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Tonart | Beitrag vom 20.07.2020

Jazz im Nachkriegsdeutschland Evelyn Künneke im Sammelpool der versprengten Musiker

Stephan Wuthe im Gespräch mit Oliver Schwesig

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Die Sängerin Evelyn Künneke (*15.12.1921-28.04.2001). Sie lächelt frech zwischen einem Vorhang, 1959. (Getty /ullstein bild)
Evelyn Künneke war früh ein Jazz-Fan. Schon im Juli 1945 nahm sie als Sängerin des Radio Berlin Tanzorchesters "Yes, my darling" auf, das von vielen Sendern gespielt wurde. (Getty /ullstein bild)

Der Jazz konnte nach Kriegsende im Mai 1945 an eine Tradition vor der NS-Zeit anknüpfen, für Musiker öffneten sich überraschende Wege. Evelyn Künneke, 1944 in Gestapo-Haft, nahm im Juli mit dem Radio Berlin Tanzorchester einen ersten Hit auf.

Als der Zweite Weltkrieg zu Ende war, fanden sich viele der Musiker in unglaublichen Situationen wieder, berichtet Stephan Wuthe. Viele der einheimischen Musiker hätten sich zusammen mit zwangsverpflichteten ausländischen Musikern in den letzten Kriegswochen irgendwo in Deutschland wieder gefunden, sagt der Experte für frühen Jazz. 

Früh dabei war auch Evelyn Künneke, die einen der ersten Jazz-Hits nach dem Krieg landete – als Sängerin des Radio Berlin Tanzorchesters (RBT), das schon im Mai 1945 gegründet worden war.

Eine Brücke zur Vorkriegszeit

Generell seien viele Musiker in den letzten Kriegstagen aus Berlin zum Beispiel nach Süddeutschland verlegt worden und seien dort auf US-Truppen gestoßen: "Die haben sich selbst aus der Armee entlassen, sich als jazz musician vorgestellt, sie mussten meistens was vorspielen und wurden stante pede engagiert", sagt Wuthe. Dann konnten sie in München, Heidelberg und Frankfurt/Main und Hanau in den Casinos der Armee abends auftreten. "Sie haben die alten Jazz-Standards gespielt und eine Brücke geschlagen in die Vorkriegszeit – viele der Allierten waren überrascht, dass solche Stücke auch im NS-Deutschland überhaupt bekannt waren."

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In Berlin sei die Situation nochmals besonders gewesen: Das Haus des Rundfunks war schon wenige Tage vor der Kapitulation von der Roten Armee besetzt worden, es kam bereits ab 13. Mai 1945 wieder zu Radiosendungen. Und dafür sei auch Unterhaltungsmusik gebraucht worden, berichtet Wuthe.

So wurde schon im Juni 1945 das Radio Berlin Tanzorchesters (RBT) unter dem Komponisten und Bandleader Michael Jary durch die Sowjetische Kulturbehörde gegründet. Die Jazztitel des RBT seien attraktiv gewesen, sagt Wuthe, doch es seien auch Tangos und Unterhaltungsmusik gespielt worden: "Ganz spannend, es wurden auch viele Schlager gespielt, die auch im Vor-Nazi-Deutschland populär waren, aber von verfemten jüdischen Komponisten stammten."

Musik in einer Trümmerlandschaft

Zudem wurde, obwohl die Stadt in Trümmern lag, auch schon wieder Jazz oder Musik überhaupt gespielt und gehört und sogar dazu getanzt, wie Wuthe berichtet. Langsam sei wieder ein Nachtleben entstanden – im "Haus Wien" am Kurfürstendamm und im "Titania-Palast", die beide fast unbeschädigt gewesen seien, und auch in einigen beschädigten Hotels wie dem berühmten "Esplanade" am Potsdamer Platz.

Neubebauung des Potsdamer Platzes nach der Wiedervereinigung. Grossbaustelle Potsdamer Platz, in der Mitte die Reste des ehemaligen Hotel Esplanade. Berlin, Juli 1996. (akg images / Matthias Lüdecke)Die Reste des "Hotel Esplanade" am Potsdamer Platz, als der Platz nach der Wiedervereinigung 1996 neu gestalten wurde. In der Nachkriegszeit wurde in dem beschädigten Hotel Musik gemacht. (akg images / Matthias Lüdecke)

Im Haus des Rundfunks, im Sommergarten am Funkturm, auf dem Gendarmenmarkt wurden Kulturveranstaltungen gemacht. "Es gab an allen Ecken Musik. Es waren wirklich nur fünf Tage Pause."

Rehabilitation im Tanzorchester

Das RBT sei dabei ein Sammelpool für versprengte Musiker gewesen, die sich in Berlin wiederfanden: Dazu gehörten etliche Ausländer, die vorher zwangsverpflichtet waren, die rassisch und politisch verfolgten deutsche Musiker wie Juden und Nicht-NSDAP-Mitglieder, und dazu kamen Nachwuchstalente, darunter auch Evelyn Künneke. "Sie war 1944 in Ungnade gefallen, weil sie bei einer Holland-Tournee im Concertgebouw in Amsterdam auf Englisch gesungen und gesteppt hatte und damit so aneckte, dass sie nach ihrer Rückkehr mehrere Monate in Plötzensee in Gestapo-Haft saß."

Künneke war eine der ersten Sängerinnen im RBT, das auf eine Art eine Rehabilationsmaßnahme für Leute gewesen sei, die in der NS-Zeit gelitten haben. Künneke habe schon früh wieder mit dem RBT gespielt und auf Englisch gesungen, etwa "Yes, my Darling", das schon im Juli 1945 entstanden ist. Die Platte wurde im Radio gesendet und an viele Radiosender verschickt, aber sie wurde nicht an die Öffentlichkeit verkauft.

"Sie hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Ella Fitzgerald bewundert hat", sagt Wuthe über die Sängerin und Schauspielerin, Künneke sei sehr jazzaffin gewesen. Sie hatte eine Stepp-Ausbildung, hatte mit 17 einen Talentwettbewerb im "Kabinett der Komiker" gewonnen. Für einen Film, so Wuthe, habe sie auch abgelehnt, ein Chanson zu singen, sie wollte Swing.

(mfu)

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