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Lesart / Archiv | Beitrag vom 28.05.2015

Jennifer Jacquet: "Scham"Ein Gefühl mit politischer Kraft

Von Hannah Bethke

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Ein Braunkohlekraftwerk in Jänschwalde (Brandenburg) (dpa / picture-alliance / Patrick Pleul)
Wie der Akt der "öffentlichen Beschämung" ökologische Missstände lösen kann, beschreibt Jennifer Jacquet in ihrem Sachbuch. (dpa / picture-alliance / Patrick Pleul)

Gefühle haben politisches Potenzial, davon ist Jennifer Jacquet überzeugt. In "Scham" erläutert die Umweltwissenschaftlerin ihre Strategie gegen Klimazerstörung, Artensterben und Massentierhaltung: Die Verantwortlichen müssten öffentlich bloßgestellt werden.

Das Wesen von Gefühlen ist seit einigen Jahren ein begehrtes Forschungsfeld. Ob in der Politik- und Geschichtswissenschaft, der Philosophie, Germanistik oder in den Neurowissenschaften: Die komplexe Gefühlswelt des Menschen ist faszinierend, abgründig, erregend und bietet Stoff für ganze Forschergenerationen. Doch nicht nur für die hochspezialisierten Bewohner des Elfenbeinturms der Wissenschaft ist dieses Forschungsdesiderat von Interesse. Wir haben alle Gefühle. Entsprechend groß ist die Identifikationsfläche, die sich uns in der Auseinandersetzung mit uns bekannten Gefühlszuständen wie etwa Angst, Begeisterung oder Melancholie bietet.

Nun hat Jennifer Jacquet, Umweltwissenschaftlerin an der New York University, ein Buch vorgelegt, das sich dem Gefühl der Scham widmet. Dabei geht es ihr nicht so sehr um "das private Gefühl der Scham", sondern um "den öffentlichen Akt der Beschämung". Wer nun allerdings eine Kulturgeschichte der Scham erwartet, wird enttäuscht. Die gesellschaftliche Gegenwart ist für die Autorin von Interesse und nicht so sehr das, was früher einmal war.

Ökologische Missstände emotional bekämpfen

Im Schamgefühl erkennt Jacquet ein politisches Potenzial, das ihrer Meinung nach nicht ausgeschöpft wird. Ihr Bezugspunkt ist dabei konsequent ökologisch: Klimawandel, Überfischung der Meere, Tierhaltung – das sind die Themen, anhand derer sie die Strukturen des Beschämens zu veranschaulichen versucht. Denn für sie ist klar: Wir müssen etwas tun. Gegen das Artensterben, gegen die wachsende Umweltzerstörung, gegen die skrupellosen Mastanlagen. Solange es keine juristische Handhabe gibt, so Jacquet, müssen wir auf andere Instrumente zurückgreifen, und eben hier wird das Gefühl der Scham virulent: Erst wenn die verantwortlichen Unternehmen, Betriebe oder auch Einzelpersonen öffentlich bloßgestellt, also beschämt werden, lassen sich der Autorin zufolge diese Missstände beheben. Das Gefühl der Schuld, das die öffentlich empfundene Scham mit dem Siegeszug des Individualismus verdrängt habe, ist nach Jacquet dagegen kein wirkungsvolles Instrument, um kollektive Probleme wie den Klimawandel zu lösen.

Das Pendant zum Schuldgefühl ist für sie das schlechte Gewissen des Verbrauchers, der, zumindest wenn er über ein ausreichendes Einkommen verfügt, sein Konsumverhalten mit dem Kauf von nachhaltigen Bioprodukten entsprechend anzupassen versucht. Jacquet kritisiert diesen "grünen Geltungskonsum" als "Sesselaktivismus", der die Menschen nur als Verbraucher und nicht als Bürger in den Blick nehme.

Ein Stimme gegen den Mainstream

So begrüßenswert ihr Bestreben ist, an den bestehenden Zuständen etwas zu ändern, so problematisch ist die fehlende kritische Selbstreflexion ihres eigenen moralischen Standpunkts, den sie unhinterfragt auf alle Menschen überträgt und der keinen Pluralismus an Werten und Normen zulässt. Nicht jeder Mensch hat so feste Moralvorstellungen wie Jacquet; ein öffentliches Anprangern etwa von Betrieben, die Massentierhaltung praktizieren, wird nicht in jedem der Verantwortlichen ein Gefühl der Scham hervorrufen und erst recht nicht die Bereitschaft, an den bisherigen Produktionsbedingungen etwas zu ändern. Trotzdem hat Jacquet ein wichtiges Buch geschrieben. Sie traut sich, die Stimme gegen den Mainstream zu erheben und ihre wissenschaftlichen Analysen mit einem starken politischen Änderungswillen zu verknüpfen. Das ist in der heutigen Zeit schon sehr viel.

Jennifer Jacquet: Scham. Die politische Kraft eines unterschätzten Gefühls
Aus dem Amerikanischen von Jürgen Neubauer
Fischer Verlag, Frankfurt 2015
224 Seiten, 18,99 Euro

 

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