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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 10.11.2015

Jane Gardam: "Ein untadeliger Mann" Der Preis der neuen Leidenschaften

Von Edelgard Abenstein

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Ein brauner Krückstock lehnt an einem Sessel.  (picture alliance / dpa / Foto: Hans Wiedl)
Leichter kann als Jane Gardam kann man kaum darüber nachdenken, wie man im Alter, aller Mühsal zum Trotz, den Kopf oben behält. (picture alliance / dpa / Foto: Hans Wiedl)

Lange war die große englische Erzählerin Jane Gardam in Deutschland wenig beachtet. Ihre nun übersetzte Geschichte des Witwers "Old Filth" ist der erste Teil einer Roman-Trilogie. "Old Filth" muss sich nach dem Tod seiner Frau neu finden, alte Routinen ablegen und neue Bekanntschaften schließen.

Ein solches Buch konnte nur eine Engländerin schreiben. Eine Engländerin, die sich auskennt in der männlichen Abteilung der upper class ihres Landes und deren Stolz auf die Contenance spendende steife Oberlippe. Eine Engländerin mit Ironie und Geschichtsbewusstsein wie die 1928 geborene Jane Gardam.

Erst ziemlich spät fing sie mit dem Schreiben an, wie J.K.Rowling zunächst von Kinderbüchern. Inzwischen brachte sie es auf 32 Romane und Erzählbände. Die englischsprachige Literaturkritik vergleicht sie mit Katherine Mansfield und Alice Munro. Dass sie bei uns völlig unbekannt ist, dürfte sich mit ihrem wunderbaren ersten, ins Deutsche übersetzten Roman ändern.

Gardams "untadeliger Mann" ist ein erfolgreicher Anwalt, der in der Kronkolonie Hongkong reich geworden ist und nach seiner Pensionierung Mitte der 90er Jahre mit seiner Frau Betty nach England zurückkehrte. Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle - "...die wenigen Haare an seinen Fingerknöcheln waren immer noch golden und wirkten stets wie frisch schamponiert" - gelingt es ihm perfekt, "der Welt einen ganzen Mann zu präsentieren, einen vollständigen, erfolgreichen Mann".

Mit Pflichtgefühl, Disziplin und eiserner Höflichkeit

Er hatte einige, inzwischen verstorbene Freunde, noch mehr Feinde und wurde in seinem gradlinig verlaufenen Leben bewundert, gefürchtet - und belächelt. Ein Vorgang, dessen sich Sir Edward immer bewusst ist: Seinen Spitznamen Filth gab er sich selbst. Was eigentlich "Schmutz" heißt, steht für "Failed in London Try Hong Kong". Wer zuhause ein kleines Licht war, schaffte es vielleicht in Asien.

Nach dem plötzlichen Tod seiner Frau wird aus dem Mann, der alles unter Kontrolle hat, ein Tagträumer. Erinnerungen holen ihn ein: an die kurzen Jahre einer geborgenen Kindheit in Malaysia, wo sein Vater District Officer war, bis er zu Pflegeltern nach England geschickt wurde, die ihn brutal misshandelten. Aus Notwehr lernt er sich zu wappnen - mit Pflichtgefühl, Disziplin und eiserner Höflichkeit.

Jane Gardam erzählt auf mehreren, kunstvoll ineinander verschobenen Zeitebenen: Es sind knappe Szenen, von einer innigen Internatsfreundschaft, der Schlacht um England und dem Duell mit einem Erzfeind, der zu einem Freund wird, einer skurrilen Begegnung mit Queen Mary, der Initiation in eine heftige, viel zu kurze Leidenschaft.

Abseits der Pfade der Etikette

Hinreißend sind die Passagen, in denen Filth die Pfade der Etikette verlässt. Alleinsein und Altwerden emanzipieren ihn. Vieles traut er sich zum ersten Mal: mit Todesverachtung kutschiert er seinen A-Klasse-Wagen über die Autobahn, wechselt zum Diner nicht das Hemd, verschenkt kurzentschlossen Bettys Juwelen. Die plötzliche Bekanntschaft mit dem Anarchischen in seinem Inneren entfaltet wunderbar komische Momente, aber auch der Desorientierung und Trauer.

"Ein untadeliger Mann" ist ein Buch über Selbstdisziplin und den Schutz, den sie bietet, aber auch den Preis, den der Rückzug in die Unverletzlichkeit kostet. Charmant und klug - leichter kann man kaum nachdenken, über das Leben, verpasste Gelegenheiten und wie man im Alter, aller Mühsal zum Trotz, den Kopf oben behält. Sehr, sehr britisch.

Jane Gardam: Ein untadeliger Mann
Roman aus dem Englischen von Isabel Bogdan
Hanser Berlin Verlag, Berlin 2015 
345 Seiten, 22,90 Euro

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