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Religionen | Beitrag vom 24.11.2019

Jenseitsglaube in verschiedenen KulturenHimmel, Hölle oder Paradies?

Bernhard Lang im Gespräch mit Christopher Ricke

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Eine historische Darstellung der Welt aus dem Jahr 1618. (imago/UnitedArchives)
Darstellung der diesseitigen und jenseitigen Welt im alchemistischen Atlas des Arztes und Theologen Johann-Daniel Mylius aus dem Jahr 1618. (imago/UnitedArchives)

Was kommt, wenn das Leben endet? Diese Frage führt Glaube, Wissenschaft und Poesie an ihre Grenzen. Mit dem Religionswissenschaftler Bernhard Lang suchen wir am Ewigkeitssonntag eine Erklärung für das Unerklärliche.

Christopher Ricke: Wer schon einmal bei einer gottlosen, also bei einer atheistischen Beerdigung war, der weiß, was man an einer christlichen Beerdigung hat, wo es nicht nur um Rückschau und Abschied geht, sondern einen Jenseitsglauben, vielleicht auch nur eine Jenseitshoffnung gibt. Das bringt ein bisschen Licht in die Trauer. Im besten Fall trifft man den Verstorbenen ja in der Ewigkeit wieder.

Ich spreche mit dem Theologieprofessor Bernhard Lang, er hat unter anderem das Buch "Himmel, Hölle, Paradies. Jenseitswelten von der Antike bis heute" geschrieben. Herr Lang, haben Sie das auch schon mal erlebt, so einen Unterschied zwischen einer Beerdigung mit Jenseitshoffnung und einer ohne?

Bernhard Lang: Ja, sehr oft, besonders in den Vereinigten Staaten.

Ricke: Und was erleben Sie da?

Natur, die sich erneuert

Lang: Besonders auf die Natur wird rekurriert, die Natur, die sich erneuert, die Menschheit erneuert sich, die Familie erneuert sich, es wird der Gedanke eines Fortlebens der Familie, der Menschheit, des Volkes im Diesseits beschworen. Auf christlicher Seite habe ich in Amerika besonders bei den Swedenborgianern erlebt, wie ganz der Blick auf das Jenseits, das weitergehende Leben angerufen wird.

Ricke: Diese grundsätzliche Idee, dass dann nach dem Tod doch noch irgendwas kommen sollte, muss oder darf, diese Idee ist uralt. Seit wieviel Jahrtausenden gehen wir Menschen davon aus? Schon immer?

Lang: Eigentlich schon immer. Es erschließt sich ja der christliche Jenseitsglaube überhaupt nicht aus der Bibel, sondern speist sich aus viel älteren Vorstellungen, die dem Christentum eher aus der griechischen, der hellenistischen Kultur zugeflossen sind.

Die Griechen haben das Jenseits erfunden

Ricke: Da war es aber ein bisschen anders, da hatten die Götter ja Zugang zur irdischen Welt, also mit Zeus und dem Olymp, mit der Erde und dem Hades, oder ist das alles miteinander verwandt?

Lang: Das ist alles miteinander verwandt. Im Grunde genommen kann man sagen, die Christen haben nur ein bisschen umgemodelt, aber das Grundmuster des antiken, griechischen Jenseitsglaubens beibehalten. Mit Himmel und Hölle, selbst eine Zwischenreichsvorstellung, wo die Seele gereinigt wird, findet sich bei den Griechen und Römern.

Porträt von Bernhard Lang. (privat)Der Glaube ans Jenseits ist älter als die Bibel: Bernhard Lang, emeritierter Professor für Altes Testament und Religionswissenschaften (privat)

Ricke: Und wenn wir uns jetzt die abrahamitischen Religionen anschauen, da gibt es ja auch unterschiedliche Himmels- und auch Unterwelten. Was verbindet diese Religionen, was ist ähnlich?

Lang: Also, ähnlich ist vor allem der Himmelsglaube, der allerdings bei den alten Semiten, bei den Hebräern im Alten Testament, für eine ganz kleine Gruppe zunächst vorbehalten war, nämlich für eine bestimmte Priestergruppe, die die Idee hatte, so wie sie im Diesseits schon mit Gott im Tempeldienst verbunden sind, werden sie im Jenseits auch mit Gott verbunden sein, während die gewöhnliche Bevölkerung in einer Unterwelt landet und dort ihre Existenz nach dem Tod verdämmert.

