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Thema / Archiv | Beitrag vom 17.07.2013

Jenseits von Bollywood

Wissenschaftlerin Schneider über das subversive Potenzial des neuen urbanen Films in Indien

Liane von Billerbeck im Gespräch mit Nadja-Christina Schneider

Junge indische Filmemacher kämpfen sich seit einigen Jahren aus dem Schatten von Bollywood - wie hier am Filmset im Bundesstaat Maharashtra. (Anna Marie Goretzki)
Junge indische Filmemacher kämpfen sich seit einigen Jahren aus dem Schatten von Bollywood - wie hier am Filmset im Bundesstaat Maharashtra. (Anna Marie Goretzki)

Nirgendwo auf der Welt werden so viele Filme produziert wie in Indien. Das Bild des indischen Films ist hierzulande geprägt von Bollywood-Filmen, die allerdings nur den kommerziellen Teil ausmachen. Darüber hinaus gebe es "regionalsprachige Filmindustrien", wie die Wissenschaftlerin Nadja-Christina Schneider anlässlich des <papaya:link href="http://www.indisches-filmfestival.de/de/2013/" text="10. Indischen Filmfestivals" title="Indisches Filmfestival Stuttgart" target="_blank" /> in Stuttgart erklärt.

Liane von Billerbeck: Nirgendwo in der Welt werden so viele Filme produziert, gehen so viele Menschen tagtäglich ins Kino wie in Indien. Die indische Filmindustrie feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag.

Und das Bild des indischen Films ist hierzulande von singenden, tanzenden und liebestrunkenen Figuren geprägt, den Bollywood-Filmen. Die machen aber nur den kommerziellen Teil der indischen Filmlandschaft aus.

Wie vielseitig der indische Film inzwischen ist, zeigt ab heute das zehnte Indische Filmfestival in Stuttgart, und neben Filmen gibt es auch Vorträge. Einen hält Nadja-Christina Schneider, Junior-Professorin für Medialität und Intermedialität in den Gesellschaften Asiens und Afrikas an der Berliner Humboldt-Universität. Und sie ist jetzt bei uns im Studio – herzlich willkommen!

Nadja-Christina Schneider: Vielen Dank!

Billerbeck: Bollywood kennen wir - wie sehen denn im Filmland Indien die anderen Filme aus?

Schneider: Die anderen Filme jenseits von Bollywood? Nun, zunächst kommt es darauf an, wie wir den Begriff Bollywood verstehen und verwenden. Für viele steht Bollywood sozusagen synonym für die kommerzielle Hindi-Filmindustrie, nicht nur in Europa, sondern auch in Indien selbst werden damit pauschal alle Hindi-Filme als Bollywood-Filme bezeichnet. Zum Teil.

Andere, darunter viele Filmwissenschaftler, verstehen Bollywood als eine spezifische Form des Hindi-Kinos, die sich vor allen Dingen in den 90er-Jahren herausgebildet hat und die außerhalb Indiens zum zentralen Repräsentanten des indischen Kinos wurde. Neben dem kommerziellen Hindi-Kino, dem unabhängigen Kino, einem aufblühenden Dokumentarfilmkino gibt es natürlich andere regionalsprachige Filmindustrien, die auch sehr stark vertreten sind, zum Beispiel das Tamil-Kino aus Südindien, das Telogu-Kino oder das Malayalam-Kino aus Kerala.

Billerbeck: Das sind ja überraschende Mitteilungen, kennen, glaube ich, die meisten Hörer gar nicht. Wie müssen wir uns denn diesen neuen urbanen Film vorstellen, der da in Indien produziert wird?

"Zentrale Bedeutung für bestimmte Orte"

Schneider: Aus der Perspektive der visuellen Soziologie können wir von genuinem urbanem Film sprechen, wenn die gezeigte Metropole oder Großstadt eine spezifische eigene Identität bekommt in diesen Filmen oder wenn bestimmte Orte und Plätze eine ganz zentrale Bedeutung für diese Filme einnehmen. Und das trifft aus meiner Sicht auch auf eine ganze Reihe von neueren Filmen zu, in denen Delhi nicht nur eine bloße Kulisse ist, sondern tatsächlich für die Handlung bedeutsam ist.

Billerbeck: Nun ist ja ein Teil der indischen Filmindustrie umgezogen von Mumbai nach Delhi - hat das auch mit den Sehgewohnheiten der Zuschauer zu tun oder woran liegt das?

Schneider: Sie haben völlig recht, wir erleben im Moment zwei interessante, eng miteinander verbundene Prozesse. Einmal die Ausdifferenzierung der Hindi-Filmindustrie, der kommerziellen, nach neuen Formen und Genres und nach jeweiligem Zielpublikum, das anvisiert wird. Das hängt auch sehr stark mit der Professionalisierung der Publikumsforschung zusammen.

Und gleichzeitig vollzieht sich eine Art Dezentralisierung der Filmproduktion selbst. Das heißt, neben Mumbai, was immer die zentrale Produktionsstadt war und gleichgesetzt wird, überhaupt die Filmmetropole Indiens war, kommen neue bedeutende Filmorte hinzu. Und Delhi hat sich insbesondere in den letzten sechs bis acht Jahren als ein neues Filmzentrum im Norden Indiens profiliert.

Billerbeck: Heißt das auch, dass Neu-Delhi dann auch ein Ort ist, in dem Film produziert wird? Sie haben ja gesagt, es muss mit der Stadt zu tun haben, mit den Problemen der Stadt, also auch mit den Schwierigkeiten der Stadt. Das heißt, die Stadt verändert den Film, und der Film verändert die Stadt?

Schneider: Ja, ganz wesentlich. Ich würde vier ganz bedeutende Faktoren benennen, um grob zu skizzieren, was sich gerade vollzieht mit Blick auf die Filmstadt Delhi. Zum einen geht es um die Produktionskosten, die gesenkt werden müssen. Es ist nicht mehr möglich wie in den vergangenen Jahrzehnten, dass teure Budgets bereitgestellt werden für aufwändige Filmproduktionen.

Das Risiko ist viel zu hoch, es sind hohe Gagen im Spiel für bekanntere Filmschauspieler, es geht um viele, viele Arbeitsplätze. Und die Stadt Mumbai ist einfach zu teuer geworden für viele Produzierende, aber auch für Filmschaffende allgemein. Das heißt, man sucht nach kostengünstigen Alternativen, und Delhi, die Stadt Delhi, die Stadtregierung hat auch ein starkes Interesse daran, dass eine Filmindustrie, eine lokalisierte, entsteht. Das ist ein bedeutender Faktor.

Der zweite ist etwas, was viele Filmschaffende selbst bewegt, dass es in Delhi viele unerforschte und ungezeigte Orte gibt. Reale Orte, an denen man neue Geschichten und neue Bilder entwerfen kann. Etwas, was in Mumbai kaum noch möglich ist, da alles schon gezeigt und gesehen wurde. Und das ist im Moment sehr, sehr inspirierend und hat eine regelrechte Faszination für diese unexplorierten Orte ausgelöst.

Billerbeck: Also auch ästhetisch interessant …

"Viele erfolgreiche Regisseure kommen aus Delhi"

Schneider: Sehr, sehr interessant, tatsächlich. Und ein dritter Faktor sind die veränderten Sehgewohnheiten, die Sie angesprochen haben und ein Publikum, das nicht nur sehr filmbegeistert ist in Nordindien, sondern auch sehr filmversiert. Das anvisierte Zielpublikum ist das Mittelschichtspublikum, das in den Multiplexkinos Filme schaut.

Aber nicht nur Hindi-Filme, sondern auch Filme aus anderen Regionen Indiens, aus anderen Ländern Asiens und sehr viel auch aus den USA und aus Europa. Das heißt, sie haben viele Vergleichsmöglichkeiten und die Ansprüche sind enorm gestiegen an gute Drehbücher, an nuancierte Charaktere, an neue Geschichten, durchaus auch an politischen Themen, und insgesamt an neuen Filmhandlungen, und das, was auch hierzulande als ein neuer Realitätshunger gerade diskutiert wird.

Das können wir durchaus auch in Indien beobachten. Ein vierter Faktor, der sehr interessant ist und der nicht ungenannt bleiben soll, das sind die im Moment erfolgreichsten Regisseure selbst, von denen ein großer Teil aus Delhi kommt. Das heißt, Personen wie beispielsweise Rakkeesh Umprakash Mehra oder Dibake Banadschi, die sehr, sehr erfolgreich sind momentan, haben ihre prägenden Jahre in Delhi erlebt, das inspiriert sie, und sie haben vielfach den Wunsch geäußert, auch in Delhi zu drehen. Und neue Geschichten zu erzählen und visuell auch umzusetzen. In früheren Jahren war so was undenkbar.

