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Lesart | Beitrag vom 28.05.2020

Jens Malte Fischer: "Karl Kraus. Der Widersprecher"Lebender Selbstwiderspruch

Von Katharina Teutsch

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Das Covoer der Biografie von Autor Jens Malte Fischer "Karl Kraus. Der Widersprecher" vor einem bunten Hintergrund. (Zsolnay Verlag Wien / Deutschlandradio)
Jens Malte Fischer: "Karl Kraus. Der Widersprecher" (Zsolnay Verlag Wien / Deutschlandradio)

Karl Kraus war ein begnadeter Polemiker und einer der einflussreichsten Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts. Eine dicke neue Biographie bietet Einblicke in eine widersprüchliche Figur.

Karl Kraus starb mit nur zweiundsechzig Jahren an den Folgen eines Herz- und Hirnschlags. Seine letzten Worte sollen "Pfui Teufel!" gewesen sein – als Reaktion auf einen Arzt, der Kraus’ damaliger Gefährtin Hoffnung auf Genesung gemacht hatte. Karl Kraus, 1874 in Böhmen geboren, war kinderlos und unverheiratet, wenngleich leidenschaftlich verstrickt geblieben. Seine geistige Produktivität im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts war enorm. Vergleichbar nur mit der seines Zeitgenossen Freud, mit dem ihn nicht nur Wien als Lebensort verband, sondern auch die jüdische Herkunft. Seltsamerweise aber stand Kraus Freud äußerst reserviert gegenüber. Die ist ein Aspekt der Kraus’schen Vita, dem sein Biograph ein eigenes Kapitel widmet.

Wiener Verhältnisse

Kraus hatte mit seinem berühmten Essay "Sittlichkeit und Kriminalität" bereits früh die Aufmerksamkeit des Nervenarztes erregt. Die beiden "Jahrhundertgestalten" müssten sich allein durch ihre progressiven Auffassungen zur Sexualität und der Sexualmoral ihrer Zeit nahe gestanden haben. Kraus hatte für die Psychoanalyse aber vor allem Spott übrig. In seinem Drama "Traumstück" lässt er 1922 eine Gruppe von "Psychoanalen" ein Couplet anstimmen:

"Muß eine stets niesen,
da ist bald bewiesen,
wie es dazu kam.
Sie war als Säugling im Zimmer,
als der Großvater immer
die Großmutter nahm."

Ein produktiveres Zusammentreffen mit Freud, so Fischer, hätte Stefan Zweig sicherlich zu einer weiteren "Sternstunde der Menschheit" inspiriert.

An Kraus, so lässt sich nach der Lektüre des Freud-Kapitels zusammenfassen, kam kein Intellektueller des noch jungen Jahrhunderts vorbei.

Im Wien der Jahrhundertwende debütierte Kraus als Geschöpf der Kaffeehauskultur, von der er sich als erbitterter Kritiker der salbadernden Szene und ihrer dazugehörenden "Tintenstrolche", die unpräzise schrieben und unpräzise dachten, aber bald abwendete. "Kraus war der Sherlock Holmes der Phrasenverbrechen", schreibt Fischer.

Progressiv und konservativ zugleich

Im Laufe der Jahre perfektionierte er eine eigene Kunstform, die politische Satire, Ideologiekritik und Performancekunst zu einem singulären Werk amalgamierte. Bis zu seinem Lebensende hatte er 700 Vorlesungen gehalten, bei denen er Texte der Weltliteratur mit der Sprachkunst des verhinderten Schauspielers darbot. Aber auch eigene Gedichte, Aphorismen und entlarvende Zitatcollagen aus der Tagespresse über den Ersten Weltkrieg oder die Sprache des Dritten Reichs. Und natürlich wurde das meiste davon in der von Kraus herausgegebenen Zeitschrift "Die Fackel" publiziert.

Kraus vollbrachte dabei das Kunststück, progressiv und konservativ zugleich zu sein. Sein Frauenbild war gelinde gesagt: ambivalent. Sein "jüdischer Selbsthass" wurde von den Nazis instrumentalisiert. Und seine parteipolitischen Schwankungen haben viele Anhänger irritiert.

"Wo Leben sie der Lüge unterjochen,
war ich Revolutionär...
Wo Freiheit sie für die Phrase nutzten,
war ich Reaktionär."

So schrieb Kraus einmal. Er sei, meint sein Biograph, halt nur insofern ein politischer Mensch gewesen, als er seine politischen Urteile an einer äußerst rigiden Humanitätsvorstellung maß.

"Der Widersprecher" lautet der Untertitel dieser ziemlich weitschweifigen, aber flott erzählten Biografie, die nach dem Babuschka-Prinzip die Biografien vieler Zeitgenossen gleich miterzählt. Sie zeigt eine Jahrhundertgestalt als Widersprecher der großen Modernisierungsschübe – mit Tendenz ins Seherische. Aber auch als lebenden Selbstwiderspruch. Kraus selbst fand in einer eher harmlosen Einlassung zum grassierenden Fortschrittsjubel folgende Formel: "Es gibt nur eine Möglichkeit, sich vor der Maschine zu retten. Das ist, sie zu benutzen. Nur mit dem Auto kommt man zu sich."

Jens Malte Fischer: "Karl Kraus. Der Widersprecher"
Zsolnay Verlag, Wien 2020
1104 Seiten, 45 Euro

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