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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.08.2005

Jenseits der Scientology-Hysterie

Gerald Willms über die Sekte als kulturelles Phänomen

Rezensiert von Kirsten Dietrich

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Der bekennende Scientologe Tom Cruise (AP)
Der bekennende Scientologe Tom Cruise (AP)

Nach einer wahren Scientology-Hysterie Ende der 90er Jahre ist die Sekte wieder weitgehend aus den Schlagzeilen verschwunden. Der Soziologe Gerald Willms nutzt diese Tatsache und behandelt in seinem Buch "Scientology" die Sekte nicht als religiöses, sondern als kulturelles Phänomen der gegenwärtigen Gesellschaft.

Worum es geht, ist sofort einsichtig: Scientology. Wieder einmal, ist man fast versucht zu sagen. Aussteigerberichte, Warnungen, fasziniert-angewiderte Beschreibungen von Besuchen im Celebrity-Center in Hollywood – Scientology ist immer wieder ein Thema, vor allem: ein Medienthema. Binnen zweier Jahre, so die Untersuchung von Willms, stiegen die geschätzten Mitgliederzahlen von 30.000 auf 500.000 an. Realistischere, nicht alarmistische Schätzungen gehen inzwischen von nur 5 bis 6.000 aktiven Mitgliedern in Deutschland aus. Seinen Höhepunkt fand das Phänomen Scientology Ende der 90er Jahre: Die Warnung vor der scientologischen Unterwanderung wurde zum Gemeinplatz – parallel mit einer wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung, in der vom Einzelnen erwartet wird, sich selbst zu vervollkommnen, und Coaching zur Regel wird. Gerald Willms erhebt diese Abgrenzung zur gesellschaftlich wirksamsten neben der doppelten Terrorangst vor der RAF in den 70ern und dem islamistischen Terror nach dem 11. September – was dann die Furcht vor Scientology vielleicht doch ein bisschen hoch einordnet.

Die Beurteilung von Scientology verschiebt sich. Aktuelles Beispiel: Schauspieler Tom Cruise, selber praktizierender und immer häufiger auch predigender Scientologe, dessen Selbstdarstellung inzwischen auch für das in Glaubensfragen aufgeschlossene Amerika ins penetrant-lächerliche geht. Der "Fall" Cruise zeigt den Umschwung: inzwischen lacht man über Scientology, früher hätte man Angst vor einer Kampagne bekommen, die auch noch ein so attraktives Zugpferd hat.

Diesen Umschwung verbindet Gerald Willms mit einem Datum: seit dem Terror vom 11. September 2001 habe man die Furcht vor dem Abweichenden wieder nach außen verlagert, auf den Islam. Scientology und damit die stromlinienförmige Unterwanderung von innen, wird nicht mehr als so gefährlich betrachtet.

Ein guter Zeitpunkt, sagt Willms, nun endlich den Blick auf Scientology zu verändern, und da wird der komplette Titel seines Buches wichtig: "Kulturbeobachtungen jenseits der Devianz". Das heißt, der Autor unternimmt den Versuch – er stellt sehr richtig eine Forschungslücke fest – erst einmal festzustellen, was Scientology denn nun wirklich will. Er behandelt das Phänomen nicht, wie sonst üblich, gleich unter dem Warnsignal "Sekte". Beim Begriff der Sekte schwingt immer die Vorstellung einer bösen Religion mit, der Abweichung vom normalen, ordentlichen, bekannten Glaubensleben. Wie es der Begriff "Devianz" als soziologischer Fachbegriff meint und auch der Begriff Sekte nahe legt: die Sekte als die Untergruppe, die sich von der allgemeinen Religion, gemeinhin der christlichen, abgrenzt. Dieses Christentum leistet sich dann in der Gestalt des kirchlichen Sektenbeauftragten die Kontrollinstanz, die in die Gesellschaft vermittelt, wo die Religionsausübung entgleist.

Diesen Blick will Willms aufweichen. Er nennt es Sektenmythologie, wenn die Mitglieder solcher Gruppen nur als Opfer gesehen werden, gerne als solche mit Defiziten, Problemen und eingeschränktem Urteilsvermögen.

