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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2005

"Jenseits der Norm"

Bruno Schrep porträtiert Grenzgänger und Außenseiter

Von Maximilian Preisler

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Bruno Schrep interessiert sich für die Verlierer unserer Gesellschaft (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)
Bruno Schrep interessiert sich für die Verlierer unserer Gesellschaft (Stock.XCHNG / Ryan O'Connor)

Es sind keine Gewinner, keine Überflieger, die sich über die Gesetze hinwegsetzen, die sich nicht um die Normen der Gesellschaft kümmern, denn von denen spricht Bruno Schrep in seinem Reportagenband nicht, er porträtiert statt dessen die Verlierer, die Außenseiter wider Willen, die nur zu gerne von ihren Mitmenschen als gleichwertig anerkannt wären, deren Bedürfnis es ist dazu zu gehören.

17 Porträts liefert Schrep, er stellt uns einzelne Menschen in ihrer Verzweiflung vor, so den homosexuellen BKA Beamten aus Wiesbaden, der - als das Mobbing nicht aufhören will - keinen Ausweg mehr weiß und der sich mit Benzin übergießt und bei lebendigem Leib verbrennt. Schrep fasst Menschen, die sich nicht kennen, zu einer Gruppe zusammen und zeigt wie ähnlich ihre Probleme sind: so drei Männer, die drei Dinge gemeinsam haben. Sie waren im Management tätig, sind überraschend arbeitslos geworden und sind nun auf dem Arbeitsmarkt nicht mehr vermittelbar, weil sie zu alt sind – sie sind schon jenseits der 50.

Er erzählt von jenen, die sich ihrem "Schicksal" nicht beugen wollen, wie der "Pavarotti von der Alster", ein ausgebildeter Bariton-Sänger aus Russland, der seine Arien bei Wind und Wetter in einer Fußgängerzone vorträgt, und jenen, die zwar glauben, ihnen stünde eine Wahl offen, die aber erfahren müssen, dass jede Wahl ihnen lange schlaflose Nächte bringen wird – wie die beiden Frauen, die jede ein Kind im Bauch trägt, das am Down Syndrom leidet. Die eine treibt ab und wird ihres Lebens nicht mehr froh, die andere will das Kind austragen, ahnt aber schon jetzt, was da auf sie, auf ihren Mann und ihre Familie zukommen wird.

Erzählt wird das alles in einer bewundernswert nüchternen Sprache. Bruno Schremp, der diese Reportagen zuerst für den "Spiegel" schrieb, hat sich zum Glück nicht anstecken lassen von der triefenden Süffisanz, die dort oberstes Gebot zu sein scheint. Schremp schreibt einfach, aber nicht simpel, er verbirgt nie seine Sympathie für die "loser", die er aufsucht und befragt. Aber mitleidiges Geplapper ist seine Sache ebenfalls nicht. Er geht nahe an die Menschen heran, beschreibt genau das leidvolle Aussehen der Kinder, die unter der Erbkrankheit Progerie leiden, gleitet aber nie ab in den Voyeurismus der nachmittäglichen Talk Shows.

Manchmal ist seine Fassungslosigkeit zu spüren, wenn er über einen schon längst vergessenen Amoklauf an einer Grundschule erinnert und sieht, wie die Narben der Mädchen von damals nicht heilen wollen – die seelischen genauso wenig wie die körperlichen. Mitunter gelingt es ihm, in zwei Sätzen ein vielschichtiges gesellschaftliches Problem präzise zu bezeichnen. In "Die Straße" erzählt er von einer multikulturellen Geschäftsstraße in Wiesbaden: "’Ein Ghetto’ schimpfen Bürger, denen die ganze Entwicklung nicht passt. Sie machen lange Umwege, um hier nicht durchzugehen. ‚Ein Schmelztiegel’, schwärmen andere. Sie gehen lange Umwege, um hier einzukaufen."

Und manchmal kann man nicht entscheiden, was Schrep an einem seiner "Fälle" mehr gereizt hat, die Tragödie oder die Komödie. Zwei Brüder wachsen nicht so auf, wie die Eltern das wünschen, und als der eine wegen Zuhälterei verknackt wird, bietet sich der jüngere an, die Zeit für den Bruder abzusitzen, denn die Geschäfte gehen vor. Niemand merkt etwas, am allerwenigsten die ahnungslosen Beamten der Haftanstalt.

Was bleibt im Gedächtnis haften? Eher die längeren als die kürzeren Reportagen. Die ausführliche Beschreibung der Wiesbadener Multi-Kulti-Straße, mit ihren skeptischen, euphorischen, lärmenden und brütenden Anwohnern. Und die Geschichte "Tod im Müll", die Stoff für ein großes Drama bietet. Ein Zivildienstleistender und ein bewegungsunfähiger Schwerbehinderter stoßen aufeinander, am Ende ist der eine tot, der andere für immer mit einem Stigma behaftet. Der gläubige Zivi hat Schuld auf sich geladen, aber nur, weil er den schlimmen Wünschen des Schwerbehinderten nachkam, weil er sich dem starken Willen des Kranken beugte. Und so sind jene Geschichten Schreps am irritierendsten, die keine schnelle Schuldzuweisung erlauben. Die Frage, was wir tun können, sie muss immer wieder gestellt werden, doch eine schnelle Antwort ist auch bei Bruno Schrep nicht zu finden.

Bruno Schrep: Jenseits der Norm. Reportagen über Grenzgänger und Außenseiter
Hirzel Verlag, Stuttgart 2004

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