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Buchkritik | Beitrag vom 15.01.2020

Jamie Metzl: "Der designte Mensch" Die Zukunft der Menschheit steht auf dem Spiel

Von Michael Lange

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Das Buchcover von "Der designte Mensch" von Jamie Metzl. (Edition Körber/Deutschlandradio)
Das Fortschreiten der Gentechnik wird bald jedes Tabu brechen - davon berichtet Jamie Metzl in seinem Buch "Der designte Mensch". (Edition Körber/Deutschlandradio)

Die Gentechnik wird unser Leben grundlegend verändern. Was mit dem Kampf gegen Krankheiten beginnt, führt früher oder später zur genetischen Manipulation des Menschen. Jamie Metzl bringt das in "Der designte Mensch" in lebendiger Sprache auf den Punkt.

Einfühlsam erzählt der amerikanische Publizist Jamie Metzl von Alltagssituationen und menschlichen Schicksalen und beschreibt zudem fachkundig und verständlich Forschungsergebnisse sowie die Pläne von Wissenschaftlern. So entwirft er eine Übersicht über Möglichkeiten, Nutzen und Gefahren der modernen Fortpflanzungsmedizin und der Gentechnik. Klar ist schnell: Jamie Metzl will aufrütteln. Wenn wir nicht jetzt beginnen, über die Zukunft der menschlichen Fortpflanzung nachzudenken und darüber zu diskutieren, wird sie überraschend und ungebremst über uns kommen. So der Tenor seines packenden Sachbuchs.

Nutzen und Gefahren der modernen Fortpflanzungsmedizin

Seine Reise in die Zukunft der Fortpflanzung beginnt Jamie Metzl in einer Samenbank. Zur Samenspende wagt er sich ins "Masturbatorium" und lässt sein Sperma einfrieren. Dabei wird deutlich, wie wenig moderne Reproduktionsmedizin mit Sex oder gar Romantik zu tun hat. Lediglich zwei Zellen finden zueinander, und dabei sollen möglichst wenig Fehler passieren. Tausende Gene zweier Menschen kommen zusammen und bilden die Grundlage für ein neues Lebewesen.

Die Funktionsweise und Bedeutung einzelner Gene verstehen Wissenschaftler von Jahr zu Jahr besser. Das Zusammenspiel der Erbanlagen ist hoch komplex, aber längst nicht mehr undurchschaubar. Durch Gentests lassen sich immer mehr Anlagen für vererbte Krankheiten erkennen. Auch Aussagen über die Wahrscheinlichkeit bestimmter Persönlichkeitsmerkmale sind bereits möglich.

Die Grenzen verschieben sich

Zunächst wird es ausreichen, unter vorhandenen Spermien, Eizellen und Embryonen solche auszuwählen, die keine Krankheiten verursachen oder möglichst wenige gesundheitliche Risiken in sich tragen, schreibt Metzl. Aber nach und nach werden die Grenzen immer weiter verschoben. Schutzfaktoren gegen Krankheiten und gezielte Genmanipulationen für mehr körperliche und geistige Leistungsfähigkeit werden folgen.

Triebfeder ist die wachsende Konkurrenz unter den Eltern. Alle wollen schließlich das Beste für ihr Kind. Und wer will schon schuld sein, wenn der eigene Nachwuchs gegen die optimierte Konkurrenz der Nachbarn keine Chance hat. Das ist "Menschenzucht in bester Absicht", warnt Metzl. So gehe die biologische Vielfalt der Menschheit verloren, mit ähnlichen Folgen wie sie heute schon in der landwirtschaftlichen Massenproduktion bei Pflanzen und Tieren zu beobachten sind.

Komplizierte Zusammenhänge auf den Punkt gebracht 

Jamie Metzl schafft es spielerisch, komplizierte Zusammenhänge auf den Punkt zu bringen. Dabei helfen ihm viele Metaphern und seine lebendige Sprache. Es gelingt ihm, gleichzeitig zu begeistern und aufzurütteln. Schade nur, dass einige wissenschaftliche Begriffe unklar bleiben, wie "das menschliche Gen". Andere Wortschöpfungen, wie "DNA-Atome", sind sachlich falsch und wahrscheinlich mit der Übersetzung ins Buch gelangt.

Im Mittelpunkt des ansonsten überzeugenden Buches steht die bioethische Debatte in den USA. Europa kommt nur am Rande vor. Dennoch sind dem Buch auch hierzulande viele Leserinnen und Leser zu wünschen, denn es geht um die Zukunft jedes einzelnen Menschen.  

Jamie Metzl: "Der designte Mensch. Wie die Gentechnik Darwin überlistet" 
Aus dem Englischen von Gabriele Gockel, Sonja Schuhmacher und Claus Varrelmann
Edition Körber, Hamburg 2020
460 Seiten, 24 Euro

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