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Lesart / Archiv | Beitrag vom 14.06.2016

Jesper Juul: "Leitwölfe sein - Liebevolle Führung in der Familie"Die Stimme der Vernunft in Erziehungsfragen

Von Susanne Billig

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Der Familientherapeut und Autor, Jesper Juul (imago / Rainer Unkel)
Der Familientherapeut und Autor, Jesper Juul: Kinder sind fast unbegrenzt kooperationsbereit. (imago / Rainer Unkel)

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul mahnt in seinen Erziehungsratgebern Selbstverständlichkeiten an: Vertrauen, Beziehung, Wertschätzung. In "Leitwölfe sein" ermutigt er Eltern erneut, nicht auf Regelwerke zu setzen, sondern innerer Stimme und eigenem Gefühl zu folgen.

Ein Kind braucht Erwachsene, die es wertschätzend und entschlossen in die Welt einführen, lautet die Botschaft von "Leitwölfe sein", dem neuen Buch des dänischen Familienexperten Jesper Juul.

Die Wolfsmetapher soll die Idee liebevoller Führung vom Ruch autoritärer Herrschaftsansprüche befreien und einbetten in den natürlichen Verlauf kindlicher Bedürfnisse, denn in einer Wolfsfamilie leiten die erfahrenen Tiere das Rudel in enger Kooperation mit allen Mitgliedern der Gruppe.

Kaum jemand ist so kooperativ wie kleine Kinder

Damit liebevolle Führung gelingt, seien Kinder mit einem schier unbegrenzten Maß an Kooperationsbereitschaft ausgestattet, was Eltern oft zu wenig schätzten, betont Jesper Juul und führt das Beispiel eines Kleinkindes an, das in eine andere Kultur adoptiert wird: Innerhalb kürzester Zeit wechselt es alle seine Gewohnheiten, richtet sein Denken völlig neu aus und bettet sich widerstandslos in die fremde Sprache ein. Kein Erwachsener wäre zu so viel Kooperation in der Lage.

Neben Passagen über die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls oder den heiklen Umgang mit eigenen Kindheitserfahrungen, wenn man selbst schon Kinder großzieht, befasst sich Jesper Juul auf vielen Seiten auch mit weiblichen und männlichen Führungsqualitäten in der Familie – und liest beiden Geschlechtern die Leviten.

Das Problem mit den Geschlechterrollen

Es reiche nicht aus, wenn Männer keine grobe Gewalt mehr in ihrer Familie ausübten – sie seien als Bindungspartner gefragt, müssten sich innerlich intensiver involvieren. Frauen hingegen, selbstbewusst auf der Arbeit oder mit Freundinnen, verwandelten sich zu Hause häufig in "Kätzchen oder unausstehliche Kontrollfreaks", unfähig eigene Bedürfnisse unverkrampft sichtbar zu machen.

In kleinen Extrakapiteln mit dem Titel "Eltern fragen Jesper Juul" nennt der Autor ein Beispiel: Eine Mutter sieht sich nicht in der Lage, ihre dreijährige Tochter ins Bett zu schicken. Stundenlang läuft die Kleine zu den Eltern zurück und lässt sich von keiner Bitte beeindrucken. Als der Familienfachmann der Frau rät, der Tochter klar zu sagen, dass die Eltern jetzt lieber allein sein möchten und keine Lust mehr haben auf Zeit mit Kind, fällt die Mutter aus allen Wolken. "Ja, fühlt sich mein Kind dann nicht abgelehnt?" - "Hoffentlich!" ruft Jesper Juul. "Das ist schließlich der Sinn der Übung!"

Eigentlich geht es um Erwachsene und ihre Nöte

Jesper Juul schreibt ein Buch nach dem anderen und seine Leserinnen und Leser kaufen ihm jedes davon begeistert ab, selbst wenn er sich gern und häufig wiederholt und viele lose Gedankenfäden zurücklässt – was ist sein Geheimnis?

Eigentlich geht es hier nicht um Kinder, sondern um Erwachsene und ihre Nöte. Ihnen spricht Jesper Juul Mut zu, mit Ratschlägen, die im Grunde selbstverständlich sind: Mach dir klar, wer du bist und woher du kommst. Denk nach, bevor du handelst. Sei nicht feige, übertreibe es aber auch nicht. Lass ab von Regelwerken für Kinder und abstrakten Erziehungsmodellen und verlass dich auf deine Erfahrungen und die Rückmeldungen deines Kindes.

Das nutzt sich offenbar weder ab noch kommt es aus der Mode: die freundliche und klare Stimme der Vernunft.

Jesper Juul: Leitwölfe sein – Liebevolle Führung in der Familie
Übersetzung, Lektorat und Verschriftlichung von Nuka Matthies
Beltz Verlag, Weinheim 2016
216 Seiten, 16,95 Euro

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