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Lesart | Beitrag vom 05.11.2019

Jeanette Winterson: "Frankisstein"Mit Frankenstein in eine trans-humane Zukunft

Von Sigrid Löffler

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Auf hellgrauem Hintergrund stehen der Name der Autorin und FRAN - KISS - STEIN (Cover: Kein & Aber)
"Frankissstein" von Jeanette Winterson: Plaudernd und wohl informiert (Cover: Kein & Aber)

Seit 200 Jahren treibt das Monster von Forscher Frankenstein in der Literatur sein Unwesen. Jeanette Winterson spielt mit der Entstehungsgeschichte des Originals und lässt dessen Personal in einem Zeitalter der künstlichen Intelligenz wiedergehen.

In der Literatur begegnet man neuerdings immer öfter futuristischen Phantasien über künstliche Menschen oder über die Abschaffung des Todes. Don DeLillo etwa malte sich die kryonische Konservierung von Menschen aus ("Null K.", 2016), und Ian McEwan erfand einen täuschend menschenähnlichen Roboter ("Maschinen wie ich", 2019).

Nun hat die englische Autorin Jeanette Winterson in ihrem jüngsten Roman die vielfältigen heutigen Spekulationen über eine post-humane Zukunft dank Biotechnologie, Kryonik, Robotik und Künstlicher Intelligenz zu einem unterhaltsamen Roman-Capriccio gebündelt – und das Ganze an die Schwarze Romantik rückgekoppelt, an den Science-Fiction-Urtext: Mary Shelleys Schauerroman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" von 1818.

Zwei Erzählstränge in zwei Zeitebenen

Seit 200 Jahren treibt das intelligente Monster, von Professor Victor Frankenstein aus Leichenteilen zusammengestückelt und ins Leben galvanisiert, in unserer Kultur sein Unwesen, in zahllosen medialen Umformungen, nun also auch in Jeanette Wintersons eigenwilligem Remake "Frankissstein". Die Autorin spiegelt zwei Erzählstränge und zwei Zeitebenen ineinander. Der eine Erzählstrang ist historisch, der andere futuristisch.

Die historische Erzählung ist eine schräge Hommage an die Entstehung des "Frankenstein"-Romans, erzählt von der Autorin Mary Shelley selbst. Winterson rekapituliert hier eine der berühmtesten Episoden der englischen Literaturgeschichte. Im verregneten Sommer 1816 machte Mary Godwin, die brillante Tochter der berühmten Feministin Mary Wollstonecraft und des Philosophen William Godwin, mit Freunden, darunter die romantischen Dichter Lord Byron und Percy Shelley, ihr späterer Ehemann, am Genfer See Ferien. Zum Zeitvertreib begann die Achtzehnjährige einen Gruselroman zu schreiben über ein untotes, unsterbliches Monster und seinen Schöpfer, die einander bis ans Ende der Welt jagen.

Der andere Erzählstrang spiegelt dieses Original-Setting in die nahe Zukunft und erfindet heutige Wiedergänger für dessen damaliges Personal. Hier ist der Ich-Erzähler der Arzt Ry Shelley, ein als Mary Shelley geborener Transgender-Mann, der einem charismatischen Wissenschafts-Pionier und Menschen-Designer namens Victor Stein zuarbeitet, einem post-modernen Prometheus, dessen Lover er wird. Stein sei "ein auf hohem Niveau funktionierender Verrückter", findet sein faszinierter Liebhaber Shelley.

Geheimlabor zur Wiederbelebung von Leichenteilen

Stein forscht an nicht-biologischen Lebensformen, an Künstlicher Intelligenz und Kryonik, besessen davon, die Grenzen des menschlichen Lebens zu überschreiten und das Leben bis zur Unsterblichkeit auszudehnen. Nebenher hat er in einem Geheimlabor auch dunklere Experimente zur Wiederbelebung von Leichenteilen laufen. Dort wuseln beispielsweise die wiederbelebten abgetrennten Hände von Toten wie eingesperrte Taranteln durcheinander.

Stein verfolgt ein Ziel, das weit über intelligente Implantate und eine smarte Medizin zur Entalterung und Konservierung des Körpers hinausgeht: Er träumt davon, das menschliche Gehirn von seiner biologischen Bedingtheit zu befreien, es völlig vom Körper abzulösen, es zu scannen und auf eine nicht-physische Plattform zu laden und damit unsterblich zu machen. Die dafür nötigen abgeschnittenen Köpfe soll ihm sein Liebhaber Shelley besorgen.

Das mag grausig klingen. Jeanette Winterson gelingt es jedoch, diese futuristischen, philosophischen Erörterungen über eine trans-humane Zukunft und deren bedenkliche Konsequenzen in einem intelligenten und spritzigen, stets wohlinformierten Plauderton und in flotten Dialogen vorzutragen. Weder vertändelt sie ihre hochaktuellen und hoch problematischen Themen in Pop-Manier, noch verfällt sie in den moralischen Ernst von Ethik-Kommissionen.

Unterhaltsam auch durch skurrile Nebenfiguren

Die Unterhaltsamkeit wird auch durch skurrile Nebenfiguren gewährleistet. Bereits im historischen Teil macht Lord Byron, ein überheblicher, frauenverachtender Zyniker, keine sonderlich gute Figur. Aus seinem Wiedergänger im 21. Jahrhundert macht Jeanette Winterson dann eine böse Kabarettfigur – Ron Lord, einen grotesken, dickfelligen und vulgären Hersteller von Sexbots, von faltbaren Roboterfrauen für einsame Männer.

All dies macht "Frankissstein" – abgesehen von dem plumpen und schwer auszusprechenden Romantitel – zu einer smarten, anarchischen und kurzweiligen Lektüre.

Jeanette Winterson: "Frankisstein"
Aus dem Englischen von Michaela Grabinger und Brigitte Walitzek
Verlag Kein & Aber, Zürich 2019
400 Seiten, 24 Euro

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