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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 20.03.2005

Jazz hinter dem Eisernen Vorhang

Vor 40 Jahren gastierte Satchmo in Ost-Berlin

Von Uwe Golz

Jazz jenseits der Mauer: Der "King of Jazz" wurde in Ost-Berlin als Bote des "guten Amerika" gefeiert. (AP)
Jazz jenseits der Mauer: Der "King of Jazz" wurde in Ost-Berlin als Bote des "guten Amerika" gefeiert. (AP)

Es war ein musikalisches und politisches Ereignis der besonderen Art: Als Louis Armstrong, der King of Jazz, am 20. März 1965 im Friedrichstadtpalast in Ost-Berlin die Bühne betritt. Mitten im Kalten Krieg sollte seine Tournee ein Zeichen setzen, wurde aber letztendlich vom Ostblock propagandistisch ausgenutzt.

Frühjahr 1965, wieder einmal suchte man den berühmtesten Jazztrompeter und -sänger der Welt, Louis Armstrong, in seinem Haus in Corona auf Long Island vergebens. Er war, wie so oft in diesen Jahren, auf Tournee. Das Ziel, mitten im Kalten Krieg der Großmächte, lag diesmal hinter dem Eisernen Vorhang: Der Friedrichstadtpalast in Ost-Berlin.

Satchmo, Taschenmund, wie ihn seine Fans liebevoll nannten, war schon lange "America's Goodwill Ambassador", Amerikas Botschafter des guten Willens, nun sollte er mit seiner Musik die kommunistischen Länder erobern. Seine Tournee hatte in der Tschechoslowakei begonnen und sollte ihn über das geteilte Berlin und Leipzig noch nach Rumänien und Jugoslawien führen. Am Abend des 20. März 1965 hob sich der Vorhang für das erste von 16 Konzerten Armstrongs und seiner All-Star-Band in der DDR. Ursprünglich waren nur zehn Konzerte geplant, doch die Nachfrage war so überwältigend, dass Armstrong noch sechs weitere in seinen Tourneeplan mit aufnahm.

Für 3000 ausgesuchte Fans, unter ihnen der stellvertretende DDR-Kultusminster Kurt Bork, wurde dieses erste Armstrong-Konzert zu einem unvergesslichen Erlebnis. Seit der Wiederöffnung des Friedrichstadtpalasts nach dem Krieg hatte man noch nie derartige Beifallsstürme für einen Star des Unterhaltungsgeschäfts erlebt. Auch die DDR-Medien waren voll des Lobes. Tags darauf schrieb die Berliner Zeitung unter der Überschrift "Beifall, Beifall, Beifall":

Die mit dem erstmaligen Gastspiel von Louis Armstrong in der DDR verbundenen Erwartungen waren sehr hoch. Sie wurden nicht enttäuscht.

Das Neue Deutschland titelte:

"Sendbote des guten Amerika."

Und fuhr, ganz im Sinn der sozialistischen Überzeugung fort:

Er gibt Gastspiele in den uns befreundeten Nachbarländern, und er besucht das Land, das es auf den Karten bestimmter Leute nicht gibt. Das ist gut so. Armstrong und seine Musiker spielen für alle Menschen. Sie sind uns Boten des guten Amerika, des Amerika, das wir ehren und schätzen.

Armstrong war clever, in allen Belangen des Lebens, nicht nur in seiner Musik. Das Programm war abgestimmt und wohl durchdacht. Jazzstandards und seine Hits gaben sich die Hand und für sein deutsches Publikum hatte er immer das Lied vom treuen Husaren mit im Gepäck.

Im Westteil der Stadt wurde Armstrongs Auftritt in der DDR mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Drei Tage nach dem ersten Friedrichstadt-Konzert war im "Spandauer Volksblatt" zu lesen:

"Die Frage eines westlichen Journalisten zur Spaltung der Stadt beantwortete Armstrong mit dem Hinweis, er kümmere sich nicht um die Mauer, sondern um sein Publikum, und er wolle von dem ganzen Kram nichts wissen."

Am selben Tag schrieb der Ostberliner "Morgen":

"Der legendäre Louis Armstrong war unser leidenschaftlich gefeierter Gast, und er fühlte sich wohl hier, wie überall in der Welt, wo er musikalisch zum Sturm bläst seit fast einem halben Jahrhundert."

Der Gutmensch Armstrong, und als solcher präsentierte sich der King of Jazz immer wieder gern, konnte mit der gespaltenen Stadt und ihren Realitäten nichts anfangen. Weltfremd, ging er - der sich als Botschafter aller Menschen verstand - an der Menschen verachtenden Haltung des DDR-Systems vorbei. Schwer zu verstehen, hatte er in den USA doch an Aktivitäten der Bürgerrechtsbewegung teilgenommen. Und so trägt der Schlusssatz in der "Morgen"-Kritik noch heute eine innere Wahrheit in sich.

"Das Gastspiel des Jahres wird nicht so bald verklungen sein, es wird noch lange nachklingen."

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