Billerbeck: Sie haben beiläufig gesagt, es geht auch um politische Themen. Indien ist ein Land, das zu den sogenannten bric-Staaten gehört, also ein aufstrebendes Land mit allen Problemen und Konflikten, die damit zusammenhängen. Wie spiegelt sich das in dem neuen Film wieder, der eben zum Beispiel aus Neu-Delhi kommt?

Schneider: Also, ich hatte eingangs diese sehr allgemeine Definition zitiert, dass einer Stadt eine spezifische Identität zugesprochen wird. Es gibt beispielsweise in einem Film aus dem Jahr 2011 "No One killed Jessica" einen hoch interessanten Prolog, wo eine investigative Journalistin sagt, wenn Mumbai für Geld steht, dann geht es in Delhi um Macht.

Das heißt, allein mit diesem Ort verbindet man Fragen der Politik, der Korruption, der vielen Probleme, die Indien im Moment betreffen. Des rapiden sozialen Wandels, der wachsenden sozialen Ungleichheit. Und es gibt ein Interesse daran, tatsächlich auch darüber im Film Geschichten zu erfahren und zu sehen.

"Unklarer Begriff der Mittelschicht"

Billerbeck: Solche Konflikte, solche Ausdifferenzierungen der Gesellschaft führen ja auch immer zu einer Verunsicherung der Mittelschicht, das erleben wir in vielen Ländern der Erde. Das ist immer so der stabilisierende oder destabilisierende Faktor. Ist das in Indien auch so, und wie spiegelt sich das im Film wieder?

Schneider: Ähnlich wie beim Begriff Bollywood ist auch beim Begriff der Mittelschicht nicht so ganz klar, was damit gemeint ist beziehungsweise das ist auch gerade als politische Kategorie sehr, sehr umstritten. Die Schätzungen gehen auch, je nachdem, wie Sie Mittelschicht definieren, weit auseinander.

Aber es ist unbestritten, es geht um einen großen Teil der Gesellschaft, einen wachsenden Teil der Gesellschaft, insbesondere seit der Privatisierung, seit den Reformen in den 80er- und 90er-Jahren. Es ist aber nicht so leicht möglich, eine zentrale Stimme oder eine zentrale Subjektivität festzustellen.

Auch die politischen Orientierungen, die Werte, gehen weit auseinander, weil sie auch wirklich sehr unterschiedliche Berufsgruppen, sehr unterschiedliche Einkommensverhältnisse und auch Aspirationen finden in dieser großen sozialen Gruppe, die man Mittelschicht nennen könnte in Indien im Moment.

Billerbeck: Lässt sich die Mittelschicht denn, wenn man diesen Begriff benutzt, der ja offenbar sehr breit ist und ein sehr großes Publikum auch bezeichnet, lässt sich denn die Mittelschicht durch diese neuen Filme, die ihn Delhi gedreht wurden, politisieren?

Schneider: Wir können das in Bezug auf einen Film, der im Jahr 2006 in die Kinos gekommen ist, ganz eindeutig feststellen, und zwar handelt es sich um den Film "Randi Basanti", der auf Deutsch "Farbe der Rebellion" betitelt wurde. Und das ist vielleicht das beste Beispiel, oder es gibt kaum ein Beispiel aus der jüngeren indischen Filmgeschichte, wo man die Wechselwirkung zwischen Film und Publikum so deutlich erkennen kann wie bei diesem Film "Die Farbe der Rebellion".

Und zwar möchte ich das an einem Beispiel illustrieren. Dabei handelt es sich um die sogenannten Kerzen-Demos am India-Gate in Delhi selbst. Die waren erstmals in diesem Film zu sehen.

Der Film lief im Januar 2006 in den indischen Kinos an, war enorm erfolgreich, und schon einen Monat später fanden diese Kerzendemos tatsächlich im realen Leben vor dem India-Gate statt. Und es ist nicht ein Fall, wo man sagen kann, das Leben imitiert die Kunst oder den Film, sondern es gab unmittelbar nach dem Film tatsächlich die Politisierung, nach der Sie fragen, was sich in der jugendlichen Blogosphäre nachvollziehen ließ.

Es wurde über Politik debattiert, es wurde das Thema Korruption angepackt immer wieder. Und tatsächlich sind diese Kerzendemos vielfach wiederholt worden im Film und im realen Leben.

Billerbeck: Nadja-Christina Schneider war das, Junior-Professorin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Das zehnte Indische Filmfestival, auf dem sie einen Vortrag hält über genau das Thema, über das wir jetzt gerade gesprochen haben, in Stuttgart, das läuft noch bis zum 21. Juli. Danke Ihnen.

Schneider: Vielen Dank.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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