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Buchkritik | Beitrag vom 23.05.2019

Javier Marías: "Berta Isla"Ein Thriller in Slow Motion

Von Sigrid Löffler

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Im Vordergrund ist das Cover des Buches "Berta Isla", im Hintergrund ist die Skyline von Madrid zu sehen. (S. Fischer Verlag / Imago / Westend61)
Zur Tarnung arbeitet Geheimagent Tom in der britischen Botschaft in Madrid. (S. Fischer Verlag / Imago / Westend61)

Ihre Ehe ist zerrüttet: Tom ist Geheimagent, doch seine Frau Berta weiß nichts davon. Javier Marías hat mit "Berta Isla" einen an Anspielung reichen Roman voller moralischer und politischer Reflexionen vorgelegt.

Der Großromancier Javier Marías ist der bedeutendste spanische Autor der Gegenwart. Er wurde 1951 in Madrid geboren, ist jedoch zweisprachig aufgewachsen. Er absolvierte einen Teil seiner Schulzeit in den USA und einen Teil seines Studiums in Oxford.

Seit jeher organisiert er sein erzählerisches Werk rund um zwei geistige Brennpunkte – die Pole Spanien und England, Madrid und Oxford –, immer im Kontext der europäischen Geschichte und mit dem Ziel, darin eine ganze Epoche zu spiegeln. In seinen Romanen verbinden sich Reflexionen über die abgründige Menschennatur mit dem Nachdenken über Moral, Geschichte und Politik.

Eine Mischung aus Geheimdienst- und Eheroman

Dafür benutzt Marías mit Vorliebe zwei literarische Genres: den bürgerlichen Eheroman und den Geheimdienstthriller. Doch egal, ob Eheroman (etwa "Mein Herz so weiß") oder Spionagegeschichte (etwa die Trilogie "Dein Gesicht morgen"): Stets erweist sich Marías als Meister des literarischen Framing. Er bedient sich dieser herkömmlichen Erzählformate, um sie zu sprengen und spielerisch miteinander zu vertauschen.

Auch in seinem jüngsten, seinem 15. Roman setzt Marías die Erzählmuster des Spionagethrillers in Framing-Absicht ein, um in Wahrheit einen Eheroman über einen großen Liebesverrat zu schreiben. "Berta Isla" erzählt von einer Ehe, die von Anfang an auf Lüge, Täuschung, Betrug und Selbstbetrug beruht.

Der Anglo-Spanier Tom Navinson war mit besonderer Sprachbegabung und dem Talent für die Nachahmung vieler Akzentes schon als Student in Oxford aufgefallen und deshalb vom britischen Geheimdienst als Undercoveragent rekrutiert worden. Zur Tarnung arbeitet er in der britischen Botschaft in Madrid und heiratet Berta Isla. Sie und nicht der Spion steht im Mittelpunkt. Nicht Toms Undercoveraktivitäten gilt das Interesse des Autors, sondern deren Auswirkungen auf Toms Ehe.

Berta weiß nicht, ob sie noch Ehefrau oder schon Witwe ist

Diese Ehe wird durch Toms Heimlichtuerei einem jahrzehntelangen Stresstest unterworfen. Schwer geprüft werden Bertas Geduld und Treue zu einem Ehemann, der immer wieder ohne Erklärung zu wochenlangen Auslandseinsätzen verschwindet und zuletzt für ganze zwölf Jahre abtaucht, sodass Berta nicht weiß, ob sie noch verlassene Ehefrau oder schon Witwe ist.

Der Hauptteil des Romans wird aus der Ichperspektive der Titelheldin erzählt. Die längste Zeit ist Berta ahnungslos, was ihr Ehemann eigentlich treibt. Erst spät und auch dann nur vage und bruchstückhaft erfährt sie von Toms Doppelleben. Dessen Undercovereinsätze werden nur kursorisch angedeutet.

Offenbar wird er im Falkland-Krieg und im Nordirland-Konflikt im Kampf gegen die IRA-Terroristen eingesetzt. Durch einen IRA-Agenten wird Berta über Tom aufgeklärt. Ein schlimmes Ende wird ihm prophezeit, sobald er auffliegt: "Wer nicht hingerichtet oder völlig verrückt wird, weiß am Ende nicht mehr, wer er ist. Er verliert seine Identität."

Mit Einschüben und Exkursen gespickt

Und genau diese Verunsicherung, die Unmöglichkeit, den anderen wirklich zu kennen, ist das eigentliche Thema des Romans – bei Tom das Gefühl zunehmender Entwirklichung der Realität und des Selbstverlusts hinter all den Rollen und falschen Identitäten, die er beruflich annehmen muss; und bei Berta das Gefühl der zunehmend gespenstischen Schattenhaftigkeit ihres Mannes, der für sie immer unkenntlicher wird. Toms Doppelleben und Bertas Argwohn zerfressen diese Ehe.

Wie immer lässt Javier Marías auch hier seine enorme Belesenheit spielen. Die literarischen Anspielungen reichen von der verlassenen Penelope, die auf ihren umherirrenden Odysseus wartet bis zum historischen Fall des echten und des falschen Martin Guerre.

Und wie immer arbeitet Marías mit einer extremen meditativen Verlangsamung des Erzähltempos. Er ist berühmt für seine langen, mäandernden Sätze voller Einschübe und Exkurse. Diese Weitschweifigkeit ist sein Markenzeichen. Entstanden ist so das Paradoxon eines Geheimdienstthrillers in Slow Motion, der im bedächtigen Erzähltempo moralischer und politischer Reflexionen die Spannungsdramaturgie außer Kraft setzt und zugleich den Suspense radikal intensiviert.

Javier Marías: "Berta Isla"
Aus dem Spanischen von Susanne Lange
Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2019
654 Seiten, 26 Euro

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