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Buchkritik | Beitrag vom 11.11.2020

Jens Rosteck: "Big Sur"Wo der Mensch noch Teil der Natur ist

Von Günther Wessel

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Buchcover zu Jens Rosteck: "Big Sur. Geschichten einer unbezähmbaren Küste" (Mare/Deutschlandradio)
Dichter, Musiker, und Künstler hat dieser Ort angezogen: "Big Sur". Jens Rosteck erzählt die "Geschichten einer unbezähmbaren Küste". (Mare/Deutschlandradio)

90 Meilen Natur zwischen San Francisco und Los Angeles, mit Redwood-Wäldern, Canyons und schmalen verwunschenen Stränden: die Küste "Big Sur". Jens Rosteck hat eine wundervolle, kundige Liebeserklärung an diese Wildnis geschrieben.

Big Sur ist eine überwältigende Landschaft. Sie fordert den Menschen heraus, und nicht jeder ist ihr gewachsen. Der zweifache Nobelpreisträger Linus Pauling etwa zog in den 1950er-Jahren nach Big Sur. Im Januar 1960 wandert er los und versteigt sich im Gelände.

Nicht jeder ist dieser Küste gewachsen

Unter sich das tosende Meer, über ihm eine Felswand. Der Weg, den er aufgestiegen ist, erscheint ihm für den Rückweg unmöglich. Pauling verbringt die Nacht zitternd auf dem Felsvorsprung, wird am nächsten Tag gefunden, und traut sich, nachdem er Zuspruch bekommt, abzusteigen.

Anfangs geht es ihm vermeintlich gut, doch zwei Tage später trifft ihn der Schock: Pauling schließt sich in der Universität ein, wird schließlich nach Hause gebracht und hütet dort sprach- und regungslos das Bett. Zwei Wochen dauert der Zustand an – die Spätfolge der Erkenntnis, dass er hoch auf dem Felsen über dem Meer dem Tod ins Auge geblickt hatte.

Glänzend formulierte biografische Essays

Jens Rosteck nähert sich der amerikanischen Landschaft über die Menschen an. In neun glänzend formulierten biografischen Essays und vier Überblickskapiteln, in schwingenden, lebendigen Sätzen stellt er Bewohnerinnen und Bewohner der Region und ihr Verhältnis zur umgebenden Natur vor.

So den Lyriker, Dramatiker und Naturphilosophen Robinson Jeffers, der ab 1913 dort eigenhändig aus Felsstein sein Haus erbaute. In Abgeschiedenheit, immer wieder das eigene Leben in der Natur, voller harter Arbeit und unter Verzicht auf Luxus zum Ideal erhebend, lebte und schrieb er gegen die Verschwendungssucht einer selbstverliebten Menschheit an, die unempfänglich für Schönheit und Natürlichkeit sei.

Ein fundamentaler Ökologe, dessen zentrales Motiv Ehrfurcht vor der Schöpfung war. Robinson Jeffers lamentierte wie andere auch schon früh darüber, dass die Region ihre Ursprünglichkeit und Seele verliere. Was laut Jens Rostek trotz des Ausbaus der Infrastruktur aber nicht stimmt. Denn gerade auch dank solcher Klagen gibt es schon lange strenge Regularien und Bauvorschriften für Big Sur.

Big Sur lässt niemanden unberührt

Die Landschaft, die Pauling das Fürchten lehrte und Jeffers begeisterte, zog und zieht zahlreiche Künstler und Künstlerinnen an und lässt niemanden unberührt. Henry Miller kam und fand Ruhe in und vor sich selbst. Jack Kerouac versank hingegen noch mehr im Alkohol.

Hunter S. Thompson schrieb hier seine erste Reportage und bewachte die heißen Quellen von Esalen, wo sich später George Harrison von Ravi Shankar in die Kunst des Sitar-Spiels einführen ließ. Bob Dylan kam und ging, und Joan Baez war treibende Kraft des "Big Sur Folk Festivals".

Viele sind und waren auf der Suche, und alle finden und fanden etwas: sich selbst oder ein neues Naturerlebnis, das Jens Rosteks Buch wundervoll vermittelt. Text, tolle Lese- und Hörempfehlungen im Anhang, eine Übersichtskarte, das herausragend schöne Cover – all das vermittelt den Zauber von Big Sur, des eines Ortes, an dem der Mensch noch Teil der Natur, nicht getrennt von ihr ist.

Jens Rosteck: "Big Sur. Geschichten einer unbezähmbaren Küste"
Mare, Hamburg 2020
256 Seiten, 22 Euro

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