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Fazit / Archiv | Beitrag vom 19.08.2016

Jelzin-Zentrum in JekaterinburgEin Museum für Russlands ersten Präsidenten

Von Gesine Dornblüth

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Der russische Präsident Boris Jelzin (M, mit Papier in der Hand), auf einem Panzer vor dem russischen Regierungsgebäude in Moskau stehend, ruft die Bevölkerung am 19. August 1991 zum Generalstreik auf. (dpa / RIA Nowosti)
1991: Boris Jelzin kletterte auf einen Panzer, erklärte den Putsch für illegal und ruft die Bevölkerung zum Widerstand auf. (dpa / RIA Nowosti)

Vor 25 Jahren rollten Panzer durch Moskau. Reaktionäre Kräfte wollten Glasnost und Perestroika stoppen. Doch die Menschen protestierten gegen die Putschisten. Allen voran: Boris Jelzin. In Jekaterinburg erinnert das neue Jelzin-Zentrum an den ersten Präsidenten Russlands.

Freiheit und Offenheit - Boris Jelzin konnte diese Prinzipien nicht in der russischen Gesellschaft festigen. Das Jelzin-Zentrum in Jekaterinburg hat es geschafft, zumindest architektonisch: Die Fassade ist perforiert, der Innenraum überdacht mit einer gläsernen Kuppel. Der Einführungsfilm über die Geschichte Russlands lässt keinen Zweifel daran, was man im Jelzin-Zentrum von der Sowjetunion hält.

"Die neuen Anführer versprachen dem Land eine helle und gerechte Zukunft, aber Gewalt wurde zum wichtigsten politischen Instrument des postrevolutionären Regimes."

 55 % der Russen würden lieber in Sowjetunion leben

So deutlich hört man das in Russland heute selten. 55 Prozent der Russen würden das Leben in der Sowjetunion dem heutigen Leben vorziehen, das sagt zumindest eine aktuelle Umfrage. Als Präsident der Russischen Teilrepublik trieb Jelzin die Auflösung der Sowjetunion massiv voran.

Immer, wenn etwas passiert war, zeigte das sowjetische Fernsehen Schwanensee. Ein Wohnzimmer aus jener Zeit: eine Schrankwand, ein Birkengemälde, ein orangefarbenes Wählscheiben-Telefon. Dann verliest ein Sprecher die Erklärung.

Es ist der August 1991. Konservativ-reaktionäre Politbüromitglieder haben den Ausnahmezustand ausgerufen. Sie wollen die Reformen zurückdrehen und haben Panzer nach Moskau geschickt.

Die Wohnzimmertür führt hinaus auf die Straßen. Barrikaden, Demonstranten, auf einem Panzer Boris Jelzin. Er ruft die Soldaten auf, sich auf die Seite des Volkes zu stellen. Der Putsch scheitert.

In einer Videocollage tragen Prominente Artikel der russischen Verfassung vor. Sie wurde 1993 unter Jelzin verabschiedet.

"Zensur ist verboten. Jeder hat das Recht, sich auf rechtmäßige Weise Informationen frei zu beschaffen und sie zu verbreiten."

Gerade hat die Duma die Informationsfreiheit ein weiteres Mal eingeschränkt.

Die Verfassung liegt zum Mitnehmen aus. Im Dezember 2015 wurden in Moskau rund 30 Menschen festgenommen, weil sie am Tag der Verfassung für deren Einhaltung demonstrierten.

Algensalat und Birkensaft, sonst nichts

Auch Lebensmittelmangel gehörte zu den 90er-Jahren, zur Jelzin-Ära. Wer sich das nicht vorstellen kann, bekommt im Jelzin-Zentrum ein einprägsames Bild: Ein Lebensmittelgeschäft ist nachgebaut, auf der Vitrine türmen sich Konservenbüchsen mit Algensalat zu einer Pyramide, darunter Einmachgläser mit Birkensaft, sonst nichts. Und auch die gelangweilte Verkäuferin fehlt nicht: Hinter eine Waage und Rechenschieber steht eine Pappfigur. Der Manager Anton ist nach dem Besuch im Jelzin-Zentrum sichtlich beeindruckt.

"In Russland vergessen wir sehr schnell, was wir noch vor kurzer Zeit gedacht haben. Hier sieht man, wie beim Augustputsch alle hinter Jelzin standen, und wie sie sich dann einige Jahre später von ihm abwandten, sobald die Schwierigkeiten begannen. Es ist gut, sich das vor Augen zu führen."

Liberale in Russland stellen die 90er-Jahre unter Jelzin gern Putins autoritärem Regime gegenüber. Doch so ganz funktioniert das nicht. Bei einem erneuten Putschversuch rückwärtsgewandter Kräfte 1993 ließ Jelzin auf das gewählte Parlament schießen – ein Schritt, vor dem die Putschisten 1991 zurückgeschreckt waren. In den Folgejahren raubten korrupte Eliten und kriminelle Unternehmer das Land aus. Auch die Jelzin-Familie wurde reich. Diese Aspekte kommen in dem Museum zu kurz - im Kuratorium sitzen sowohl Familienangehörige von Jelzin, als auch Vertreter der Präsidialadministration. Wladimir Putin wurde von Jelzin direkt zu seinem Nachfolger bestimmt.

Jelzins Atomkoffer und Dienstwagen als Exponate

Putin war denn auch dabei, als das Jelzin-Zentrum Ende letzten Jahres eröffnet wurde. Der Staat hat das Museum zu einem großen Teil finanziert und wertvolle Exponate zur Verfügung gestellt: die erste russische Fahne, die 1991 über dem Kreml wehte, Jelzins Atomkoffer, seinen Dienstwagen.

Unter Besuchern ist das Zentrum umstritten. Im Gästebuch loben es einige als das "beste Museum Russlands". Andere beschimpfen es als "Schande". Und in einem Eintrag vom 31. Juli heißt es, Jelzin habe sich während seiner Regierungszeit mit Leuten umgeben, die Russland "vor den USA und Europa auf die Knie" gezwungen hätten. Jetzt würden sie das Jelzin-Zentrum nutzen, um ihre Reihen mit jungen Leuten aufzufüllen, die die Macht im Land ergreifen und sich weiter in die Dienste der USA und Europas stellen wollten. Dina Sorokina, die Direktorin, sieht auch solche Äußerungen als Ausdruck Meinungsfreiheit. Jelzins Rolle bleibe nun mal umstritten.

"Unser Ziel ist es, dieses Erbe zu wahren und die Diskussion fortzuführen. Indem wir diskutieren, was wir falsch gemacht haben, auch Jelzin, kann man verstehen, in welchem Stadium wir uns jetzt befinden."

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