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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.09.2016

Jelinek an der SchaubühneLustvolle Entzauberung eines Mythos

Von Peter Claus

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Jule Böwe, Renato Schuch, Nadja Krüger in "Schatten (Eurydike sagt)" an der Berliner Schaubühne (Foto: Gianmarco Bresadola/Schaubühne)
Jule Böwe, Renato Schuch, Nadja Krüger in "Schatten (Eurydike sagt)" an der Berliner Schaubühne (Foto: Gianmarco Bresadola/Schaubühne)

Anders als im Mythos will Elfriede Jelineks Eurydike nicht nur das Anhängsel von Orpheus sein. In "Schatten (Eurydike sagt)", das an der Berliner Schaubühne Premiere hatte, möchte sie selbst entscheiden, wie die Geschichte ausgeht.

Mitchell zeigt wieder Film-Theater. Das Publikum sieht in ein Filmstudio, sieht Schauspielerinnen und Schauspielern bei der Arbeit zu und gleichzeitig, so was gibt’s im Filmgeschäft nicht wirklich in dieser Präzision, auf einer Leinwand, die über der Bühne hängt, den fertig geschnittenen Fast-Stummfilm dazu, während er entsteht. Der Sound: Musik, Geräusche und der – stark eingekürzte – Text der Jelinek, live gelesen in einem kleinen Tonstudio, das am Bühnenrand steht.

Die Geschichte, wenn auch im Hier und Heute spielend, hält sich eng an die berühmte Geschichte: Eurydike, von einer Schlange gebissen, muss ins Totenreich, Orpheus will es nicht wahr haben, darf sie zurückholen, steht aber unter dem Verbot, sie anzusehen.

Wer Jelinek-Texte kennt, weiß, dass diese Eurydike eine Frau ist, die denkt, die nicht "sein Anhängsel" sein will, die selbst entscheiden möchte, wie die Geschichte ausgeht. Sie ist hier Schriftstellerin mit Sinn fürs Tiefe, er ein schmieriger Rock-Poet, der vor allem nach Koks und Kopulation trachtet. Das berühmte Paar wird so zu Vertretern von Typen, die in den westlichen Gesellschaften häufig anzutreffen sind.

Es bleibt nicht bei feministischer Selbstreflexion

Dank der Bildkraft – der Film erinnert an die Ästhetik des westdeutschen und des französischen Kinos der frühen 1960er-Jahre – bleibt’s nicht bei feministischer Selbstreflexion. In den Köpfen der Zuschauer bildet sich die Frage, ob wir, Hier und Heute, nicht in einer Welt leben, in der wir viel zu sehr nur noch auf uns selbst, denn auf Anderes und Andere blicken. Der eher dünne Text wird dadurch enorm aufgewertet.

Hinzu kommt die lustvolle Entzauberung der Traumfabrik. Das Publikum kann zusehen, wie Mythen geschaffen werden. Ob Bergman & Bogart in "Casablanca" oder Jolie & Pitt, die ja grad von vielen Medien als Mythos stilisiert werden: Es kommen einem viele Assoziationen in den Sinn. Weil auch mit Witz serviert, bleibt das spannend, selbst wenn längst klar ist, wie die Story von Orpheus und Eurydike hier ausgeht.

*) Anmerkung der Online-Redaktion: Überschrift und Teaser wurden auf Wunsch des Autors inhaltlich korrigiert. 

Schatten (Eurydike sagt)
Von Elfriede Jelinek
Regie: Katie Mitchell

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Dramaturg Benjamin von Blomberg - "Ich bin ein Jelinek-Nerd"
(Deutschlandradio Kultur, Rang I, 16.04.2016)

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(Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 20.11.2015)

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