"Die Hölle ist Importware"

Ricke: Das ist aber nicht mit dem Höllenbild zu vergleichen.

Lang: Das ist nicht mit dem Höllenbild gleichzusetzen. Die Hölle ist im Christentum eine Importware aus der griechischen Kultur.

Ricke: Die Jenseitsvorstellungen mit Himmel und Hölle, mit Zwischenwelt, mit Fegefeuer, mit Purgatorium - diese Jenseitsvorstellungen haben sich ja in den letzten Jahrzehnten doch ziemlich verändert, zumindest im Christentum. Ihr vor 35 Jahren verstorbener Kollege Karl Rahner sprach von der Hoffnung, dass niemand verworfen ist, dass auf die Reue die Gnade folgt, dass es eine Erlösung gibt. Wenn ich das zu Ende denke, dann muss die Hölle ja inzwischen leer sein.

Lang: Die Hölle ist eigentlich aus der Theologie längst ausgewandert.

Ricke: Wo ist sie hin?

Lang: Sie ist einfach verschwunden, und kaum jemand hat es gemerkt.

Theologen bestreiten das Jenseits

Ricke: Bis jetzt haben wir ja über das Jenseits als angenommene Tatsache gesprochen oder als begründete Hoffnung, aber man kann natürlich auch dran zweifeln, selbst als gläubiger Mensch. Wie sieht es denn da aus? Gibt es diese gläubigen Jenseitsbestreiter?

Lang: Gläubige Jenseitsbestreiter sind unter den Theologen in großer Zahl zu finden. Ich führe eine Liste, ich bin selber noch nicht auf dieser Liste, aber die Liste wird ständig länger. Es bekennen sich derzeit immer mehr evangelische wie katholische Theologen zu dem Satz, dass es, wie Rilke sagte, kein Jenseitswarten und kein Schauen nach drüben gibt.

Ricke: Wenn Sie Rilke zitieren, dann zitiere ich mal Heinrich Heine: "Ich denke, Doktor, es gehört eine beträchtliche Portion Eitelkeit und Anmaßung dazu, nachdem wir schon so viel Gutes und Schönes auf dieser Erde genossen, noch obendrein vom lieben Gott die Unsterblichkeit zu verlangen." Ist das ein Verlangen?

Lang: Ich glaube, es ist in unser Herz eingeschrieben, dieses Verlangen, aber dieses Heine-Zitat wird doch von manchen Theologen angerufen, und sie sagen, die Theologie war bisher nicht bescheiden genug, sie hat der Sprache des Herzens zu viel Raum gegeben, und die Dramatik des Lebens geht mit dem Tod zu Ende.

Dieser Meinung waren führende Theologen, und der von Ihnen genannte Karl Rahner war eigentlich auch dieser Ansicht, jedenfalls in seine theologischen Schriften, dass mit dem Tod das Leben aus ist und wir kein zweites hinter dem Tod zu erwarten haben. Er zitiert in diesem Fall sogar Ludwig Feuerbach, indem er sagt, es gibt keinen Pferdewechsel.

Immer weniger glauben an Leben nach dem Tod

Ricke: Im Volksglauben war das ja mal alles anders. Da gab es einen festen Glauben, da wurde viel auch ins Jenseits verschoben, Belohnung, auch Bestrafung. Aber, wie gesagt, das ändert sich. Wie sehen denn da die Zahlen aus? Wie viel Katholiken sagen eigentlich noch, ja, es gibt ein Leben nach dem Tod, und wie unterscheiden sie sich von nicht kirchlich Gebundenen?

Lang: Es gab eine Umfrage zu Beginn dieses Jahres, und da sagten 40 Prozent der Deutschen, ja, es gibt ein Leben nach dem Tod, davon immerhin 53 Prozent der Katholiken sagen, ja, etwas weniger die Protestanten, 51 Prozent, und 25 Prozent der Konfessionslosen in Deutschland sagen auch ja. Aber das ist doch eine verschwindend geringe Zahl in einem Land, das einmal ganz stark traditionell christlich geprägt war.

