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Tonart | Beitrag vom 28.10.2020

Jeff Tweedy: "Love Is the King"Ein Album voller Schmerz

Dirk Schneider im Gespräch mit Carsten Beyer

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Jeff Tweedy (ANTI- Records)
Jeff Tweedys neues Werk ist großartig, aber wohl nichts für depressive Gemüter. (ANTI- Records)

Viele kennen ihn als Kopf von Wilco, aber auch solo liefert Jeff Tweedy Großes ab. Sein neues Album zeugt von tiefer Trauer und Müdigkeit. Tweedy klingt, als würde er mit allerletzter Kraft singen.

Aus musikalischer Sicht ist es ein ungewöhnlicher Herbst: Viele Alben, die aufgrund von Corona verschoben wurden, erscheinen jetzt. Dazu kommen noch die Werke, die Musikerinnen und Musiker während des Lockdowns aufgenommen haben, weil sie nicht auf Tour gehen konnten.

Nicht alles davon ist Gold. Ein Lockdown-Album aber, das man nicht übersehen sollte, ist das neue Solo-Album von Jeff Tweedy, Mastermind der Band Wilco. "Love Is The King" heißt es, aufgenommen hat er es im April mit seinen beiden Söhnen Spencer und Sammy in seinem Studio in Chicago.

Einsamkeit, Heimweh und Tod

Carsten Beyer: Jeff Tweedy ist ja nicht unbedingt jemand, der sehr versöhnlich auf die Welt schaut. "Love Is The King" ist ein sehr hoffnungsvoller Titel. Ist dieses Album eine Feier der Liebe?

Dirk Schneider: Die Plattenfirma kündigt das Album als eine "Ode an die Liebe und die Hoffnung" an. Ich habe die Musik gehört, ich habe die Texte gelesen: Das Einzige, was hier Hoffnung macht, ist die Schönheit, die in der Musik immer wieder auftaucht. Das Album beginnt mit den Worten "Here I am / there it is / at the edge / of as bad as it gets". Also: Hier bin ich, und wir befinden uns am Abgrund von Schlimmer-geht-es-nicht-mehr. Beim ersten Hören fand ich das Album geradezu schmerzhaft deprimierend, es geht sehr viel um Einsamkeit, um Heimweh, um Tod. Tweedy spricht in den Texten oft eine geliebte Person an, die aber weit entfernt scheint.

Mit allerletzter Kraft

Beyer: Und beim zweiten Hören wurde es etwas besser? 

Schneider: Beim zweiten Hören war ich sehr berührt davon, wie sich der Schmerz dann doch in der Musik auflöst. Aber es ist dennoch erschreckend, wie unendlich müde Jeff Tweedy auf diesem Album klingt, als würde er mit allerletzter Kraft singen – das allermüdeste Lied ist "Save it for Me", darin singt er: "A light left on in an empty room / Is all a love can be". Ein Licht, das in einem leeren Zimmer brennt, mehr kann die Liebe nicht sein – von wegen "Love is the King". 

Beyer: Diese Stimme klingt wirklich unglaublich müde, auch "Love Is the King" animiert nicht gerade zum Tanzen – bricht diese Musik irgendwann auch mal aus? 

Schneider: Ja, zwischendurch heult dann immer mal wieder Tweedys Gitarre auf, sie schwingt sich zu einem Solo auf, und auf einmal ist es, als sei diese Gitarre die eigentliche Stimme von Jeff Tweedy. Interessanterweise haben er und seine Söhne die Gitarren-Soli bei den Aufnahmen "that guy" genannt, also "dieser Typ da", als sei nicht Tweedy es, der die Soli spielt, als gäbe es da noch ein weiteres, eigenständiges Bandmitglied. Und dieses unsichtbare vierte Bandmitglied ist es, das diesem Album bei aller Traurigkeit und Müdigkeit diese Größe gibt, die das Leid auflöst, auch wenn es sie nicht verschwinden lässt, die Musik trägt einen, tröstet am Ende doch.

Beyer: Die heilende Kraft der Musik? Jeff Tweedy spricht ja oft über diese Kraft, die Musik hat ihm ja auch geholfen, von diversen Substanzen loszukommen, seit 15 Jahren ist er clean.

Schneider: Ja, ich glaube, genau das zeigt sich hier. Bei Tweedy scheint das fast schon ein paradoxes Verhältnis zu sein, in der Musik überwindet er das Leid, andererseits braucht er den Schmerz, um überhaupt Musik machen zu können.

Ein Bild für den Zustand der USA

Sein Motto, das hat er mal gesagt, sei "Never let pain go to waste", lass den Schmerz nicht verderben, mach was draus – in seinem Fall natürlich einen Song. Und im Übrigen kann man die Müdigkeit und Einsamkeit auf diesem Album sicher auch als ein Spiegel der gesellschaftlichen Verhältnisse in den USA lesen, die ja durch die Pandemie überdeutlich wurden. Vor diesem Hintergrund kann man den Titel "Love Is the King" vielleicht dann doch wieder ganz wörtlich nehmen, als eine Beschwörung, dass Liebe vielleicht das Einzige ist, das noch irgendwie helfen kann. Liebe vielleicht auch im Sinne von Solidarität, auch wenn sie im Moment weit weg scheint.

Beyer: Kannst du es als Soundtrack für den nächsten Lockdown empfehlen?

Schneider: Sicher hat es etwas Tröstliches, in der häuslichen Abgeschiedenheit Musik zu hören, die unter genau diesen Bedingungen entstanden ist. "Love Is the King" ist ein ganz großartiges Album, es ist aber auch keine leichte Kost, das sollte jede und jeder selbst entscheiden. Zumindest den Versuch kann ich aber unbedingt empfehlen.

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