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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 13.12.2019

Jewish Monkeys "Catastrophic Life""Wir sind die wiederauferstandenen Klezmer-Clowns"

Von Luigi Lauer

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Bandfoto vor schwarzem Hintergrund. (Ilya Melnikov)
Irgendwo zwischen Punk, Rock, Klezmer angesiedelt: Die Jewish Monkeys (Ilya Melnikov)

Zwei aus Frankfurt am Main stammende Musiker haben vor sechs Jahren in Tel Aviv die Jewish Monkeys gegründet. Mittlerweile haben sie zwei Alben herausgebracht und sich jetzt neu aufgestellt. Das hört man dem neuen Album „Catastrophic Life“ an.

Provokation ist Programm. Wenn die Jewish Monkeys zuschlagen, ob live oder mit neuem Album, dann gibt's was auf die Mütze. Schon der Bandname lässt nichts Gutes erahnen. Der Begriff "Jewish Monkeys", "Jüdische Affen", wird im Nahen Osten bis heute gerne gegen Juden verwendet, wie Frontmann Jossi Reich erzählt. "Jewish Monkeys ist ja ein Schimpfwort in der arabischen Welt. Aber das wussten wir noch nicht, als wir uns diesen Bandnamen gegeben haben. Ja, die Monkees, mit denen bin ich groß geworden Ende der 60er, Anfang der 70er. Und da dachte ich: Wieso nicht Jewish Monkeys? Und erst später ging uns so langsam die ganze politische Unkorrektheit des Namens erst auf."

Im Herzen Klezmer-Punk

Die Idee, sich ein Schimpfwort einzuverleiben und ihm damit die Zähne zu ziehen, brachte den Jewish Monkeys auf der Stelle Sympathiepunkte ein. Doch es ist vor allem die Kombination der humorvollen und bisweilen rotzfrechen Texte mit einer Musik, die sie selber Klezmer-Punk-Rock nennen, die ihre Fan-Gemeinde begründet hat.

Diese Ausrichtung trifft grundsätzlich auch für "Catastrophic Life" zu, ihrem neuen und dritten Album, obwohl sich in der Besetzung einiges geändert hat.

"Ja, es gibt eine Totalverjüngung. Es waren zwei Frankfurter Juden, die miteinander groß geworden sind, meine Wenigkeit und der Roni Boiko. Und er war auch derjenige, der so die ersten Songs geschrieben hat und das war viel mehr noch im Jiddischen verankert", erinnert sich Reich. "Irgendwie sind wir eine Klezmer-Punk-Band geblieben, und wir haben jetzt einen neuen musikalischen Leiter, das ist Omer Hershman. Der ist wirklich der Jüngste von uns, der ist gerade mal knappe 40 und hat wesentlich zum dritten Album beigetragen." Das klingt nach Jewish Monkeys 2.0.

Eigene Musik steht jetzt im Vordergrund

Und was ist die aktuelle Rolle von Jossi Reich mit seinen 56 Jahren? "Ich bin eher so der Mann im Hintergrund, der irgendwann mal die Vision hatte", sagt Reich.

Und vergessen hatte, damit zum Arzt zu gehen. Dabei war der in Person des Veterinärmediziners Dr. Roni Boiko schon im Probenraum. Doch Boiko hat die Band inzwischen aus familiären Gründen verlassen. Jossi Reich gibt als hauptberuflicher Bühnenhüpfer den Frontmann und lässt sich auch vom Singen nicht abhalten.

Die Verjüngung hat den Jewish Monkeys eindeutig gut getan. Durch die Abkehr von der stilistischen Selbstbeschränkung auf Punk und Polka, Ska und Klezmer "ist jetzt etwas entstanden, was jetzt gar nicht mehr im Jiddischen verwurzelt und überhaupt keine Cover-Versionen sind, findet Reich. "Das ist jetzt so Punk-Rock, der auch sehr stark durch die beiden Bläser, die an Bord gekommen sind, die ein bisschen so 70er Jahre funky oder sogar auch ein bisschen was Afrikanisches, so Afro-Soul reinbringen. Dadurch ist auch die musikalische Varianz viel größer geworden. Und da ist ein wirklicher Fortschritt entstanden, wobei: Klezmer-Punk-Rock, diese Wurzel ist geblieben."

