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Interview | Beitrag vom 12.11.2020

Jens Spahn über Corona und Pflege"Wir müssen mehr ausbilden und umschulen"

Jens Spahn im Gespräch mit Stephan Karkowsky

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn spricht auf einer Pressekonferenz. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)
Spricht von derzeit 3000 Intensivpatienten mit Covid-19 in Deutschland, das sei der Höchststand seit dem Beginn der Pandemie: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. (picture alliance / dpa / Wolfgang Kumm)

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betrachtet die steigenden Infektionszahlen mit Sorge, denn das führe später "zu schwersten Verläufen in der Intensivmedizin". Mehr Pflegekräfte will er gewinnen, indem der Beruf attraktiver gestaltet wird.

Stephan Karkowsky: Das ist wieder so eine Zahl, die einen durchaus erschrecken kann: 3,4 Millionen Menschen bundesweit sind pflegebedürftig, und weil wir alle immer älter werden, wird auch diese Zahl weiter steigen. Sind wir ausreichend darauf vorbereitet? Das ist eine der Fragen, die seit gestern auf dem Deutschen Pflegetag verhandelt werden. Heute hält dort auch der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn eine Rede.

Bevor wir über die Pflege sprechen: Die Bundeskanzlerin hat uns gestern darauf eingestimmt, dass uns die Corona-Pandemie wohl noch den ganzen Winter begleiten wird. Was heißt das für die Corona-Maßnahmen, speziell den Shutdown von Kultur und Gastronomie?

Wir müssen noch besser lernen, mit dem Virus zu leben

Spahn: Der Befund, dass das Virus da ist, da bleibt und uns auch über den Winter beschäftigen wird, ist ja jetzt erst mal nicht überraschend. Das Virus war ja jetzt immer da in den letzten Monaten, auch im Sommer, auch wenn wir oder einige vielleicht phasenweise das Gefühl hatten, es wäre irgendwie weg oder wir wären durch – manche Rede klang ja so.

Nein, das Virus ist da, es wird auch dableiben, wir müssen immer besser lernen, mit diesem Virus zu leben, darum geht es. Jetzt im November geht es darum, die Zahl der Neuinfektionen deutlich runterzubringen. Auch heute wurden wieder über 21.000 Neuinfektionen gemeldet, ein Höchststand, und das zeigt uns, wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen.

Und wenn wir dann rauskommen – hoffentlich – aus einem November mit gesunkenen Zahlen, geht es darum, die Zahlen niedrig zu halten, also weiterhin aufeinander aufzupassen. Das heißt jetzt nicht: Im November passen wir alle ganz besonders auf und haben Einschränkung und Verzicht und manche Härte und danach ist alles wieder wie vorher, das wird nicht funktionieren.

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Karkowsky: Aber natürlich klammern sich die Menschen an jede gute Nachricht, am Montag an die von einem Impfstoff, der wirkt. Sie haben an anderer Stelle bereits die neuen Zahlen des RKI kommentiert. Da sah es ja Anfang der Woche so aus, als wäre der starke Anstieg der Zahlen bereits gebremst. Heute gibt es 3.400 Fälle mehr als gestern, was heißt das für die Intensivbetten?

Spahn: Zuerst einmal ist es ermutigend, dass wir mit einem Impfstoff im nächsten Jahr rechnen können – noch nicht sicher, aber sehr wahrscheinlich – und es ist ermutigend, dass die Dynamik nachlässt, auch heute übrigens durchaus nachlässt. Im Vergleich nicht nur zu gestern, sondern zu einem längeren Zeitraum sehen wir: Es steigt weniger stark als noch vor ein oder zwei Wochen, aber es steigt weiterhin.

Das reicht noch nicht, die Zahlen müssen runter, weil wir gestiegene Infektionszahlen in einem Land wie dem unseren sehen, das vergleichsweise alt ist – wir sind nach Japan das zweitälteste Land der Welt –, in dem viele Menschen chronisch erkrankt sind, Diabetes, Bluthochdruck, viele andere Erkrankungen, die eben ein Risikofaktor sind.

In einem solchen Land führen gestiegene Infektionszahlen früher oder später zeitversetzt auch zu Behandlungsbedarf von schweren und schwersten Verläufen in der Intensivmedizin oder leider, auch das sehen wir heute, zu oft zu tödlichen Verläufen.

Wir haben jetzt über 3.000 Intensivpatienten mit Covid-19 in Deutschland, das ist der Höchststand seit dem Beginn der Pandemie, und deswegen kann man diese Debatte nicht so trennen, wie das einige versuchen nach dem Motto: Wir müssen mehr auf die Intensivstationen schauen und nicht so sehr auf die Infektionszahlen. Beides gehört zusammen und beides ist miteinander zeitversetzt verbunden.

Ausländische Pflegekräfte sind nur ein Teil der Lösung

Karkowsky: Heute sprechen Sie auf dem Deutschen Pflegetag. Alten- und Pflegeheime leiden ja nach wie vor unter Personalmangel. Was ist eigentlich aus den Anstrengungen geworden, im Ausland neue Pflegekräfte anzuwerben?