Gerald Willms fragt nach Scientology nicht als religiösem Phänomen, sondern als kulturellem. Von daher wertet er auch die verschiedenen Elemente des Weltbildes von Scientology anders. So zum Beispiel, wenn er den Lebenslauf des Begründers L. Ron Hubbard in den Rahmen einer Heiligengeschichtsschreibung darstellt. Hubbard war ein durchschnittlicher Sciencefiction-Autor, ein durchschnittlicher Soldat, ein durchschnittlicher Wissenschaftler. Er lebte vor dem Hintergrund des typischen amerikanischen weißen Ostküstenprotestantismus – puritanisch geprägt und zutiefst kleinbürgerlich. Dass Hubbards Lebenslauf von Anhängern glorifiziert, von Gegnern dämonisiert wurde, ändert nichts am Kern der Inhalte von Scientology. Es kann aber erklären, warum eine Psychotechnik, die nichts weniger als absolute Freiheit des Geistes verspricht, diese Freiheit auf so bemerkenswert kleine Ziele richtet. Es erklärt auch, warum Scientology zwar von der Selbstverwirklichungsrhetorik der 68er profitierte, innerhalb der in dieser Zeit entstandenen religiösen Bewegungen aber eine Einzelstellung einnimmt.

Scientology ist verwurzelt in einer therapeutischen Weltsicht. Es geht um die Erzeugung des optimalen Individuums, des funktionierenden, geistig gesunden Menschen, des so genannten "Clear". Dieser entsteht, indem durch therapeutische Anwendungen, so genannte "auditings", falsche, Schmerz erzeugende Daten und Erinnerungen gelöscht werden und der analytische Verstand wieder voll einsatzfähig wird.

Alle mythologischen Erzählungen, die unter Scientologen um dieses Konzept herum kursieren, sind sowohl chronologisch als auch inhaltlich sekundär. Deswegen zementiert es zwar die Wahrnehmung von Scientology als irrationaler Abweichung, wenn vor allem in der aktuellen Berichterstattung immer wieder über die Geschichte von Xenu, dem außerirdischen Rächer der gequälten Vernunft, gespottet wird. Am Kern dessen, was Scientology ausmacht, geht es aber vorbei. Gerald Willms vertritt dagegen die These: Scientology ist keine besonders modernisierte Religion. Scientology ist stattdessen eine Form der ganz normalen gesellschaftlichen Optimierungslogik, die allerdings so sehr als alleingültig gesetzt ist, dass sie schon wieder ins Irrationale abgleitet. Scientology also als die Religiosität, die die moderne Dotcom-Gesellschaft ganz aus sich heraus erzeugt, wenn man sie nur lässt.

Von daher ist dann die Auseinandersetzung mit Scientology nicht die Aufgabe besorgter Erzieher, Politiker oder Sektenbeobachter, sondern die Pflicht eines jeden, der die Kultur der gegenwärtigen Gesellschaft verstehen will.

Gerald Willms‘ Untersuchung ist eine Auseinandersetzung mit Scientology, aber auch eine mit der Religionssoziologie insgesamt. Das macht es für ein Nichtfachpublikum zu einer anspruchsvollen Lektüre. Mal ganz abgesehen von der sperrigen akademischen Sprache – die Untersuchung ist die überarbeitete Dissertation des Autors. Wer aber geübt genug ist oder den Mut hat, in den religionssoziologischen Abschnitten Mut zur Lücke zu beweisen, kann dort interessante Anregungen finden. Scientology als die perfekte Religion der Moderne, die gerade in ihrer Perfektion auch Gefahren aufzeigt – das steht anregend quer zum x-ten Aussteigerbericht, zur sensationslüsternen Prominentenberichterstattung und auch zu alarmistischen Sektenberichten. Manchmal würde man sich dennoch auch eine Auseinandersetzung wünschen, die von der systemischen Ebene heruntergeht und sich mit einzelnen Menschen und ihren Erfahrungen mit Scientology beschäftigt. Das kann man dem Autor nicht vorwerfen, es ist nicht das Interesse seiner Untersuchung. Aber hinter all den bedenkenswerten Überlegungen stehen eben doch auch Menschen, die ihren Weg zum Glück suchen und an deren Geschichten sich die Menschlichkeit aller Anbieter solchen Glücks messen lassen muss.

Gerald Willms: Scientology
Kulturbeobachtungen jenseits der Devianz
transcript Verlag Bielefeld 2005
419 Seiten, 29,80 Euro

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