragen wurde, gemerkt haben, dass er das Buch "Bonn. Atlantis der BRD" schreiben muss (so erzählte er es im WDR).

Die Recherchereise ins heutige Bonn verläuft eher ernüchternd. Dafür macht der Fotograf Christian Werner während der Suche nach der verlorenen Zeit einige hübsche Fotos, die das Büchlein vortrefflich bebildern. Es ist absolut kein bedeutendes Werk, aber ein charmantes. Am meisten haben Altersgenossen Bessings davon. Denn es stimmt ja: Wenn man sich aus dem kakophonischen Rauschen des politischen Berlins zwischen all den großen Architekturen zurückzudenken versucht in die versunkene Ära Bonns, ist es tatsächlich so, als würde man einem zweiten Atlantis nachsinnen.

Joachim Bessing: "Bonn. Atlantis der BRD"
Mit 24 Fotografien von Christian Werner
Matthes & Seitz Berlin, Berlin 2019
123 Seiten, 15 Euro

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