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Lesart | Beitrag vom 03.09.2018

Jason Lutes: "Berlin: Flirrende Stadt"Rasend in den Abgrund

Von Frank Meyer

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Im Vordergrund das Cover von "Berlin: Flirrende Stadt". Im Hintergrund eine Szene aus der Weimarer Republick (Carlsen Verlag / picture-alliance)
Insgesamt umfasst Lutes' Berlin-Epos 600 Seiten. (Carlsen Verlag / picture-alliance)

Berlin in den Jahren 1928 bis 1933: Die Stadt ist eine pulsierende und rastlose Metropole - und steuert direkt in die Katastrophe. - Mit "Flirrende Stadt" hat der amerikanische Comic-Autor Jason Lutes den letzten Teil seine Berlin-Trilogie vorgelegt.

Der US-amerikanische Autor und Zeichner Jason Lutes hat 22 Jahre an einem Berlin-Comic gearbeitet, zehn Jahre länger als ursprünglich geplant. "Steinerne Stadt" hieß der erste Band, "Bleierne Stadt" der zweite. Jetzt ist der dritte Band erschienen, "Berlin: Flirrende Stadt", fast 600 Seiten hat dieses gezeichnete Epos nun insgesamt. Mit diesem Großprojekt rollt Lutes ein ungemein beeindruckendes Berlin-Panorama der Jahre 1928 bis 1933 aus.

Eine Gesellschaft zerfällt

Jason Lutes erzählt in einer Parallelmontage, wie in einer modernen Fernsehserie. Es gibt eine Vielzahl von Figuren, Kommunisten und Nazis, Adlige und Arbeiter, Künstler und Journalisten. Im Zentrum steht zuerst eine junge Frau, Marthe Müller, die nach Berlin kommt, um dort Kunst zu studieren. Sie erlebt eine lesbische Liebesgeschichte, sie zieht durch die Kabaretts der schon nicht mehr goldenen Zwanziger, sie diskutiert mit anderen Studenten über Avantgarde und Propaganda. Marthe hat auch ein Verhältnis mit dem Journalisten Kurt Sieverding, der für die Zeitschrift "Weltbühne" schreibt. Sieverding hat vielfach mit dem "Weltbühne"-Herausgeber Carl von Ossietzky zu tun und mit dem Redaktionsfaktotum Joachim Ringelnatz. Kurt Sieverding versinkt im dritten Band in immer tiefere Depressionen, weil er die Herrschaft der Nationalsozialisten heraufziehen sieht und an der politischen Gleichgültigkeit um ihn herum verzweifelt. Die Arbeitertochter Silvia ist die dritte zentrale Figur, mit ihr zeigt Jason Lutes, wie sich die Arbeiterklasse in diesen Jahren spaltet. Silvias Vater geht zur SA, ihre Mutter wird bei einer kommunistischen Demonstration im "Blutmai", am im Mai 1929, von der Polizei erschossen.

Die Episoden rund um diese Figuren montiert Jason Lutes in zügigem Wechsel. Gegen Ende des dritten Bandes, wenn die Handlung sich auf das Ende zu verdichtet, wechselt der Fokus innerhalb einer Seite von einer Figurengruppe zur nächsten, die dramaturgischen Sprünge geben der ganzen Erzählung etwas Flirrendes, Rastloses. Lutes‘ realistische Schwarz-Weiß-Zeichnungen sind dagegen sehr präzise, mit klaren Strichen charakterisiert er die Personen, oft vor leeren Hintergründen, wenn er nicht eine ganze Stadtlandschaft skizziert, das oft mit größter Detailtreue. Der Potsdamer Platz taucht immer wieder auf, als Ort der rasenden Moderne und in einem Ausblick zum Schluss als Schauplatz der Kriegszerstörung, des Mauerbaus und des Neubeginns nach 1989.

Parallelen zur Gegenwart

Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz", Wim Wenders‘ Film "Der Himmel über Berlin" und Heinrich Zilles Zeichnungen aus dem "Berliner Milljöh" hat Jason Lutes als entscheidende Einflüsse für seine Berlin-Trilogie genannt. Lutes hat sich tief eingegraben in die Berliner Geschichte vor 1933 und sehr überzeugende Figuren für die Ereignisse dieser Zeit entwickelt. Wenn man bei ihm vom Börsenkrach 1929 liest, vom Vormarsch der extremen Rechten, von der Demokratiemüdigkeit vieler Bürger, dann ist man auch mitten in unserer Gegenwart.

Jason Lutes: Berlin: Flirrende Stadt
Aus dem Amerikanischen von Heinrich Anders
Carlsen Verlag, Hamburg 2018
176 Seiten, 14 Euro

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