Ricke: Gibt diese Umfrage auch etwas über die verschiedenen Altersgruppen her? Also glauben junge Menschen weniger an ein Leben nach dem Tod als alte?

Lang: Junge Menschen scheinen sich relativ wenig Gedanken zu machen und auch eher zu einer Bejahung zu neigen, aber das hat mich selber sehr überrascht: Je älter die Menschen sind, umso weniger scheinen sie an ein Leben nach dem Tod zu glauben. Also kontraintuitiv, wir würden eigentlich das Gegenteil erwarten.

Es geht nichts verloren

Ricke: Ja, das überrascht. Wenn wir mal in die Wissenschaft gehen, vielleicht hilft die uns ja. Da gibt es ja Sachen wie die Quantentheorie, die Stringtheorie, die dunkle Energie im Kosmos, das lese ich immer mit großem Interesse, ohne es wirklich zu verstehen. Erst diese Woche gab es Berichte über Gammablitze. Also, das ist tatsächlich weit außerhalb meiner Vorstellungskraft, und das sagen die Christen ja auch: Das Göttliche ist weit außerhalb der Vorstellungskraft. Auch wenn ich es nicht verstehe, ich finde dieses Universum so großartig, auch in sich so logisch, dass ich da wirklich gerne an einen Schöpfer glaube und ehrlich gesagt auch hoffe, dass es da irgendwo so einen kleinen Winkel gibt jenseits von Zeit und Raum, wo meine Seele doch Platz findet. Kann ich Sie nicht locken, da mitzugehen?

Lang: Es geht sicher nichts verloren. Charles Hartshorne, der amerikanische Philosoph, hat aus diesem Satz, "es geht nichts verloren", eine Art Gottesbeweis geschmiedet, indem er sagt, das menschliche Leben ist eigentlich ein Ereignis oder eine Kette von Ereignissen. Diese Kette geht zu Ende, aber das Ganze ist nicht ungeschehen, und es kann im Universum nicht ungeschehen gemacht werden, also muss es ein Subjekt geben, das sich daran erinnert, an dieses Ereignis ewig erinnert. Das nenne ich Gott.

Ricke: Gut, dann sind wir jetzt im 21. Jahrhundert tatsächlich jenseits von den klassischen Vorstellungen und von Himmel, Hölle und Paradies. Trotzdem habe ich meinen Kindern gesagt: Wenn es mal mit mir soweit ist, dass ich gegangen bin, dann wünsche ich mir österliche Lieder, dann darf es auch um Auferstehung gehen. Haben Sie sich schon mal Gedanken gemacht, wie das bei Ihnen einst sein soll?

Lang: Also ich würde mir das auch wünschen, aber das besagt nicht, dass ich im Verstand nun genau ableiten könnte, warum ein Jenseitswarten und Schauen nach drüben vielleicht doch sinnvoll ist. In der gegenwärtigen Theologie, so wie sie an den deutschen Universitäten gelehrt wird, findet man wenig Unterstützung über ein Jenseitswarten und ein Schauen nach drüben.

Der Kopf sagt nein, das Herz sagt ja

Ricke: Sie argumentieren jetzt über den Kopf. Was sagt Ihr Herz?

Lang: Mein Herz schlägt auf der Seite der Tradition, die mit einem Fortleben des Menschen in irgendeiner Weise rechnet, und so leicht lässt sich so etwas nicht aus dem Herzen vertreiben. Ich glaube, dass unsere Zeit besonders dadurch gekennzeichnet ist, dass es diesen Zwiespalt gibt, einerseits das Gefühl, das an der Tradition hängt, das man verstehen kann, und andererseits die Ratio, der Verstand, der sagt, da ist nichts mehr, wir können nichts nachweisen, wir haben nicht die Mittel, irgendwie in ein Jenseits zu blicken.

Die Evidenz, die dafür vielleicht angeführt werden kann, ist die Esoterik, ist die romantische Phase, die auf die Aufklärung unserer Zeit kommt, und hier müssten wir uns in die dunklen Welten der Esoterik begeben, wenn wir nach Evidenz suchen, also in ein problematisches Gebiet.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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