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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.06.2014

JapanReise in die Welt des Zen-Buddhismus

Ruth Ozeki: "Geschichte für einen Augenblick"

Von Birgit Koß

Eine japanische Mädchenklasse macht einen Ausflug zu den Tempelanlagen in Kamakura. In der Stadt erlebte der Zen-Buddhismus seine erste Blüte. (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)
Eine japanische Mädchenklasse macht einen Ausflug zu den Tempelanlagen in Kamakura. In der Stadt erlebte der Zen-Buddhismus seine erste Blüte. (picture alliance / dpa / Matthias Tödt)

Ruth Ozekis Roman erzählt die Geschichte einer Schriftstellerin, die an ihren Memoiren über die Zeit an der Seite ihrer kranken Mutter arbeitet, sowie der 16-jährigen Japanerin Nao. Dabei gibt es viele Übereinstimmungen zum Leben der Autorin.

Ruth Ozeki wurde 1956 als Tochter eines Amerikaners und einer Japanerin in Connecticut geboren. Die Filmemacherin, Zen-Priesterin und Autorin studierte in Japan, sie lebt in den USA und auf einer kleinen Insel an der Westküste Kanadas. Dies hat die Autorin mit ihrer gleichnamigen Protagonistin Ruth im neuen Roman "Geschichte für einen Augenblick" gemeinsam.

Es gibt noch weitere Übereinstimmungen: die an Alzheimer erkrankte und inzwischen verstorbene Mutter sowie den Lebenspartner Oliver, einen Land-Art-Künstler. Das einsame Inselleben teilt Ruth mit der Katze Schrödinger, deren Namen auf die Quantenphysik verweist.

Daneben spielen der Zen-Buddhismus, die Frage nach der Zeit, die Ökologie, die Entwicklung der Computerindustrie, Kamikazepiloten im Zweiten Weltkrieg, der Tsunami und die Katastrophe in den Atomkraftwerken von Fukushima eine große Rolle.

Ton des unglücklichen Teenagers

Ruth Ozeki vereint diese zahlreichen Themen in "Geschichte für einen Augenblick" überaus gekonnt miteinander. Sie erzählt den Roman auf zwei Ebenen. Da gibt es die Geschichte der Schriftstellerin Ruth, die an ihren Memoiren über die Zeit an der Seite ihrer kranken Mutter arbeitet, jedoch an einer Schreibblockade leidet, sowie das Tagebuch der 16-jährigen Japanerin Nao, das Ruth am Strand findet.

Die Autorin trifft den rotzigen, aber auch verletzlichen Ton des unglücklichen Teenagers wunderbar. Nao wuchs in Kalifornien auf, wo ihr Vater als Computerexperte gut verdiente. Nach dem Platzen der Dotcom-Blase kehrte die Familie nach Tokio zurück. Der Vater ist arbeitslos, schwer depressiv und selbstmordgefährdet, die Mutter sorgt für ein kleines Familieneinkommen und ist völlig überarbeitet.

Nao wird – mit Billigung ihres Lehrers – von den Mitschülern körperlich und psychisch misshandelt und im Internet gemobbt. Ihr einziger Halt ist die Urgroßmutter Jiko, 104 Jahre alt und Nonne in einem einsamen Bergkloster, seit einer ihrer Söhne als Kamikaze-Pilot 1945 umgekommen war. Durch sie lernt Nao die Zen-Mediation Zazen kennen, den Wert des Augenblicks – die "Sein-Zeit" – schätzen und erfährt zudem einiges aus der Familiengeschichte. All dies vertraut Nao ihrem Tagebuch an, das mit dem Buchdeckel von Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" geschmückt ist.

Mit vielen Fußnoten - ohne zu stören

Je mehr Ruth in diesem Tagebuch liest, umso mehr fühlt sie sich von Nao und ihrer Geschichte angezogen und versucht, dem Mädchen im Internet auf die Spur zu kommen. Und wie, fragt sie sich, ist das Strandgut nach Kanada gekommen? Als Drift infolge des Tsunamis?

Ruth Ozeki nimmt den Leser mit auf eine Reise in die Gedankenwelt des Zen-Buddhismus und des japanisch-amerikanischen Verhältnisses. Dabei hilft sie dem Zen- und japanunkundigen Leser mit vielen Fußnoten und einigen Anhängen auf die Sprünge. Diese wissenschaftliche Vorgehensweise wirkt nicht störend, sie fügt sich harmonisch ein und erweitert den Blickwinkel auf intelligente und informative Art.

Während Nao spritzig und zwischen Gegenwart und Vergangenheit hin- und herspringt, sind Ruths Kapitel klar und chronologisch geordnet. Und dann bricht durch eine Dschungelkrähe, die sich nach Kanada verirrt hat, noch etwas Mystisches in den Roman ein.

Ruth Ozeki hat das Buch ihrer Mutter gewidmet. In einem Interview sagte sie, es behandele die Beziehung zwischen Schreibenden und Lesenden, die immer eine Liebesgeschichte sei. Besser lässt sich "Geschichte für einen Augenblick" nicht charakterisieren.

Ruth Ozeki: "Geschichte für einen Augenblick"
Aus dem Amerikanischen von Tobias Schnettler
S. Fischer Verlag, Fankfurt am Main 2014
559 Seiten, 19,99 Euro

 

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