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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.01.2020

Jelinek-Fassung von Oscar Wildes "Bunbury"Eine überdrehte Feier queeren Lebens

Von Marie-Dominique Wetzel

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Szene aus "Bunbury" mit André Wagner, Sonja Viegener, Leander Senghas und Heisam Abbas (Felix Grünschloß)
Pinar Karabuluts "Bunbury" spielt sich im New York der 80er-Jahre ab, in der sogenannten "Ballroom"-Szene. (Felix Grünschloß)

Pinar Karabulut inszeniert Oscar Wildes berühmteste Komödie in Karlsruhe, in der deutschen Fassung von Elfriede Jelinek. Herausgekommen ist in erster Linie ein völlig überdrehtes, erotisch aufgeheiztes Fest für die Schauspielerinnen und Schauspieler.

Jack und Algy haben sich je ein zweites Ich erfunden, wodurch sie immer, wenn sie Lust haben, in eine andere Rolle schlüpfen können. Das führt natürlich zu Verwicklungen. Die Regisseurin Pinar Karabulut macht die Figurenkonstellation dieser Verwechslungskomödie noch komplizierter, denn in ihrer Inszenierung ist Algy eine Frau, Jack wohl auch, wird allerdings von einem Mann gespielt.

Nur eins ist sicher: Ernst ist keiner von beiden! Dabei wollen die beiden Angebeteten, um die geworben wird, partout nur einen Mann oder auch eine Frau namens "Ernst" heiraten. Daher auch der Original-Titel des Stücks "The Importance of Being Earnest".

Szene aus "Bunbury": Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer Couch, sie sitzt auf ihm. Beide blicken in die Kamera. (Felix Grünschloß)In Karabuluts Inszenierung ist Algy eine Frau, Jack wohl auch, wird allerdings von einem Mann gespielt. (Felix Grünschloß)

Am Ende gibt es zwei Paare, von denen eigentlich niemand mehr weiß, welche sexuelle Orientierung sie haben. Aber das ist ja auch völlig egal – letztendlich geht es vor allem um Selbstinszenierung. Das alles spielt sich bei Pinar Karabulut im New York der 80er-Jahre ab, in der sogenannten "Ballroom"-Szene, in der damals junge Menschen das Leben und die Liebe abseits gesellschaftlicher Zwänge feierten.

Johanna Stenzel beschränkt ihr Bühnenbild auf ein lila Plüschsofa, das reichlich strapaziert wird, auf einen goldenen Vorhang für theatralische Auf- und Abgänge und ein paar gezeichnete Papppalmen. Bei den schrillen Kostümen standen die 80er-Jahre und die New Yorker Partyszene Pate. Von Jelineks Kalauern bleibt leider nicht viel übrig, sie gehen in der grellen Party unter. Und ihre berühmt-berüchtigten Wortkaskaden werden meist so überdreht und schnell gesprochen, dass nur noch hohles Geplapper bleibt.

Eine weitere Szene aus "Bunbury": Ein Mann in Frauenkleidern mit Handtasche, bemalten Fingernägeln und Sonnenbrille steht links im Bild, rechts sitzt eine Frau breitbeinig auf einem violetten Sofa. Auf der Sofakante sitzt ein Mann, der einen roten Bademantel trägt. Im Hintergrund ein goldener Vorhang und Papp-Aufsteller mit Palmenaufdruck. (Felix Grünschloß)In der Inszenierung von Pinar Karabulut scheint keiner Lust auf Gesellschaftskritik zu haben, hier wird einfach nur das queere Leben gefeiert. (Felix Grünschloß)
Oscar Wilde hat in seiner Komödie die Verlogenheit und Doppelmoral der spätviktorianischen Zeit angeprangert. Der Autor selbst musste wegen seines libertären Lebenswandels 1895, im Jahr der Uraufführung von "Bunbury", ins Gefängnis. In der Inszenierung von Pinar Karabulut scheint keiner Lust auf Gesellschaftskritik zu haben, hier wird einfach nur das queere Leben gefeiert - so als könne schon jeder problemlos leben und lieben, wie er wolle. Schade, denn die überdrehte Komödie läuft irgendwann hohl, wenn gar kein Ernst dabei ist!

"Bunbury - The Importance of Being Earnest" von Oscar Wilde
Deutsche Fassung: Elfriede Jelinek
Regie: Pinar Karabulut
Staatstheater Karlsruhe

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