Erektionsprobleme und Liebeserklärungen

Trotz der stilistischen Aufrüstung sind die Jewish Monkeys weit entfernt von musikalischer Belang- oder Orientierungslosigkeit. Für Punk sind sie zu gut, für Klezmer zu offen, und für Langeweile hatten sie noch nie etwas übrig.

Dem Titel "Catastrophic Life" zum Trotz: Das neue Album der Jewish Monkeys handelt nicht von Erderwärmung, Krieg, Hunger, Despotismus oder dergleichen.

Es schaut auf die kleinen Dinge. Da ist der wehmütige Rückblick auf den tabulosen Sex in der Hochzeitsnacht, der im resignierten Satz endet: "Wie konnte ich auf dem Rücksitz deines Lebens landen?"

Oder es geht um Verloren- und Verlogenheit im Facebook-Zeitalter; um die kleinen Schicksalsschläge, die einem dennoch nicht die Freude am Schönen nehmen sollten; es geht um Erektionsprobleme; gescheiterte Kleinstadt-Existenzen oder auch einfach mal um eine Liebeserklärung.

Speziell jüdisch-israelische Themen gibt es nicht. Stattdessen: Viel hintergründiger Humor, aber ohne böse Bissigkeit. Also vielleicht doch jüdisch?

Jüdisch ist, wenn man trotzdem lacht

"Das ist halt krasser Humor, der sich über sich selber lustig macht, in fast schon selbstbeleidigender Weise – und das ist etwas sehr, sehr Jüdisches. Und das ist, glaube ich, für Deutsche nicht immer verständlich, aber wir singen es halt. Und in dem Moment, wo wir es singen, gucken die Leute mit großen Augen und tanzen vor allen Dingen", sagt Sänger Reich.

Bandfoto vor schwarzem Hintergrund. Aufnahme von schräg-oben. (Ilya Melnikov)"Catastrophic Life" ist der Titel des neuen Albums der "Jewish Monkeys". (Ilya Melnikov)

"Unsere Texte werden oft auch schon mit Stirnrunzeln empfangen", fährt der Musiker fort. "Aber es ist manchmal wirklich auch ein bisschen Stampfmusik, dieser Punkrock und im Hintergrund die Trompeten und unser Gejaule und so weiter. Das mag manchmal ein bisschen Primitivrock sein, aber es kommt gut an und insbesondere, bis jetzt, hier in Deutschland."

Man könnte mit jüdischem Humor auch sagen: Ein wenig primitiv vielleicht, aber, komm, für Deutschland reicht's. 

Comeback der Klezmer-Clowns

Mit "Catastrophic Life" beweisen die Jewish Monkeys in ihrem jungen Dasein nicht zum ersten Mal, dass sie sich neu erfinden können. Die zum Septett ausgebaute Truppe hält auch auf ihrem dritten Album Überraschungen bereit, nach dem Motto: Nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Die Fangemeinde hierzulande bleibt sicher auch treu. "Wir sind quasi die wiederauferstandenen Klezmer-Clowns, wie man sie im alten Osteuropa kannte. Und wir sind auch ein bisschen die Chansonniers und Barden, die natürlich auch sehr oft aus dem Jiddischen kamen und dem Jüdischen, wie man sie in Deutschland kannte und vergessen hat. Und sowohl als wir angefangen haben als Konzertensemble 2014/2015 zu touren, bis heute... ja, ich sehe das in den großen Augen der Leute, wenn die uns angucken und wenn die einfach etwas sehen, was es nicht mehr gibt in Deutschland und ein ganz klein wenig in unserer Gestalt dann doch wieder ein bisschen gibt, gerade deswegen mögen uns die Leute insbesondere in Deutschland."

Die Jewish Monkeys haben doppelt solange im Verborgenen Musik fast nur für sich gemacht, wie sie professionell unterwegs sind, nämlich seit gerade mal fünf Jahren. Mit "Catastrophic Life", ihrem bereits dritten Album, zeigen sie ihre Kontinuität im Wandelbaren und können schon jetzt stolz zurückblicken auf das Erreichte. An Selbstbewusstsein mangelt es diesbezüglich jedenfalls nicht.

"Ganz Deutschland hört uns zu, und das ist auch richtig so", sagt Reich. "Wir sind gut, wir sind gut. Wir sind die Jewish Monkeys, wir sind gute Menschen."

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