Seit 01:05 Uhr Tonart
Donnerstag, 29.10.2020
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Fazit / Archiv | Beitrag vom 22.10.2006

Jenseits von Mullah-Regime und Atomkonflikt

Eine Ausstellung über die junge Kunstszene des Iran in Freiburg

Von Oliver Seppelfricke

Podcast abonnieren
Iranische Frauen demonstrieren anlässlich des 26. Jahrestages der islamischen Revolution auf dem Azadi Platz in Teheran (AP)
Iranische Frauen demonstrieren anlässlich des 26. Jahrestages der islamischen Revolution auf dem Azadi Platz in Teheran (AP)

Im Museum für Neue Kunst in Freiburg zeigen 17 junge iranische Gegenwartskünstlerinnen und - künstler ihre Sichtweise auf ein Land, das von Widersprüchen gekennzeichnet ist: Mullahs und moderne Mode, gerade bei Jugendlichen, Tschador und darunter Jeans, Internet und Koran. Seit der neue Präsident an der Macht ist, hat sich auch für die Kunst viel geändert.

Der Mullah mit Handy, verschleierte Frauen mit Gucci-Sonnenbrillen - die Bilder, die wir heute vom Iran haben, sind für uns äußerst widersprüchlich. Nicoletta Torcelli ist Kuratorin der Schau "Iran.com":

"Die Idee der Ausstellung ‚Iran.com’ ist, zeitgenössische Positionen aus dem Iran zu zeigen - die international kommuniziert, die gewohnte Bilder bricht. Es gibt ja in Europa oder in der westlichen Welt sehr einseitige Bilder über das Land Iran. Die sehr stark vom Mullah-Regime zum einen und sehr stark vom Atomkonflikt zum anderen geprägt sind. Und wir wollen mit der Ausstellung zeigen, dass es eine sehr widersprüchliche, sehr vielschichtige Realität ist, die man im Land vorfindet."

Was gibt es da Besseres, als die Kunst zu befragen nach dem Zustand eines Landes, das in unseren Augen ein Problem ist: erst der Schah und das Königtum, dann die Revolution und ihre Verbote, und jetzt ein Präsident, der die Weltöffentlichkeit schockiert.

"Zum anderen sind die Bilder, die wir vom Iran kennen, vor allem natürlich seit dem Karikaturenstreit und seit der Holocaust-Leugnung düstere, negative Bilder. Und deshalb haben wir auch gesagt: Es ist ganz besonders wichtig, eine solche Ausstellung mal zu machen, um dieses Bild zu differenzieren. Um einfach zu zeigen, es gibt eine ganz andere Gesellschaft, die die kritisch auch die eigene Situation hinterfragt. Und was könnte das besser, als gerade Kunstwerke das tun?!"

Sagt Isabel Herda, die Co-Kuratorin der Freiburger Schau. Die beiden jungen Ausstellungsmacherinnen sind in den Iran gereist und haben die junge Kunstszene des Landes dort gesichtet. Und stellen sie nun aus. Künstlerinnen und Künstler unter 45 Jahren, die in den modernen Medien Video, Installation oder Performance arbeiten. Wie Bita Fayyazi, die im vergangenen Jahr an der Biennale von Venedig teilgenommen hat, sie ist in ein weißes und mit Fotos ihrer Familie bedrucktes Gewand gehüllt, geht durch die Straßen von Freiburg und zieht eine Klageglocke hinter sich her.

"Diese Arbeit heißt ‚Die Diva’ oder ‚Die Göttin’. Die Göttin sucht einen Ruheplatz. Und sie findet ihn im Museum. Im Museum für Gegenwartskunst. Das Tuch, das ich trage, ist das Leichentuch meines Vaters. Er ist vor zwei Monaten gestorben. Dieses Tuch sollte er eigentlich tragen, wenn er bestattet würde. Wir bestatten unsere Toten nicht in Särgen, sondern hüllen sie in Tücher ein und vergraben sie. Die Verwandten meines Vaters haben jedoch vergessen, ihm dieses Tuch umzutun. Und so blieb es übrig. Und ich dachte, das ist genau das Richtige für meine Performance."

