Dienstag, 27.07.2021
 

Interview | Beitrag vom 15.06.2021

Jens Balzer über die 1980er-JahreIn Erwartung der Apokalypse

Moderation: Axel Rahmlow

Eine Menschenkette vor der US-amerikanische Bismarck-Kaserne. Die Herbstaktionen der bundesdeutschen Friedensbewegung gegen die Nachrüstung haben 1983 ihren ersten Höhepunkt erreicht. (picture-alliance / dpa / Roland Holschneider)
Blockade einer US-Kaserne in der Mutlanger Heide 1983: Die Friedensbewegung kämpfte in den 1980er-Jahren gegen die Aufrüstung. (picture-alliance / dpa / Roland Holschneider)

Der Autor Jens Balzer hat mit "High Energy" ein Buch über die 1980er-Jahre geschrieben. In dem Jahrzehnt, das auch für schreckliche Stilsünden bekannt ist, findet er vor allem Angst vor Krieg und Atomkraft. Aber auch jede Menge Modernisierung.

Die 80er-Jahre waren die Zeit der Neuen Deutschen Welle, von Synthiepop, der Fönfrisuren und Schulterpolster - das ist zumindest das Erste, was vielen zu dieser Dekade einfällt. Doch es war auch die Zeit von Tschernobyl, Friedensbewegung und Mauerfall. Der Journalist Jens Balzer hat dem Jahrzehnt in allen seinen Facetten nun ein Buch gewidmet: "High Energy. Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt".

Balzer erinnert sich an ein Jahrzehnt der Stilsünden, das sich unter anderem dadurch auszeichnete, dass man versuchte, die eigene Identität in der Aneignung von Kollektividentitäten zu finden: Popper oder Punker? Laut eigener Aussage war der Autor selbst damals "Dorfpunker".

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

Anhand von popkulturellen Phänomen wollte Balzer eine gesellschaftliche Kulturgeschichte schreiben. Die Serie "Schwarzwaldklinik" beispielsweise sei bevölkert gewesen von Patchworkfamilien, sagt er - und auch von geschiedenen Männern und Frauen sowie Ehefrauen, die sich nicht mehr vom Partiarchen vorschreiben lassen wollten, dass sie nach der Heirat ihren Beruf aufzugeben haben. Das zeige, dass die emanzipatorischen Bewegungen der 1970er-Jahre nun im Mainstream der Gesellschaft angekommen seien, so Balzer: Die heterosexuelle Kleinfamilie sei in den 80er-Jahren nicht mehr selbstverständlich gewesen.

Angst vor Krieg und Atomkraft

"Die Achtziger beginnen eigentlich als ein Jahrzehnt der Angst", erinnert der Autor – viel mehr Leute seien auf der Straße demonstrieren gewesen als zu Zeiten der 68er.

Der Protest der Friedensbewegung im Bonner Hofgarten 1981 gegen den NATO-Doppelbeschluss und das Wettrüsten sei die bis dahin größte Demonstration in der Bundesrepublik gewesen. Gegen den Bau des Atomkraftwerks in Brokdorf seien ebenfalls 100.000 Menschen auf die Straße gegangen. "Man war in weiten Teilen gerade auch der nachwachsenden Generation überzeugt, dass die Apokalypse unmittelbar bevorsteht", sagt Balzer.

Porträt des Autors und Musikkritikers Jens Balzer (imago / Votos-Roland Owsnitzki)Der Autor und Musikkritiker Jens Balzer. (imago / Votos-Roland Owsnitzki)

Die Achtziger seien die Vorgeschichte der Gegenwart und auch unserer Zukunft, so der Autor: In der Yuppiekultur, die in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre zentral wurde, zeige sich bereits die Überhitzung des Börsenhandels, die uns bis heute beschäftige. Auch die Dienstleistungsgesellschaft sei damals entstanden, die Digitalisierung habe begonnen.

(jfr)

Jens Balzer: "High Energy. Die Achtziger - das pulsierende Jahrzehnt"
Rowohlt, Berlin 2021
400 Seiten, 28 Euro

Mehr zum Thema

Italo Disco - Von der Pandemie gepusht(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 25.01.2021)

Roman "Aufprall" - Als in Kreuzberg noch Häuser besetzt wurden
(Deutschlandfunk Kultur, Lesart, 08.10.2020)

Postpunk der 80er-Jahre - Produktive Wut statt Nihilismus
(Deutschlandfunk Kultur, Tonart, 14.07.2020)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

Klimawandel in SüdamerikaWarum Kaffee teurer wird
Ein offener Sack mit Kaffeebohnen und einer Schaufel aus Metall darin steht auf dem Boden.  (picture alliance / dpa Themendienst / Mascha Brichta)

Kaffee werde künftig teurer und qualitativ schlechter - der Grund dafür liege zu einem großen Teil im Klimawandel, sagt Agrarökonom Christian Bunn. Aktuell sind die Kaffeepreise in Brasilien enorm gestiegen. Aber auch Tee und Kakao sind betroffen.Mehr

Statt Impfpflicht Konzerte nur für Geimpfte?
Konzertszene: Im Vorderung des Bildes sieht man viele dicht stehende Konzertbesucher, die ihre Hände in die Höhe heben. Im Hintergrund sieht man einen Sänger auf der Bühne, sein Auftritt wird von buten Scheinwerfern beleuchtet. ( Unsplash.com / Pien Muller)

Einschränkungen für Ungeimpfte seien ab Herbst möglich, heißt es aus dem Kanzleramt. Wer sich nicht impfen lässt, müsse hinnehmen, zum Beispiel ein Konzert nicht besuchen zu dürfen, findet der Branchenvertreter Jens Michow. Und er ärgert sich über Nena.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur