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Lesart / Archiv | Beitrag vom 24.02.2018

James Romm: "Seneca und der Tyrann"Wie man Diktatoren erzieht und dabei ums Leben kommt

Von Paul Stänner

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Das Cover von James Romms Buch "Seneca und der Tyrann"; im Hintergrund ist leich unscharf das Gemälde "Der Tod des Seneca" von Manuel Domínguez Sánchez zu sehen. (C.H.Beck / Manuel Domínguez Sánchez: The Death of Seneca (1871))
Das Haifischbecken Rom wurde dem Philosophen Seneca zum Verhängnis. (C.H.Beck / Manuel Domínguez Sánchez: The Death of Seneca (1871))

Ein berühmter Philosoph wird zum Kaisererzieher berufen und bezahlt seine Zusage teuer: Der Zögling Nero zwingt den Lehrer Seneca zum Selbstmord. Neros Karriere als mieser Schurke der Weltgeschichte hat James Romm faszinierend beschrieben.

Acht Jahre hatte Seneca auf dem damals öden Korsika gelebt. Jetzt aber kam die Chance seines Lebens: Agrippina, die Gattin des Kaiser Claudius, brauchte für ihren Sohn Nero einen Erzieher, um ihn regentschaftstauglich zu machen. Dies war umso wichtiger, als mit dem jüngeren Stiefbruder Britannicus ein Konkurrent auf die Macht lauerte. Um ihn auszustechen brauchte Nero eine erstklassige Ausbildung. Das sollte Seneca erledigen, der berühmte, gefeierte Philosoph, Schriftsteller und Redner.

Letztlich war es mit der Ausbildung nicht so wichtig. Als es zur Entscheidung kam, Britannicus oder Nero, hat Nero seinen Stiefbruder kurzerhand umgebracht – Philosophie hin oder her.

Möglicherweise war damals, als Seneca seine Erzieherstelle antrat, diese Neigung Neros zum kurzen Dienstweg noch nicht absehbar. Oder doch? Warum ließ sich Seneca aus der philosophischen Beschaulichkeit Korsikas fortlocken? Zog es ihn in das Haifischbecken Rom zurück in der Hoffnung, er könne als Philosoph und Erzieher des künftig mächtigsten Mannes des Erdkreises die Weltpolitik beeinflussen? Und bei der Gelegenheit ordentlich Reichtümer einsammeln?

Eine blutige Geschichte atemberaubend erzählt

James Romm lehrt in New York als Professor for Classics, also die alten römischen und griechischen Sachen. Nach einem Buch über Alexander den Großen haben wir nun eine Monografie über das mörderische Leben in Rom vor uns. Darin wird eine blutige Geschichte atemberaubend spannend erzählt.

Seneca kehrte zurück direkt ins Zentrum von Macht und Intrigen. Über deren potenziell mörderischen Charakter konnte er keine Illusionen haben. Formell war Rom eine Republik, aber die Regentschaft wurde schon seit Generationen von einem allumfassend herrschenden princeps ausgeübt, der nur aus Respekt vor der Republik nicht König oder Kaiser heißen durfte. In dieser Zeit der Alleinherrschaft war Mord, gern auch als Selbstmord inszeniert, für Römer der gehobenen Kreise eine naturgemäß unerfreuliche, aber keineswegs überraschende oder erstaunliche Art, das Leben zu verlieren.

Der minderjährige Nero und der weise, belesene Meisterdenker hatten einige gute Jahre zusammen. Seneca hatte Einfluss und mehrte seinen Reichtum. Aber nach und nach musste er erkennen, dass der Schüler sich vom Lehrer entfernte. Und er musste erkennen, dass er Mitwisser und Handlanger von Gewalttaten geworden war. Der Mord am Stiefbruder Britannicus, an der Mutter Agrippina, an der verstoßenen Gattin Octavia und an vielen anderen – Seneca stand immer in verdächtiger Nähe zum mutmaßlichen Urheber.

Erzwungener Selbstmord

Seneca schrieb geistvolle und moralische Texte, doch letztlich ziehen die schönen Gedanken, die er aufgereiht hat, prunkvoll, aber nutzlos am tatsächlichen Leben vorbei. Sind sie vorüber, sieht man den unphilosophischen Seneca, den Handlanger des Autokraten, den Mitwisser politischer Morde, den gierigen Profiteur einer Willkürherrschaft. Der weise Seneca hat über seine Zeit im Zentrum nichts geschrieben, was sich verwerten ließe. Nicht von seinen zeitgenössischen Feinden, nicht von späteren Historikern.

Romm stehen nur die Quellen zur Verfügung, die andere schon vielfach ausgewertet haben. Das zentrale Thema seines Buches ist das intellektuell-moralische Dilemma: Wie lange mache ich mit in einem Leben, das ein Verbrechen ist? Und zu welchem Preis steige ich aus?

Selbstmord war ein Thema der stoischen Philosophie. Das Axiom lautete: Wann das Leben nicht mehr lebenswert ist, entscheide ich selbst. Ich setze ihm ein Ende und verabschiede mich in die große Freiheit.

In der allgemeinen neronischen Paranoia passierte es irgendwann auch dem Stoiker Seneca, dass er in die Nähe einer Verschwörergruppe geriet. Vielleicht war er auch über den Umsturzversuch informiert, ganz klar ist auch das wieder nicht. Klar war nur, er würde es nicht überleben.

Nach dem Vorbild des Philosophenkollegen Sokrates hatte Seneca einen Becher Schierlingsgift bereit gehalten. Aber als der Soldat vor der Tür stand, der ihn in Neros Namen zum Selbstmord aufforderte, zog Seneca es vor, sich die Pulsadern zu öffnen. Er war ein alter Mann mit alten Adern , das Blut floss schlecht. Also griff er doch zum Schierlingsbecher, jedoch das Gift wirkte nicht. Blutig und benommen zog er sich in das heiße Bad zurück und erstickte an den Dämpfen. Ein zutiefst unphilosophischer Abgang, eher eine Folter nach Art des Nero.

Das Buch liest sich erschreckend zeitgenössisch

Geschickt führt James Romm seine Leser durch das Buch. Er schreibt flott, detailreich; wenn es passt: dramatisch, wenn es passt: dann witzig, jedoch ohne sein Thema durch drollige Formulierungen zu ruinieren. Er wiederholt die notwendigen Fakten immer dann, wenn eine Person wieder auftaucht, an die man sich gerade nicht genau erinnern kann und so kann sich auch derjenige im Text gut behaupten, dem nicht alle Details der römischen Geschichte abrufbar präsent sind.

Nero selbst starb, wie man weiß, ebenfalls durch Selbstmord. Weil er Angst hatte, bat er seine Getreuen, es möge ihm doch jemand helfen, indem er es ihm vormache. Es fand sich aber niemand, der so freundlich war. Wenigstens war ihm ein Diener behilflich, sich die Kehle durchzuschneiden.

Neros Karriere als mieser Schurke der Weltgeschichte hat James Romm faszinierend beschrieben.

James Romm: "Seneca und der Tyrann"
Die Kunst des Mordens an Neros Hof
Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber
C.H. Beck, 320 Seiten, 24,95 Euro

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