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Tonart | Beitrag vom 25.06.2020

Jessie Ware: "What’s Your Pleasure"Underground-Disco mit Hochglanz-Pop

Von Christoph Möller

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 Jessie Ware bei einem Auftritt auf der Bühne: Sie trägt ein weißes Kleid, legt den Kopf in den Nacken und singt in ein Mikrofon, der Hintergrund ist bläulich mit Scheinwerfern. (picture alliance / NurPhoto / Maria Jose Segovia )
Kritik an der Musikindustrie - und trotzdem tanzbar: Jessie Wares neues Album. (picture alliance / NurPhoto / Maria Jose Segovia )

Die britische Musikerin Jessie Ware moderiert einen der populärsten Podcasts in ihrer Heimat. Ed Sheeran und Dua Lipa waren dort schon zu Gast. Die Musikerin kann inzwischen gut davon leben. Trotzdem erscheint nun ihr viertes Album – ihr bislang bestes.

"Ich fand die ganze Musikindustrie einfach total ermüdend und anstrengend", sagt Jessie Ware. "Ich habe einige Dinge verändert mit dieser Platte: Ich habe ein neues Management und mein Label gewechselt." Es habe sich angefühlt wie ein Neustart – und sie sei mit einer ganz anderen Haltung ins Studio gegangen. "Ich dachte, ich muss schon Spaß haben an der Sache, sonst ergibt das alles doch überhaupt keinen Sinn."

"What’s Your Pleasure" – Was ist dein Vergnügen? So heißt das neue, vierte Album der Britin. Es ist ihr bislang bestes. Jessie Ware verbindet darauf wie kaum jemand sonst ein Gefühl von Underground-Disco mit Hochglanz-Pop-Produktion. Etwa im Stück "Adore You" – ich verehre dich. Ware wiederholt immer wieder nur diese eine Zeile. Dazu glockenartige Synthesizer. Was tendenziell trivial sein könnte, hat bei Jessie Ware eine große Eleganz.

Es ist selten, dass eine Major-Label-Künstlerin so offen über die ausbeuterischen Mechanismen der Musikindustrie spricht. Doch für Ware ist es selbstverständlich. Denn wie soll gute Musik entstehen, wenn es nur noch ums Geschäft geht?

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"Es war eine Überraschung, wie erfolgreich mein erstes Album war." Sie habe plötzlich einen immensen Druck gespürt. "Die Leute wollten, dass ich dieser große Star werde. Aber ich wollte kein Star sein!" Also habe sie ständig alle enttäuscht. "Alles, was ich tat, fühlte sich falsch an. Was ja auch logisch ist, wenn es nur darum geht, irgendwelche Leute in Anzug zufriedenzustellen."

Vertrag über fünf Alben unterschrieben

Wie heftig Major-Labels versuchen, junge Musikerinnen und Musiker systematisch als Stars aufzubauen, zeigte vor einigen Tagen auch ein Tweet von Charli XCX. Darin schreibt die Britin, dass sie mit 16, quasi noch auf der Schulbank sitzend, einen Vertrag über fünf Alben unterschrieben hat.

Ein extrem ungewöhnlicher Vorgang, der XCX über Jahre an ihr Label bindet. Jessie Ware kann darüber nur lachen: "Was soll ich sagen?" Sie habe auch einen Vertrag über fünf Alben unterschrieben – zwar nicht mit 16, aber mit 27. "Ich hätte es besser wissen müssen! Nein, ich klinge, als würde ich das nicht zu schätzen wissen. Aber, wow, mit 16 Jahren! Das ist verrückt. Diese Belastung, die sie gespürt haben muss."

Musik als sinnliche Erfahrung für den Körper

"What’s Your Pleasure" ist nun nicht die Musik gewordene Großkritik an der Musikindustrie. Sondern ein tanzbares Disco-Album, das die Selbstermächtigung der heute 35-Jährigen, wenn überhaupt, dann subtil vermittelt. Der Elektro-Pop-Sound, der in Richtung "Dancefloor" geht, erinnert an Robyn oder Roísín Murphy. Der locker gespielte Bass an Chic. Manchmal hört man Streicher. Und fast immer trockene, tanzbare Beats. Zusammen mit Wares Stimme hat das etwas Verführerisches – fast schon eine erotische Note. Das wird besonders deutlich im lautmalerischen Stück "Ooh La La".

Musik, die an die Sounds des legendären Disco-Clubs "Studio 54" erinnert. "What’s Your Pleasure" ist eine Ode ans Tanzen und an die Wirkung von Musik als sinnliche Erfahrung für den Körper. Ware fordert die Hörerinnen und Hörer auf, ihre Lippen zu lesen und ihr tief in die Augen zu schauen. Dazu hört man Kussgeräusche. Es geht um Sex, um exzessives Feiern, um intensives Flirten. Man hört eine Künstlerin, die sich die große Freude am Musikmachen bewahrt hat.

Texte könnten tiefsinniger sein

"Ich bin glücklich über jeden Tag, an dem das mein Job ist und ich ins Studio gehen kann, um Musik zu schreiben, zu der Leute tanzen. Zu der Leute sich küssen! Zu der sie weinen! Oder was auch immer machen. Es schmeichelt mir, dass die Leute mir erlauben, das weiterhin zu tun."

"What’s Your Pleasure"? Das fragt Jessie Ware auf diesem Album. Und alle können diese Frage beantworten, wie sie wollen. So funktioniert guter Pop. Die Texte könnten manchmal etwas tiefsinniger sein. Aber was soll’s? Hier geht es darum, Spaß zu haben. Das mag angesichts der Weltlage banal klingen. Aber wie sang schon die Hamburger Band Die Sterne? "Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten." Jessie Wares Album ist die Vertonung dieser Zeile. Ein Traum, den man wieder und wieder träumen kann, und der auch diese Krise etwas erträglicher macht.

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