Spahn: Die Anstrengungen, ausländische Pflegekräfte anzuwerben, sind ein Teil der Lösung, das will ich vorwegschicken. Das Problem im Moment: Reisebeschränkungen, die es weltweit gibt, zum Teil Einreisebeschränkungen in die Europäische Union, aber nicht selten auch Ausreisebeschränkungen aus den Partnerländern – Mexiko, Kosovo, Philippinen. Das hat dazu geführt, dass die Zahl in den letzten Monaten niedriger war, als wir geplant hatten und als wir auch erwarten durften.

Das ist eine Folge der Pandemie. Aber wie gesagt, das ist ein Baustein. Es geht ja insgesamt, und damit haben wir schon vor Corona begonnen, darum, den Beruf attraktiver zu machen, zusätzliche Stellen zu finanzieren, eine bessere Bezahlung seit dem ersten Juli, einen Pflegemindestlohn für Pflegefachkräfte von über 2.500 Euro: Das war für viele, viele Pflegekräfte, Hunderttausende in Deutschland, dann auch eine Lohnerhöhung, ein wichtiges Signal.

Und Personalbemessungen, dass klar ist, auf wie viel Pflegebedürftige und Patienten müssen wie viel Pflegekräfte kommen. An all diesen Themen haben wir schon gearbeitet und arbeiten wir weiter, das ist tatsächlich ein Marathon.

Den Pflegeberuf noch attraktiver machen

Karkowsky: Es gibt aber auch Zahlen von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, demnach fehlen 3.500 bis 4.000 Fachkräfte allein für die Intensivpflege. Das ist eine Menge, wo sollen die herkommen?

Spahn: Das stimmt, das ist eine Menge, und das ist übrigens auch ein Bereich, die Intensivfachpflege, den man nicht in drei oder sechs Monaten lernen kann, weil ja einige jetzt sagen, im März fehlten die auch schon, warum sind die jetzt im November nicht da? So eine Ausbildung dauert deutlich länger. Deswegen, wie gesagt, ist das ein Marathon, wo sollen die herkommen?

Ja, es geht darum, den Beruf so attraktiver zu machen, übrigens auch über die Erfolge mal zu reden, das wünsche ich mir auch für so einen Pflegetag, dass wir darauf hinweisen, wo wir noch besser werden können. Da ist häufig der Fokus, aber wir sollten miteinander auch ab und zu mal betrachten, was wir in den letzten zweieinhalb Jahren schon alles gemeinsam angestoßen haben.

Einige Bereiche habe ich gerade schon genannt in den Krankenhäusern – die Stellen sind finanziert, vor zwei Jahren war nicht mal Geld da für die Stellen. Und jetzt müssen wir sie noch besetzen, indem wir die Ausbildung noch attraktiver machen. Auch dort gibt es mittlerweile eine Ausbildungsvergütung von über tausend Euro im ersten Ausbildungsjahr seit dem ersten Januar, auch das ein enormer Schritt nach vorne, eine ganz neu gestaltete Ausbildung.

Wir müssen mehr ausbilden, wir müssen mehr umschulen – es gibt auch Ältere, die sich dann für Pflege entscheiden, die wollen wir natürlich auch bestmöglich unterstützen – und den Beruf so attraktiv machen, dass manch einer, der die Pflege verlassen hat oder verlassen will, dann sagt, ich komme zurück oder ich bleibe dabei.

Das sind ganz viele große und kleine Stellschrauben, an vielen haben wir – nicht nur in Wort, sondern auch in Tat – schon gedreht, und ich finde, über diese Erfolge muss man auch reden, wenn man möchte, dass sich Menschen für diesen Beruf entscheiden.

Die Pandemie verlangt allen viel ab

Karkowsky: Sie sind nun seit dem Corona-Ausbruch in Deutschland im Frühjahr fast ununterbrochen im Einsatz, hatten zwischendurch selbst Corona, haben es jetzt überstanden, dann wieder diese langen Arbeitstage von frühmorgens bis spätabends. Wie geht es eigentlich Ihnen?

Spahn: Mir geht es gut. Ich habe viel zu tun, wie viele andere auch in dieser Zeit. Es hat ja unser aller Alltag verändert, das gilt, glaube ich, bei Ihnen in der Redaktion, das gilt für nahezu alle Ihre Hörerinnen und Hörer. Übrigens, diese Pandemie verlangt ja uns allen viel ab, aber, glaube ich, wenigen so sehr wie den Pflegekräften jeden Tag.

Der Alltag verändert sich, wir müssen auf mehr Dinge achten, aufeinander achten, es ist stressiger, es gibt mehr Nachfragen. Ich glaube, das, was das Gesundheitswesen am stärksten unter Stress setzt, ist vor allem viel Unsicherheit, wie gehe ich jetzt richtig mit etwas um, wo kann ich mich informieren. All diese Dinge erleben wir im Großen und im Kleinen, und so geht es dann auch mir.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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