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Profil / Archiv | Beitrag vom 01.08.2007

Jeden Tag ein Bild

Der "Daily Painter" Edward B. Gordon

Von Tina Hüttl

Edward B. Gordon malt jeden Tag ein Bild. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)
Edward B. Gordon malt jeden Tag ein Bild. (Stock.XCHNG / Konrad Mostert)

Für Familie, Freunde oder auch mal einen Urlaub hat der 41-jährige Maler Edward B. Gordon aus Berlin keine Zeit. Schließlich will er jeden Tag ein Bild vollenden: Gordon ist der erste "Daily Painter" in Deutschland. Noch am selben Abend wird das fertige Werk im Internet verkauft.

Der Geruch frischer Ölfarbe strömt aus dem geöffneten Atelierfenster. Drinnen beugt sich Edward B. Gordon über ein kleines Ölbild. Es zeigt einen in Licht getauchten Mann, der der Dunkelheit entflieht.

Es ist sein 226. Werk, seit er im vergangenen November mit dem täglichen Malen begann. Wie jeden Abend wird er es fotografieren und das Foto auf seine Homepage stellen. Dann warten im Netz bereits ungeduldig die Käufer.

"Die Idee kam durch Zufall. Letztes Jahr hatte ich mit einer Myspace Seite begonnen (...) und hatte auch auf einen Schlag irgendwelche Freunde in Amerika. Und die haben gefragt, was machst Du? Na ja gut, ich bin Maler. Ja, was malst Du gerade? Und dann habe ich denen (...) jeden Abend ein Foto aus dem Atelier geschickt, von dem, woran ich gerade arbeite."

Gordons neuen Internet-Freunden gefallen seine Bilder. Sie empfahlen sein Myspace-Benutzerprofil weiter, immer öfter erreichten den Maler nun Kaufanfragen aus aller Welt. Doch die meisten seiner Gemälde waren unverkäufliche Auftragsarbeiten oder schlicht zu teuer.

Ein Künstlerkollege in New York erzählte Gordon schließlich von Duane Keiser, einem amerikanischen Maler, der seit 2005 täglich ein postkartengroßes Ölbild fertigt - und es anschließend im Internet versteigert. Keiser gilt als Begründer des "Daily Painter Movement", dem sich auch Gordon mit Begeisterung anschließt.

"Das Schöne finde ich (...), dass ich durch dieses tägliche Bild die absolute Freiheit habe als Maler zu malen, was ich möchte, wie ich es möchte, wie lange ich es möchte. Das, weswegen man eigentlich Maler ist."

Bislang ist Gordon der einzige Daily Painter in Deutschland, die meisten täglichen Maler kommen aus den USA. Sie haben sich in Internetforen wie der "Daily Painters' Gallery" vereinigt, nicht selten überschreiten die dort gezeigten Bilder die Grenzen zu Kitsch oder Hobbyarbeit.

Nichtsdestotrotz feiern amerikanische Kunstzeitschriften die Bewegung als neue Sensation. Abgesehen vom modernen Vertriebsweg ist das tägliche Bild aber eigentlich eine ganz alte Idee, findet Gordon:

"Die Meister des 18. Jahrhunderts haben es schon damals gemacht, jeden Tag ein kleines Bild zu malen, eine kleine Farbskizze, eine kleine Übung, um einfach reinzukommen."

Vier bis fünf Stunden braucht Gordon für sein stets 15 mal 15 Zentimeter großes Tagesbild. Anschließend malt er bis spät nachts an seinen großen Arbeiten. Gordon hat keine Familie, viele seiner Freunde haben ihn schon seit langem nicht mehr gesehen. Ursprünglich wollte er das Daily Painting nach sechs Monaten wieder aufgeben. Doch ihm gefiel, wie sehr es ihn beim Malen diszipliniert.

