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Lesart / Archiv | Beitrag vom 11.04.2016

Jean-Philippe Blondel: "This is not a love song"Ende einer Freundschaft

Von Carolin Fischer

Junger Mann im Zug (imago / UIG)
Ein junger Mann reist nach London, als erfolgreicher Geschäftsmann kehrt er zurück. (imago / UIG)

Als erfolgreicher Geschäftsmann kehrt Vincent in seine Heimat zurück. Dort muss er erkennen, wie sehr ihn sein bisheriges Leben verblendet hat. In "This is not a love song" schildert Jean-Philippe Blondel einen quälenden Selbsterkenntnistrip.

Brüche in Biografien und überraschende Wiederbegegnungen sind eine Spezialität Jean-Philippe Blondels. So erfährt der Protagonist seines Romans "Zweiundzwanzig" in eben diesem Alter, von einer Nonne aus dem Schlaf gerissen, dass er durch den Unfalltod des Vaters zum Vollwaisen geworden ist. In "6 Uhr 41" treffen sich Cécile und Philippe zufällig in einem Zug wieder, 27 Jahre nach dem unschönen Ende ihrer Liaison.

In seinem nun ins Deutsche übersetzten Roman "This is not a love song" war der Ich-Erzähler einer englischen Erasmus-Studentin, die in seinem Heimatstädtchen ihr Französisch hatte verbessern wollen, nach London gefolgt und dort vom Loser zum Familienvater und erfolgreichen Geschäftsmann geworden. Nun kehrt er für eine Ferienwoche in die Enge der Provinz und des Elternhauses zurück, trifft den Bruder und eine Ex-Freundin, nicht aber seinen besten Freund Étienne, zu dem er seinerzeit den Kontakt verloren hatte, weil er zu sehr mit seinem neuen Leben beschäftigt war.

Absturz aus der bürgerlichen Existenz

"Zweiundzwanzig" war eine Hymne auf Freundschaftsbande. Im neuen Roman zeigt Blondel, in welche Abgründe das achtlose Aufgeben einer Freundschaft führen kann, allerdings ohne den Text durch eindeutige Kausalitäten zu belasten.

Als "intimistisch" werden Blondels Romane in Frankreich charakterisiert, und in der Tat erleben wir die sieben mitunter quälend langen Tage, die Vincent in der alten Heimat verbringt, detailliert mit, lernen die Träume, Ängste, die Hoffnungen und Nöte der wenigen Figuren kennen. Vor allem aber sehen wir, wie schmal der Grat zwischen einer ordentlichen, bürgerlichen Existenz und dem Absturz sein kann. Obwohl seine Charaktere nicht unbedingt Sympathieträger sind, bringt Blondel sie uns erstaunlich nahe, sodass wir Leser uns gut in ihnen und ihrer Façon, den Alltag zu meistern, wiedererkennen können. Dies umso mehr, als der Autor weitgehend auf Pathos verzichtet und mit einer schlichten Ruhe erzählt.

Ein einfühlsames Kammerspiel

Gleichzeitig gelingt es ihm, Spannung aufzubauen, denn schließlich wollen wir wissen, warum Vincent seinen Jugendfreund Étienne nicht trifft, mit dem er vor dem plötzlichen Aufbruch nach London zusammengelebt hatte. Dass Étienne unter traurigen Umständen vor Jahren gestorben ist, war Vincent verschwiegen worden. Die Schwägerin Celine erzählt es ihm detailliert, als er zum ersten Mal nach neun Jahren wieder zu Hause ist. Wir hören die Geschichte mit ihm, können also genau nachvollziehen, was der tief betroffene Zuhörer empfindet, und sind letztlich dennoch überrascht von der ganz eigenwilligen Verbindung, die aus den Gesprächen zwischen Schwager und Schwägerin erwächst.

In seinem einfühlsamen Kammerspiel zeigt uns Jean-Philippe Blondel, wie schnell ein vermeintlich unscheinbares Leben ins eine oder andere Extrem kippen kann - oder wie es nach heftigen Erschütterungen ein neues Gleichgewicht zu finden vermag. Dem Zufall kommt dabei eine so entscheidende Rolle zu, dass Schuldzuweisungen ebenso unmöglich sind wie Glorifizierungen.

Jean-Philippe Blondel: This is not a love song
Übersetzt aus dem Französischen von Anne Braun
Deuticke Verlag. Wien 2016. 224 Seiten, 17,90 Euro

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