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Buchkritik | Beitrag vom 19.05.2018

Janet Lewis: "Die Frau, die liebte"Eine dramatische Schicksalserzählung

Von Edelgard Abenstein

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Buchcover "Die Frau, die liebte", links im Bild eine junge Frau in weißem Kleid von hinten (dtv / imago / Westend 61)
Der Roman "Die Frau, die liebte" besticht durch einen Sprachstil von wunderbar federnder Eleganz. (dtv / imago / Westend 61)

Der 1941 erschienene Roman der amerikanischen Schriftstellerin Janet Lewis "Die Frau, die liebte" ist ein literarisches Juwel. Im Zentrum steht die Beziehung von Bertrande und Martin, die mit elf Jahren zwangsverheiratet werden.

Heute ist sie beinahe vergessen, die amerikanische Schriftstellerin Janet Lewis (1899-1998), obwohl ihr erster, 1941 erschienener Roman in den 1980er-Jahren unter anderem mit Richard Gere und Jodie Foster verfilmt wurde. Jetzt liegt dieser Roman zum ersten Mal auf Deutsch vor. Er basiert auf einer wahren Geschichte, die ins 17. Jahrhundert zurückführt, und zeitlich doppelt entrückt, ist er eine fabelhafte literarische Entdeckung. Trotz des Allerweltstitels "Die Frau, die liebte".

Martins Rückkehr nach acht Jahren

Im Mittelpunkt steht die junge Bertrande, die im jugendlichen Alter mit Martin Guerre verheiratet wird, um ihre verfehdeten reichen Bauernfamilien miteinander zu versöhnen. Das Paar arrangiert sich mit der Zwangsehe, aus der ein über alles geliebter Sohn hervorgeht, man lebt einträchtig auf dem elterlichen Hof in einem entlegenen Pyrenäental, wobei Martin immer wieder aneckt, weil er sich über die väterlichen Gebote hinwegsetzt.

Um der Strafe des Hausherrn zu entgehen, verlässt Martin, von Bertrande unterstützt, das Gut. Was als kurze Abwesenheit geplant ist, bis der väterliche Zorn verraucht wäre, ist von Dauer. Monate, Jahre vergehen. Martin bleibt verschwunden, der Vater, der nicht verzeihen kann, stirbt. Da taucht der verlorene Sohn wieder auf. Nach acht Jahren, in denen Bertrande sich gesehnt und schließlich mit dem Unabänderlichen abgefunden hat. Die Freude ist groß, kein Zweifel, alle erkennen ihn wieder, bis zu den Narben im Gesicht, den kleinen Alltagsgeschichten aus dem gemeinsamen Leben. Und der Hof blüht auf - dank Martins gemäßigterem Temperament. Er ist umgänglicher geworden, liebenswürdig, einfühlsam, und er weckt Gefühle in Bertrande, die sie so nicht gekannt hat. Gerade deshalb werden Zweifel in ihr wach. Ist er wirklich derselbe Mann? Oder ist sie einem Hochstapler aufgesessen?

Von Liebe jenseits historisch enger Grenzen

Schmucklos und kühl leuchtet Janet Lewis ins Innere ihrer Hauptfigur. Mit wenigen Strichen skizziert sie Bertrandes Seelenzustand, der in einem grandiosen Spannungsbogen von der fraglosen Gewissheit in den Abgrund der Verunsicherung taumelt. Janet Lewis Roman bietet eine Schicksalserzählung der hochdramatischen Art. Sie besticht durch einen Sprachstil von wunderbar federnder Eleganz und novellenhaft kurzer Form. Auf weniger als 150 Seiten hat ein Gutteil des 17. Jahrhunderts Platz, seine archaischen Gesetze, der Kampf ums Überleben in kargen Landschaften, die Macht der Familie, die nach innen gewendete Gewalt der Kirche. Ganz nebenbei stellt er auch das Kraftwerk Liebe dar, jenseits historisch enger Grenzen.

"Die Frau des Martin Guerre", wie der Roman im Original heißt, ist ein literarisches Juwel. Ein zeitloses Lehrbeispiel von großer Eindringlichkeit über die Frage, ob es eine Wahrheit gibt oder mehrere. Ob sich eine Lüge dadurch rechtfertigt, dass sie zum Guten führt. Und ob man nicht gegen manche Indizien eher Gefühlen trauen sollte.

Janet Lewis: "Die Frau, die liebte"
Aus dem amerikanischen Englisch von Susanne Höbel
Deutscher Taschenbuchverlag, München 2018
128 Seiten, 18 Euro

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