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Lesart | Beitrag vom 15.07.2019

Jean-Claude IzzoMelancholischer Abgesang auf das alte Marseille

Thomas Wörtche im Gespräch mit Joachim Scholl

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Stadtansicht von Marseille, zu erkennen ist unter anderem der Hafen und das Mittelmeer. (Picture Alliance / dpa / imageBROKER / White Star / Monica Gumm)
Schmelztiegel am Mittelmeer: Marseille ist nicht nur Drehpunkt für Migration, sondern auch Ort der organisierten Kriminalität. (Picture Alliance / dpa / imageBROKER / White Star / Monica Gumm)

Der Autor Jean-Claude Izzo hat in seiner Krimitrilogie ein Marseille eingefangen, das im Untergang begriffen ist. Der Kritiker und Herausgeber Thomas Wörtche erzählt im Gespräch vom großen Glück, Izzo nach Deutschland gebracht zu haben.

Joachim Scholl: Wir stellen in der "Lesart" die innere Uhr auf eine besondere Krimizeit ein: Heute Abend startet im Deutschlandfunk Kultur die Wiederholung einer Reihe von Kriminalhörspielen nach den Romanen des französischen Autors Jean-Claude Izzo. An sechs Abenden immer montags bis zum 19. August reisen wir ins spannungsgeladene Marseille. Der beste Reiseführer dafür ist der Kritiker und Herausgeber Thomas Wörtche, unser Experte auch für alles Kriminelle.

Sie waren es, der Jean-Claude Izzo überhaupt entdeckt und seine Bücher nach Deutschland gebracht hat. Wie kam es dazu?

Wörtche: Durch einen glücklichen Zufall. Ich hatte 1998 angefangen, als Herausgeber mein Programm "metro" mit dem Unionsverlag vorzubereiten. Ich wusste, Jean-Claude Izzo ist in Frankreich gerade das ganz große Ding: 1995 erschienen "Total Khéops". Ich dachte, der müsste schon längst in deutschen Verlagshänden sein und telefoniere mit meinem Pendant bei Gallimard, der "Série Noire". Ich fragte nebenbei, wer Izzo mache. Da kamen aus dem anderen Endes des Telefonhörers Geräusche, dann war klar: Ich muss zuschlagen. Und es wurde natürlich ein Riesenerfolg.

Vom Journalist zum Kriminalautor

Scholl: Wer ist dieser Autor, was ist sein Profil?

Wörtche: Jean-Claude Izzo war – leider ist er schon sehr früh, 2000 gestorben – lange Zeit erst Journalist, autodidaktischer Mensch mit einem spanisch-italienischen Hintergrund. Er hat als Lokaljournalist viel in Marseille gearbeitet, wurde wie jeder anständige Franzose mal Kommunist, ist davon durch Richtungskämpfe wieder abgekommen, sozusagen freischaffender Linker. Er hat sehr spät erst angefangen, Romane zu schreiben.Vorher hat er viel Lyrik gemacht. Und dann schrieb er von 1995 bis zum Ende seiner Schaffenskraft 1999 die Marseille-Trilogie und noch mindestens drei kapitale andere Romane plus Kurz- und Prosatexte.

Scholl: Wir sind jetzt mit diesen Romanen und den Hörspielen in Marseille der 1990er-Jahre. Was ist das für eine Atmosphäre, die Izzo schildert?

Wörtche: Izzo schildert ein Marseille, das einerseits noch das alte Marseille ist, also der alte Mittelmeerhafen, zentraler Drehpunkt für Migration, für Güter und Menschen aus aller Welt, natürlich auch mit hoher Kriminalität. Marseille ist immer ein berühmter Drogenhafen gewesen.

Andererseits ist es schon ein Marseille, wo die Verdrängung anfängt, die Gentrifizierung, wo Bevölkerungsschichten rausgedrängt werden in die Banlieues im Norden Marseilles. Wir haben aber über allem noch das milde Licht von Marseille und wir haben die Düfte in den Straßen, wir haben die verschiedenen Küchen, die verschiedenen Sprachen, die verschiedene Musik, die überall tönt. Also es ist sozusagen ein melancholischer Abgesang auf ein Marseille, das so im Untergang begriffen ist.

Klare Postition gegen den Front National bezogen

Scholl: Haben denn die Stoffe mit den gesellschaftspolitischen Themen, die Sie jetzt angesprochen haben, dabei auch ihre Aktualität behalten? Ich meine, die Entwicklung ist weitergegangen und hat sich eher verschärft, oder?

Wörtche: Die Entwicklung hat sich deutlich verschärft, aber man muss sagen, dass Jean-Claude Izzo schon einen sehr seismografischen Blick auf die Sache hatte. Er hatte sehr früh kapiert, das der Front National (inzwischen umbenannt in Rassemblement National) nicht nur eine ideologisch gefährliche Angelegenheit ist. Wenn er sich verbündet, was er nun auch getan hat – mit Sicherheitskräften, mit Polizei, mit dem organisierten Verbrechen, mit den verschiedenen Sortierungen von Mafia, mit profitgierigen Investoren –,  wird ein sehr gefährliches Ding entstehen. Und er hat das genau und kritisch analysiert und klare Position bezogen.

Scholl: Wie würden Sie die literarischen Qualität von Jean-Claude Izzo einschätzen?

Wörtche: Izzo hat zum Beispiel an Albert Camus immer die schlichte Schönheit von Prosa gelobt. Genau das ist es, was er macht. Er hat ein unglaubliches Händchen und Talent dafür, Atmosphären zu machen. Die Dinge riechbar, sehbar und hörbar zu machen und seine Figuren sehr sensibel und eindringlich zwischen Poesie und knallhärtester Gewalt oszillieren zu lassen. Das ist großartig und ziemlich einmalig in der französischen Literatur.

Knietief ins Schlamassel gezogen

Scholl: Und Musik spielt auch eine Rolle?

Wörtche: Musik tönt aus jeder Seite. Die drei Titel sind alle Musiktitel: "Total Khéops" ist ein Rap-Song von IAM, "Chourmo", der zweite Teil, kommt von Massilia Sound System, das ist eine Raggae-Band, die auf Okzitianisch singt. "Solea" ist natürlich von Miles Davis aus "Sketches of Spain". In den Büchern stecken tausende von Musikbeispielen. Wir haben irgendwann mal eine kleine Playlist drangehängt.

Scholl: Jetzt haben Sie die drei Titel der Hörspiele schon genannt, drei Mal zwei Teile, mit "Total Khéops" geht es heute los. Dieser Titel soll ein Slangausdruck sein für "knietief in der Scheiße stecken". Was hören wir da?

Wörtche: Da hören wir erst mal diese Art von Musik, diesen Marseille-Rap. Aber es geht tatsächlich darum, wie Fabio Montale, der Held von Izzo, sich allmählich knietief in die Scheiße buddelt. Denn in diesem ersten Buch ist er noch Flic, also Flic Banlieue im Norden, wird aber durch seine eigene Vergangenheit und durch zwei Gangsterfreunde von früher und seiner wunderbaren Geliebten Lole tief in den heutigen Schlamassel gezogen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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