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Tonart | Beitrag vom 24.03.2015

Jean-Ives ThibaudetEin Pianist sucht die Herausforderung

Von Ulrike Klobes

Der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet spielt am 6.1.2007 im Heredia Theater in Cartagena, Kolumbien, das Klavierkonzert No.2 in g-Moll opus 22 von Camille Saint-Saens. (picture-alliance / dpa / epa)
Der französische Pianist Jean-Yves Thibaudet bei einem Konzertauftritt (picture-alliance / dpa / epa)

Kaum jemand kennt das Klavierkonzert von Chatschaturian in Des-Dur. Auch der französische Pianist Jean-Ives Thibaudet musste es vor fast 20 Jahren erst entdecken. Seitdem hat ihn das berauschende Werk nicht mehr losgelassen.

Egal ob Chopin, Grieg, Ravel, Tschaikowski oder Rachmaninoff – Jean-Ives Thibaudet hat sie alle gespielt, die großen Klavierkonzerte des 19. und 20. Jahrhunderts. Und doch ist er immer wieder auf der Suche nach kleinen Schätzen, abseits vom Mainstream-Repertoire:

"Ich bin generell ein sehr neugieriger Mensch, ich finde es immer spannend, etwas Neues auszuprobieren, sei es Essen, Musik oder was auch immer. Und ab und zu ist es auch für das Publikum schön, ein Werk zu hören, das ihm vielleicht nicht so vertraut ist, besonders wenn es so ein großartiges Stück ist, wie das Konzert von Chatschaturian."

Ein kaum bekanntes Mammutwerk

Gerade einmal eine Handvoll Pianisten hat sich den letzten Jahrzehnten dem Klavierkonzert von Chatschaturian gewidmet. Warum dieses berauschende Mammutwerk so unbekannt ist, bleibt allerdings ein Rätsel, wurde es doch bei seiner Uraufführung 1937 in Sankt Petersburg frenetisch gefeiert. In den 1940er Jahren trat es dann, dank des New Yorker Pianisten William Kapell, einen wahren Siegeszug durch die USA an.

Danach wurde es still um das Werk und auch Jean-Yves Thibauet wusste lange nichts von seiner Existenz:

"Ich habe jedes Jahr mit Charles Dutoit und dem Philadelphia Orchestra auf dem Sommerfestival des Orchesters gespielt. Die großen russischen Klavierkonzerte hatten wir alle schon gemacht: Tschaikowsky, Rachmaninoff, usw. Eines Tages sagte Dutoit: Wir brauchen wieder ein russisches Programm, wie wäre es mit dem Klavierkonzert von Chatschaturian. Ich sagte: Das kenne ich nicht, und er meinte nur: Dann lerne es!"

Ein wunderbares und aufregendes Stück

Das war 1997. Seitdem hat Thibaudet das Konzert um die 60-mal mit den unterschiedlichsten Orchestern gespielt:

"Es ist ein wunderbares Stück, es hat ein schönes, sehr lyrisches, großes Thema, es ist wahnsinnig rhythmisch, und es ist sehr von Armenischer und Georgischer Volksmusik beeinflusst. Diese wunderschönen Farben, die da entstehen, die duften geradezu – das ist wirklich zauberhaft. Es ist einfach ein aufregendes Werk und das Publikum ist immer begeistert."

Chatschaturians Klavierkonzert, in der ungewöhnlichen Tonart Des-Dur, kann problemlos mithalten mit den großen russischen Klavierkonzerten: Hier eine Prise Eleganz à la Tschaikowski, dort die donnernden Akkorde eines Rachmaninoff – und trotzdem sorgen die Anklänge an die Volksmusik von Chatschaturians armenisch-georgischer Heimat für einen ganz besonderen Charme.

"Das Thema des zweiten Satzes zum Beispiel soll eigentlich von einer singenden Säge gespielt werden, einem Fuchsschwanz, der mit einem Violinbogen gestrichen wird. Das machen wir hier nicht, weil es mit einem modernen Orchester nicht so einfach umzusetzen ist, aber Chatschaturian hat das eigentlich so gewollt. Wenn er als Kind durch Tiflis gelaufen ist, hat er oft Leute auf der Straße sitzen sehen, die auf so einer Säge gespielt haben. Es gibt aber auch andere zentralasiatische Bezüge, manchmal denkt man, es würde eine Balalaika spielen, oder eine dieser Armenischen Gitarren mit ihrem typischen Klang. Also, es ist schon mehr als einfach nur ein russisches Konzert."

Atemberaubendes Tempo, wilder Klangtaumel

Dem Solisten lässt Chatschaturian kaum Zeit zum Durchatmen. Entweder streut der in atemberaubendem Tempo weitläufige Arpeggien über die Tastatur, verliert sich zusammen mit dem Orchester im wilden Klangtaumel, oder staffiert mit viel Raffinesse die zahlreichen Kadenzen aus – und das über gut eine halbe Stunde.

"Man hat schon nach dem ersten Satz das Gefühl, jetzt könnte ich eigentlich nach Hause gehen – so lang wie der ist. Der zweite Satz ist dann recht entspannt, man fühlt sich gut dabei, und dann muss man noch mal alle Kraft für das große Finale aufbringen. Man darf es also nicht übertreiben, denn es ist wirklich ein sehr energieraubendes Werk."

Um solch kräftezehrende Abende durchzustehen, hat Thibaudet seine ganz eigene Methode gefunden:

"Normalerweise esse ich sehr gut zu Mittag, bei diesem Konzert sogar ein bisschen mehr. Ich brauche eine gute Grundlage, ein großes Steak oder so etwas. Danach mache ich eine Pause, schlafe vielleicht zwei Stunden, und dann bereite ich mich auf das Konzert vor. Vor dem Auftritt esse ich dann aber nichts mehr."

Und dann muss nur noch dieser eine magische Funke der Begeisterung auf das Publikum überspringen.

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