17 junge iranische Gegenwartskünstlerinnen und - künstler zeigen ihre Sichtweise auf ein Land, das von Widersprüchen gekennzeichnet ist: Mullahs und moderne Mode, gerade bei Jugendlichen, Tschador und darunter Jeans, Internet und Koran - der Iran, der sich unter dem Schah stark westlichen Einflüssen geöffnet hat, ist ein Spannungsfeld von Tradition und Moderne. Die Revolution der Mullahs hatte diese Einflüsse zurückgefahren. Unter Präsident Chatami gab es dann eine behutsame Reform-Ära. Doch seit der neue Präsident an der Macht ist, hat sich auch für die Kunst viel geändert. Nicoletta Torcelli, Kuratorin der Schau:

"Damals gab es noch eine Plattform für die Künstler. Die konnten ausstellen. Die konnten sich entwickeln. Die hatten die Möglichkeit der Auseinandersetzung. Und das ist jetzt natürlich seit dem Machtwechsel, seit Ahmadinedschad an der Macht ist, wird ja insgesamt auch im kulturellen Bereich sehr stark zurückgerudert, kann man fast sagen. Die westlichen Einflüsse sollen verschwinden möglichst. Und die entsprechenden Stellen wurden schon ausgetauscht. Das heißt, es hat auch ein großer Wechsel stattgefunden. Für unsere Künstler ist es teilweise so, dass sie schon geschafft haben, sich international zu positionieren. Es gibt einige von ihnen, die schon Ausstellungserfahrungen haben. Die schon im Ausland unterwegs sind. Das heißt, die haben dann mehr im Ausland inzwischen die Möglichkeit, auszustellen als im Inland. Und viele Arbeiten, die wir auch in der Ausstellung sehen, könnten sie jetzt im Land nicht zeigen."

Wie zum Beispiel die Arbeit von Mandana Mogghadam. Die 44-jährige Künstlerin hat eine 1,60 Meter große Skulptur aus Frauenhaaren geschaffen. Die Haare quellen sogar unter der Ausstellungsvitrine hervor und wandern in den Raum. Im Iran ein Fall für die Zensur.

Und noch etwas erstaunt: Die starke Präsenz von Künstlerinnen, von Frauen. Für unser Bild vom Land eine Überraschung. Für Bita Fayyazzi nicht:

"Es gibt mehr Künstlerinnen als Künstler im Iran. Wir haben zwar dieselben Probleme wie alle Frauen auf dieser Welt. Vielleicht noch ein paar mehr hier im Mittleren Osten. Frauen sind heute jedoch viel aktiver als früher. Vor der Revolution. Sie werden mehr ernst genommen. Es gibt Hochschulen für Kunst, man kann an Universitäten studieren, es gibt viele Institutionen. Als Künstler kann man sich ausdrücken. Und das wollen immer mehr. Immer mehr Menschen suchen diese künstlerische Freiheit, um sich auszudrücken."


Service:
Die Ausstellung Iran.com ist bis zum 28. Januar 2007 im Museum für Neue Kunst in Freiburg zu sehen.

Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Ausstellung "Iran.Com" im Museum für Neue Kunst Freiburg

Kulturpresseschau

Aus den FeuilletonsPokern mit dem Welterbe
Luftbild des Loreleyfelsen bei St. Goar inmitten des UNESCO-Weltkulturerbegebiets Mittelrheintal (picture alliance / dpa / Thomas Frey)

Mit dem Bau der Waldschlößchenbrücke wurde Dresden der Welterbestatus aberkannt. Ähnliches könnte sich jetzt durch Bebauungspläne für die Loreley-Landschaft ergeben, wo trotz Expertenkommission ein Hoteldorf entstehen darf, schreibt die FAZ.Mehr

weitere Beiträge

Der Theaterpodcast

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur