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Lesart / Archiv | Beitrag vom 25.06.2018

Jan Jelinek: "Zwischen" Wie Denkpausen bei Lady Gaga klingen

Von Andi Hörmann

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Das Hörbuch "Zwischen" von Jan Jelinek (Faitiche/picture alliance/dpa/Foto: Hubert Boesl)
Der Soundkünstler Jan Jelinek macht in "Zwischen" das Denken hörbar – auch das von Lady Gaga. (Faitiche/picture alliance/dpa/Foto: Hubert Boesl)

Was sonst aus Interviews geschnitten wird, hat der Experimental-Musiker Jan Jelinek in seinem Hörbuch "Zwischen" stehengelassen – und vertont. Die Antworten von Lady Gaga, Alice Schwarzer oder Joseph Beuys zeigen nun Abgründe der Kommunikation.

"Alice Schwarzer, is it true that you're a person of great tenacity?"

Äh, Ähm – dazwischen ein Schmatzen. Alice Schwarzer ringt nach Worten in der Antwort auf die Frage: Sind sie ein besonders hartnäckiger Mensch?

Eine Denkpause, unterlegt mit einem verhallten Basston. Tief frequentes Brummen, das so klingt, als käme es direkt aus der neurologischen Abteilung: Kommt aber aus den elektroakustischen Gerätschaften des Berliner Experimental-Musikers Jan Jelinek.





Elektronisches Wummern zwischen Denken und Reden

Blechern und federnd klingt da das elektronische Wummern mit dem Jan Jelinek die Zäsur zwischen Denken und Reden des österreichischen Avantgarde-Poeten Ernst Jandl untermalt. Dahinter steckt die Frage, was er mit der Sprache vorhat: Revolution, Reform, Revolte?

Nur die Titel der Stücke verraten etwas über den Inhalt der Gespräche. Mit der musikalischen Ausarbeitung der linguistischen Zwischenräume legt Jelinek Fährten für mögliche Antworten – manchmal scheinen sie fast in der Vertonung selbst zu liegen.

Wie etwa bei Lady Gaga: Ist Mode für sie genauso wichtig wie Musik?

"Lady Gaga, you once said in an interview that you write music for the fashion industry. Is fashion as important to you as music?"



Klang-Blasen aus der elektronischen Konserve

Auf die Frage, ob das Leben von Hubert Fichte viele Wendungen genommen hat, und wann das so alles angefangen hat, blubbern Ähms, Klang-Blasen aus der elektronischen Konserve. Ein zweiminütiger Soundtrack verdichtet die Biografie Hubert Fichtes: Schauspiel-Ambition, Ethnograf, Schriftsteller und die spät entdeckte Homosexualität.

"Hubert Fichte, your journey through life has been full of twists and turns. Please tell us when and where this journey began!"

Musiker, Künstler, Literaten – von Karlheinz Stockhausen über Joseph Beuys bis hin zu Friederike Mayröcker – Jan Jelinek gelingt mit diesem nur knapp halbstündigen Hörstück eine faszinierende Innenschau in die Abgründe der menschlichen Kommunikation. Und das durchaus humorvoll: Auf John Cages Gestammel folgt ein selbstironisches Lachen.

"John Cage, I've been told to ask you the following question: where are you going?"

Der Soundkünstler macht das Denken hörbar und überhöht mit diesem kleinteiligen Hörstück die Psychologie der Wortfindung mit künstlichen Klängen. Der Titel bringt es auf den Punkt: "Zwischen", es ist der "lapsus linguae" zwischen Gedanke und Artikulation und in der Verklanglichung von Jan Jelinek wird er zur Ode an den menschlichen Makel, eine zur Popmusik gewordenen Peepshow – mit den Fehlern in der Kommunikation. Keine Eitelkeit, kein Vereiteln. Großartig!

"Max Ernst, this is the first time in twenty-five years that you've returned to your old home town, to the cathedral in Cologne, right?"

Jan Jelinek: "Zwischen" (Hörbuch)
Faitiche, 2018
1 LP, mp3-Download, 29 Minuten, 19,00 Euro (LP) und 7,00 Euro (Download)

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