Zuvor hat er viel Zeit mit Galeristen und der Vorbereitung von Ausstellungen verloren. Dank Internet fühlt er sich unabhängig und auch seinen Käufern viel näher - das Elitäre am Kunstbetrieb hat ihn stets gestört:

"Ich finde das ist (...) ein Aufbohren alter Strukturen und das ist eine neue Demokratie. Also Abstimmen mit den Füßen. Ich kaufe mir das Bild, was mir gefällt, nicht weil der Name jetzt toll ist, nicht weil ich den jetzt haben muss. (...) Ich sehe das auch bei meinen Kunden. Das sind Leute, die surfen. Das sind vom Studenten bis zum Firmenchef oder Unternehmensberater - das ist eine ganz große Bandbreite, die da auch sammelt und kauft."

Ganz so einfach ist es aber mittlerweile nicht mehr, ein Daily Painting von Gordon zu erstehen. Bis zu 300 Käufer warten jeden Abend darauf, dass das neueste Bild auf seiner Homepage erscheint. Wer ihm als erster e-mailt, bekommt das Original für 150 Euro - eine schnelle Reaktion versteht Gordon als größtes Kompliment.

"Also Geld ist natürlich immer ein Thema, man möchte ja damit Geld verdienen. Aber das ist nicht das Hauptaugenmerk, das verdiene ich mit den großen Bildern."

Zuvor hat Gordon hauptsächlich von Auftragsarbeiten gelebt. Er malte befreundete Künstler, wie den israelischen Sänger Oren Lavie, dessen Musik er gerne hört. Und er porträtierte Industrielle und Politiker wie Sigmar Gabriel, Wolfgang Clement und Gerhard Schröder.

"Es ist schön, dass zu machen und es ist schön, diese Menschen kennen zu lernen, weil man dann auch einen ganz anderen Bezug hat. (...) Aber man möchte natürlich nicht zum Hofmaler der Politikprominenz werden. Es macht mir mehr Spaß jeden Tag rauszugehen, ein Motiv zu entdecken und das zu malen."

Gordons tägliche Bilder sind Alltagsstudien: Ein Fahrradfahrer, der über eine Kreuzung saust. Ein Stilleben seines Farbkastens von der Sonne angestrahlt. Er malt die Dinge, die er täglich beobachtet. Seine Technik ist beinahe altmeisterlich: Sorgfältig legt er Farbfläche an Farbfläche, jeder Pinselstrich sitzt.

"Ich bin im Atelier meiner Mutter aufgewachsen, die Malerin ist, mein Vater ist Bildhauer und insofern war der Umgang mit dem Malen, mit der Kunst, das war nichts besonderes. Während andere Kinder Fußball gespielt haben oder Fernsehen geschaut haben, habe ich gemalt."

Von Beruf Maler zu werden, hat ihn jedoch nie gereizt. Mit 17 ging er von Hannover nach London, wo er die Schauspielschule besuchte. Statt auf die Bühne zog es ihn aber immer öfter in die National Portrait Gallery, um die Werke der alten Meister zu studieren.

Gordon sieht England als seine geistige Heimat. Überhaupt hat der groß gewachsene Deutsche etwas von einem englischen Dandy aus dem 19. Jahrhundert - auch wenn er das nicht gerne hört. Er trägt die dichten schwarzen Haare nach hinten geölt, statt im Arbeitskittel malt er lieber im dunklen Hemd, das er stilbewusst zur beigen Herrenhose kombiniert. Einen, der seine Bilder im Internet verkauft, hat man sich eigentlich anders vorgestellt. Er sieht darin jedoch keinen Widerspruch.

"Der Vertriebsweg des Internets (...) ermöglicht ja wieder einen Weg der Begegnung mit dem Kunden, wie das vor hundert Jahren so war. Da sind die Kunden in die Ateliers der Maler gegangen und haben geschaut, was der so macht. Das ist mit dem modernen Medium des Internets genauso: Nur das jetzt natürlich die ganze Welt, wenn sie das möchte, bei mir ins Atelier schnuppern kann."

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