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Tonart | Beitrag vom 11.06.2020

Jazz-Schlagzeuger Shelly ManneUnverschämt lässig und lebensfroh

Von Matthias Wegner

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Schwarz-weiß-Porträt des Schlagzeugers Shelly Manne, am Schlagzeug. (imago images / Cinema Publishers Collection)
An mehr als 1000 Alben beteiligt: Shelly Manne war über viele Jahre lang wahrscheinlich täglich im Aufnahmestudio. (imago images / Cinema Publishers Collection)

Sein Sound am Schlagzeug steht für den luftig-leichten Gegenentwurf zum New Yorker Bebop: Shelly Manne gilt als zentrale Figur des Westküstenjazz der 1950er- bis 70er-Jahre. Grund genug, seinen 100. Geburtstag nicht zu vergessen.

Wer Shelly Manne sagt, muss auch West Coast Jazz sagen. Was eigentlich etwas merkwürdig ist, denn Shelly wurde in New York geboren und dort machte er auch seine ersten Aufnahmen. Doch weil es ihn ab 1951 nach Los Angeles zog, seine Karriere ab dort ordentlich Fahrt aufnahm und vor allem weil er dann an der Westküste entscheidenden Anteil an diesem luftig-leichten Gegenentwurf zum New Yorker Bebop hatte, gilt Shelly Manne bis heute als zentrale Figur eben dieses Westküstenjazz der 1950er- bis 70er-Jahre.

Mit einem unverschämt lässigen Understatement und einem übernatürlichen Verständnis für seine Mitspieler, wie es mal ein amerikanischer Journalisten-Kollege sehr schön formuliert hat, trieb Shelly Manne seine West-Coast-Bands vom Schlagzeug aus zu Höchstleistungen an.

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Seine Klangsprache ließ sich übrigens nicht als Cool Jazz subsumieren, dafür swingte Shelly Mannes Jazz noch viel zu sehr und war deutlich lebensfroher als die verhangenen Trompetenlinien eines Chet Baker oder der oft auch melancholische Klang vieler Cool-Jazz-Bands der damaligen Zeit.

Ein eigener Club in Hollywood

Shelly Manne war über viele Jahre lang wahrscheinlich täglich im Aufnahmestudio. Zumindest legt dies seine umfangreiche Diskographie nahe. An weit über 1000 Jazz-Alben hat er mitgewirkt, doch all das reichte ihm nicht. Im Jahr 1960 eröffnete er in Hollywood seinen eigenen Jazzclub: "Shelly's Manne Hole".

Er sagte mal dazu: "Dort wollte ich mit all den Freunden aus Los Angeles spielen und andere vorstellen. Um die Stadt wieder für den Jazz zu eröffnen."

Denn das stimmt schon: New York hatte vieles überschattet und war ein großer Magnet für die US-amerikanischen Jazzer. Die Westküsten-Szene war zeitweise ganz schön isoliert. Wer blieb und nicht in den Big Apple zog, hatte dafür noch ein anderes Betätigungsfeld: Hollywood.

Prägender Einfluss in Filmmusiken

Wenn Shelly Manne nicht gerade neue Platten aufnahm, in seinem eigenen Club spielte oder durch die Welt tourte, dann nahm er eben Filmmusiken auf. Wer einen Schlagzeuger am Set brauchte, rief bei Shelly an – zum Beispiel der Komponist Henry Mancini, der ihn für Filme wie "Breakfast at Tiffany’s" oder "The Pink Panther" buchte. Unvergessen auch die Filmmusik zur Serie "Peter Gunn", an der Shelly Manne entscheidenden Anteil hatte.

Shelly Manne starb bereits 1984 im Alter von 64 Jahren, dadurch verpasste er das große Jazzrevival, das sich damals in der ganzen Welt ausbreitete und von dem wir bis heute profitieren. Seine Frau Flip war ein Jahr jünger als Shelly. Sie lebt bis heute und nimmt noch immer recht aktiv am Jazzgeschehen teil, wenn auch eher hinter den Kulissen. Shelly Manne hatte ihr schon 1954 eine musikalische Liebeserklärung gewidmet. Ein zeitlos schönes Stück, und wie könnte es anders sein: im Stil des West Coast Jazz.

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