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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 27.10.2016

Javier Marías: "Keine Liebe mehr"Wenn das Fantastische hereinbricht

Von Sigrid Löffler

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Der spanische Schriftsteller Javier Marias (picture alliance / dpa / Javier Lizon)
Der spanische Schriftsteller Javier Marias hat sein Leben lang nicht nur Romane, sondern auch Erzählungen geschrieben. (picture alliance / dpa / Javier Lizon)

Gespenster, Kriminalfälle und Geschichten über die endlosen Missverständnisse und Verrätereien zwischen Mann und Frau: Der Erzählband "Keine Liebe mehr" des spanischen Autors Javier Marías ist eine Wundertüte voller Erfindungen, Überraschungen und Fantasie.

Der spanische Autor Javier Marías, Jahrgang 1951, hat sein ganzes Arbeitsleben lang neben seinen bislang vierzehn Romanen, seinen Essays und Übersetzungen auch Erzählungen geschrieben. Mehrere einzelne Erzählungsbände sind bisher auf Deutsch erschienen, in verschiedenen Verlagen und unterschiedlichen Zusammenstellungen. Nun bringt der S. Fischer Verlag erstmals 30 Erzählungen aus fast 50 Jahren in einem großen Sammelband heraus. Die früheste Erzählung ("Leben und Tod des Marcelino Iturriaga") stammt von 1968 und gibt bereits eine Vorahnung von den Kühnheiten dieses Autors, denn der titelgebende Ich-Erzähler berichtet in aller faktischen Nüchternheit von seinem eigenen Tod, der ihn so ungerührt lässt wie sein ganzes ereignisloses 35-jähriges Leben davor.

Gewalt, Bosheit, Grausamkeit und Verrat

Mit großer Nonchalance erzählt Marías in diesen Geschichten über den Bereich des Möglichen hinaus und spielt mit dem Einbruch des Fantastischen in die reale Welt. Dies gelingt ihm, weil er die Konturen der Welt möglichst realistisch wiedergibt, sodass auch die Momente des Hinaustretens ins Fantastische völlig plausibel erscheinen. Nicht zufällig schreibt Marías gerne Gespenstergeschichten: Die erste und die letzte Erzählung dieses Bandes, wie auch die Titelgeschichte "Keine Liebe mehr", sind Gespenstergeschichten.

Das Abgründige arbeitet Marías gerne in einem Ambiente gebildeter, gut situierter, lebens- und redegewandter, scheinbar völlig rationaler und kontrollierter bürgerlicher Menschen heraus. In diesem höflichen und wohlerzogenen Milieu, das auch Marías' Romane bestimmt, wirkt der chaotisierende Einbruch von Gewalt, Betrug, Täuschung, Hass, Bosheit, Grausamkeit und Verrat besonders beklemmend. Immer geht es bei Marías um die endlosen Missverständnisse und Verrätereien zwischen Mann und Frau; um das Anarchische der Erotik und die Fragwürdigkeiten, Täuschungen und Selbsttäuschungen in der Liebe; um die Mühseligkeiten, Ungewissheiten und Waghalsigkeiten beim Versuch, heute eine Ehe zu führen.

Nicht selten erprobt, wiederholt, evoziert, variiert Marías in seinen Erzählungen die Themen und Motive, die auch seine Romane charakterisieren. Und zu seinen Standard-Situationen zählen plötzliche, oft gewaltsame Tode, meist mit extravaganten, bizarren Mordinstrumenten wie einem Renaissance-Schwert oder einer afrikanischen Lanze, ferner verbissenes Stalking ahnungsloser Opfer sowie unheimliche Zufallsbegegnungen mit Fremden, die unvermutet die abgründigsten Bekenntnisse und Lebensbeichten ablegen. Und nicht selten lässt Marías den politischen Hintergrund aufblitzen: die immer noch nicht befriedeten Nachwirkungen des Spanischen Bürgerkriegs, die in der zweiten und dritten Generation vererbte Grundfeindschaft zwischen Republikanern und Franquisten.

Der Butler im Fahrstuhl und der Lanzen-Mord

Beispielsweise in der Erzählung "Lanzenblut", die mit 60 Seiten Umfang fast schon ein Kurzroman ist. Wie so oft bei Marías beginnt die Geschichte mit einem jähen, abrupten, besonders grausamen Tod. Die Leiche des besten Freundes des Erzählers wird neben einer toten fremden Frau in seiner Wohnung gefunden, beide durchbohrt mit einer afrikanischen Lanze. Da die Polizei kein Interesse zeigt, die Morde aufzuklären, geht der Erzähler selbst der Sache nach. Das macht "Lanzenblut" auf den ersten Blick zum genre-typischen Krimi. Die Reflexionen und Grübeleien, die eigenwilligen Nebenfiguren und extravaganten Episoden, mit denen Marías die Geschichte anreichert, heben die Erzählung allerdings über jeden Klischee-Verdacht hinaus.

Allein die Bandbreite der Erfindungen dieses Autors macht den Erzählungsband zu einer Wundertüte. Das reicht von den hämischen Berichten eines Butlers in einem feststeckenden New Yorker Lift ("Was der Butler sagte") bis zu einem monomanen Ehemann, der seine angebetete blutjunge Frau obsessiv filmt, weil er ihren letzten Lebenstag auf Video festhalten will, wann auch immer er ihren letzten Lebenstag gewaltsam herbeizuführen gedenkt, ihn vielleicht bereits herbeigeführt hat ("Während die Frauen schlafen").

Javier Marías: "Keine Liebe mehr. Akzeptierte und akzeptable Erzählungen" Aus dem Spanischen von Susanne Lange, Elke Wehr und Renata Zuniga, Verlag S. Fischer, Frankfurt/Main 2016, 510 Seiten, 25,00 Euro



 

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