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Tonart | Beitrag vom 12.05.2015

Jazzmusik in Israel Viel mehr als exotische Klänge

Von Jonathan Scheiner

Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen an seinem Instrument, dem Kontrabass.     (picture alliance / dpa / Foto: Balazs Mohai)
Der israelische Jazz-Musiker Avishai Cohen während eines Konzerts in Budapest im April 2012. (picture alliance / dpa / Foto: Balazs Mohai)

Lange wurde israelischer Jazz als "Falafel-Jazz" belächelt. Spätestens seit den Erfolgen der Bassisten Avishai Cohen und Omer Avital sollten solche Lästereien aber hinfällig sein. Und Dank der Nachwuchsförderung kommen weitere Musiktalente nach.

Jazz aus Israel wurde lange als "Falafel-Jazz" belächelt – zumindest hinter vorgehaltener Hand. Dass die israelischen Musiker viel mehr zu bieten haben als ein paar exotische Klänge aus dem Mittleren Osten, wird spätestens seit dem enormen Erfolg von Avishai Cohen deutlich. Der Bassist steht beim renommierten Blue Note-Label unter Vertrag. Nach erfolgreichen Jahren in New York, in denen er auf der ganzen Welt große Konzerte gegeben hat, ist er in sein Heimatland Israel zurückgekehrt. Dort fördert er neben seiner eigenen Karriere auch junge israelische Talente. Vor kurzem hat er das Album "All Original" präsentiert, auf dem er einen Überblick über die "Besten des Jungen Israelischen Jazz" wagt.

Zu diesen Talenten zählen zum Beispiel auch der Schlagzeuger Ofri Nehemya oder der blutjunge Pianist Gadi Lehavi, die völlig zurecht hoch gehandelt werden. Der  bereits international anerkannte israelische Saxophonist Eli Degibri schwärmt von den beiden in den höchsten Tönen.

"Ich glaube, dass Gadi Lehavi und Ofri Nehemya Teil dieser neuen großartigen Musikergeneration sind. Wenn ich Dir eine CD vorspielen würde und Du wüsstest nicht, wie alt der Pianist ist, dann könntest Du nicht erkennen, dass er erst 16 ist. Meine Entscheidung, sie in meine Band zu integrieren, war rein musikalischer Natur und hing nicht vom Alter ab. Ich habe eine Verbindung mit diesen Kids, seit ich ihr Lehrer bei einem Exzellenz-Projekt war."

Förderung schon ab der Schulzeit

Eli Degibri spricht ein Phänomen an, das es in Israel in vielen Sparten gibt: Die Exzellenzförderung. Junge Talente werden schon ab der Schulzeit gefördert. Ohnehin ist auffäliig, dass sich die Lebensläufe von Musikern wie Omer Klein, Shai Maestro, Yaron Herman oder Anat Fort auffällig gleichen. Die meisten Musiker haben an einer der renommierten Hochschulen wie der Thelma Yellin Highschool in Givatayim bei Tel Aviv oder der Rubin Academy in Jerusalem studiert. Anschließend haben die meisten in den USA, zumeist am Berklee College of Music in Boston, ihren Abschluss  gemacht, um dann von New York aus ihre Karriere zu starten. Doch heutzutage siedeln sich die jungen Musiker auch wieder in Tel Aviv an. Das weiß auch Eldad Zitrin, der vor kurzem mit der Sängerin Irit Dekel das Projekt "Last of Songs" aus der Taufe gehoben hat.

"Was ich versuche zu sagen, ist, dass die israelischen Jazzer ganz unterschiedliche Musikstile erkunden müssen. Sie kennen ganz verschiedene Sachen und können ganz unterschiedliche Sachen spielen. Und das macht ihre Musik so gut. Songwriter wie Yoni Rechter hatten einen großen Einfluss auf mich. Ich habe mit 16 oder 17 Rami Kleinstein genauso wie Sting gehört. Ein wenig von allem. Ich glaube, dass alles, was ein Musiker hört, ihn irgendwie beeinflusst. Als Kid war ich klassischer Pianist und habe dann die Welt des Jazz erforscht. Dann habe ich eher auf der Pop-Seite für Künstler arrangiert, produziert und Klavier gespielt. Alles zusammen ergibt jenen Mix, der mich heutzutage ausmacht."

Fließende Grenzen zwischen Jazz, Pop und Folk

Die meisten israelischen Jazzer müssen musikalisch sehr breit aufgestellt sein, zumal dann, wenn sie hauptberuflich in Israel arbeiten wollen. Eldad Zitrin ist eigentlich Jazz-Saxophonist, aber sein Instrument war das erste, das er dem popmusik-orientierten Sound seines Debütalbums geopfert hat. Statt dessen gibt es eine Duduk, die türkische Klarinette, oder eine Kamanche, die iranische Stachelgeige, zu hören. Bei einem derartig folkloristischen Instrumentarium stellt sich die Frage, wo eigentlich die Grenze des israelischen Jazz endet und wo Pop und wo Folk beginnt?

Diese Frage stellt sich nicht nur beim Album "Last of Songs", sondern muss bei vielen Alben jeweils neu definiert werden. Auch bei einem anderen wichtigen Jazzmusiker aus Israel, bei Omer Avital. Der Israeli spielt nicht nur begnadet Bass, sondern auch das arabische Instrument par exellence: den Oud, die arabische Kurzhalslaute.

Was hier klanglich geboten wird, hat nichts mit verklärendem Orientalismus zu tun. Omer Avitals Musik beispielsweise spürt seinen jemenitischen und marokkanischen Vorfahren nach. Und die waren nicht arabisch, sondern jüdisch.

Israel ist ein klassisches Einwanderungsland, in dem es keine Trennung zwischen Staat und Religion gibt. In diesem Melting-Pot gibt es jedoch ein vereinendes Merkmal in der Musik: die Lieder und Gebete der Synagoge, die fast jeder Jude von Klein auf kennt. Diesen Elementen im Sound jedes einzelnen israelischen Jazzmusikers nachzuspüren, dürfte indes schwierig sein.

"Manche Leute fragen mich, ohne genau hinzuhören, nach den Einflüssen israelischer Musik auf meine Songs. Ich sage dann immer: Du musst schon genauer aufpassen! Dann wirst du merken, dass sie durchaus da sind, weil ich ja schließlich aus Israel komme, aber das ist nicht wichtiger als alles andere. Ich verheimliche das zwar nicht, aber trotzdem kann ich meine Musik nicht als israelische Musik verkaufen."

Von israelischen Klängen war in den jüngsten Aufnahmen vom Trompeter Avishai Cohen jedenfalls nichts zu hören. Und auf seinem letzten Album spielt er vor allem eines: erdigen Hard-Bob. Wenn so Jazz aus Israel klingt, dann ist das jedenfalls – Musik vom Allerfeinsten!

Tonart

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