Seit 13:05 Uhr Länderreport
Mittwoch, 16.06.2021
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 12.02.2015

Japans tolerante GötterMorgens Jesus preisen, mittags Sonne anbeten und abends Buddhist sein

Von Jürgen Hanefeld

Haupteingang zum shintoistischen Heian-Schrein in Kyoto, 17.01.2014  (picture alliance / dpa / ZB / Peter Jähnel)
Haupteingang zum shintoistischen Heian-Schrein in Kyoto (picture alliance / dpa / ZB / Peter Jähnel)

Kaum sonstwo auf der Welt sind die Götter toleranter als in Japan: Jede Religion wird akzeptiert, ein Gläubiger kann sogar mehreren Religionen gleichzeitig anhängen. Geboren im Shinto-Ritus, christlich geheiratet und beerdigt als Buddhist - alles kein Problem in Japan.

Dreimal im Jahr schlingen starke Männer armdicke Seile aus Reisstroh um zwei Felsen im Meer. Izanagi und Izanami heißen die beiden Brocken, die in der japanischen Mythologie die Eltern, nein, nicht aller Japaner, sondern aller Inseln darstellen, aus denen Japan besteht.

"Das Lied, das wir dazu singen, ist sehr alt. Wie alt, weiß keiner. Es gehört dazu, wenn wir diese Reinigungszeremonie vollziehen. Wir beruhigen das Meer und begrüßen die Sonne."

Die Sonne ist Schöpfungsgöttin und Symbol Japans. Das ist leicht zu verstehen. Vom Strand aus gen Osten sah man nur das endlose Meer und - daraus aufsteigend - die Sonne. Nihon, das eigentliche Wort für Japan, bedeutet "Ursprung der Sonne". Sie ist auch der Quell der ursprünglichen Religion Japans, des Shinto.

"Die meisten Japaner verstehen Shinto gar nicht als Religion. Für sie ist es eine Lebensweise, das Einhalten von Sitten und Gebräuchen. Dass man zum Beispiel am Neujahrstag den Schrein besucht oder Kinder mit drei, fünf und sieben Jahren vom Priester segnen lässt." 

Überzeugungen in Einklang gebracht

Nobutaka Inoue kennt sich aus. Er ist Professor an einer von nur zwei Fakultäten weltweit, die Shinto-Priester ausbilden. Und er weiß auch, dass die meisten Shinto-Anhänger gleichzeitig Buddhisten und manchmal sogar Christen sind. Japans Ur-Religion kennt unendlich viele Götter, aber keine Darstellung ihrer Gestalt. Bei Buddhisten ist es umgekehrt. Sie kennen genau genommen gar keinen Gott, den aber in tausendfacher Gestalt. Doch anstatt zu rivalisieren, haben es die Japaner geschafft, diese beiden Überzeugungen in Einklang zu bringen.

"Der Buddhismus kam im 7. Jahrhundert nach Japan. Etwa 1200 Jahre lang ergänzten sich die beiden Religionen. Das heißt, die Leute glaubten sowohl an die Shinto-Götter als auch an Buddha. Und ob der überall in Japan anzutreffende Ahnenkult ursprünglich aus dem Shinto oder aus dem Buddhismus kommt, weiß niemand mehr."

Für die meisten Japaner ist das unwichtig. Sie folgen den familiären Gewohnheiten. Das heißt, sie feiern alles was mit Neubeginn zu tun hat - Geburt, Neujahr, Hochzeit oder Geschäftseröffnung - mit shintoistischen Ritualen. Tod und Vergänglichkeit, Bestattung und die Bitte um das Seelenheil des Verstorbenen werden auf buddhistische Weise begangen. Den Gedanken, man dürfe nur einem einzigen Glauben anhängen, kennt man hier nicht.
Im Gegenteil: Wenn es er Braut gefällt, dann heiratet sie ganz in Weiß in der Kapelle einer Luxusherberge am Strand. "Howeitu Weddingu" heißt das Ganze: Weiße Hochzeit. Den Prediger besorgt das Hotel.

Mehr zum Thema:

Unterschiedliche Religionskonzepte
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 19.01.2011)

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Weltzeit

Olympia 2021Japans holpriger Weg zu den Spielen
Eine Frau fotografiert die Olympischen Ringe in Tokio. (AFP / Behrouz Mehri)

Nach der Katastrophe von Fukushima und dem Aufschub um ein Jahr soll Olympia nun ein Auferstehen symbolisieren: Zum zweiten Mal richtet Tokio das größte Sportfest der Welt aus. Doch die Mehrheit der Bevölkerung ist mittlerweile gegen die Spiele.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur