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Frühkritik | Beitrag vom 16.04.2021

James McBride: "Der heilige King Kong"Bitte nicht auf den Dealer schießen!

Von Thomas Wörtche

Das Cover von James McBrides Buch "Der heilige King Kong" auf orange-weißem Grund. (Deutschlandradio / btb)
Ein riesiges Panorama der wunderlichsten Figuren: "Der heilige King Kong" von James McBride (Deutschlandradio / btb)

James McBride erzählt in seinem komischen Kriminalroman "Der heilige King Kong" vom Alltag im Brooklyn des Jahres 1969. Trotz Beschaffungskriminalität, Rassismus und Immobilienspekulation gibt es Hoffnung auf ein anderes Leben. Ein gewaltiges Epos.

James McBrides aktueller Roman heißt auf Deutsch: "Der heilige King Kong". Das ist die reine Ironie, denn "Deacon King Kong", wie das Original betitelt ist, ist ein vermutlich schauderhafter Schnaps, den der Hausmeister eines Wohnblocks des Causeway Housing Projects im Heizungskeller braut.

Wir befinden uns am südlichsten Zipfel Brooklyns im Jahr 1969, als New York so ziemlich auf den Tiefpunkt seiner Geschichte zusteuerte. Zunehmende Beschaffungskriminalität, krass zutage tretende Klassengegensätze, struktureller Rassismus, kriminelle Immobilienspekulationen, eine korrupte Polizei, Shootouts und andere Formen exzessiver Gewalt zwischen verschiedenen Sortierungen des organisierten Verbrechens sind endemisch.

Friedliche Insel im Chaos

Inmitten des ganzen Chaos hat sich im "Cause" die kleine Five Ends Baptist Church als eine Art Insel des friedlichen Miteinanders festgekrallt. Nicht, dass das Zusammenleben von Afroamerikanern (hauptsächlich aus den Südstaaten zugewandert), Latinos und Haitianern friktionslos wäre, aber immerhin geht man sich nicht final an die Gurgel.

Umso entsetzter sind alle, als Diakon Cuffy Lambkin, genannt "Sportscoat", ein alter, halbdementer, aber allseits angesehener Säufer, anscheinend grundlos auf den Hausdealer des "Projects" schießt.

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Dieses unerhörte Ereignis setzt eine ganze Kette von Reaktionen in Gang – die Polizei tritt auf den Plan, die verschiedenen Gangster vermuten einen Revierkrieg und schicken eher tölpelhafte Killerkommandos, es fallen tatsächlich Leichen an.

Das Profane und das Heilige eng beieinander

McBride geht es aber nicht um eine Gangsterstory, sondern um die Menschen, die in diesen Umständen leben, leben müssen und auch manchmal gerne leben. Sportscoat unterhält sich mit seiner toten Frau, die Pfarrersgattin Schwester Gee verliebt sich in den irischen Cop Potts, die lokale Mafia-Größe Tommy Elefante sehnt sich nach einer "guten" Gattin und will sich aus dem Geschäft zurückziehen, um nur ein paar eingelagerte Geschichten zu erwähnen, von denen der Roman fast aus den Nähten platzt.

McBride baut ein riesiges Panorama der wunderlichsten Figuren auf, die pausenlos reden und plappern, tiefsinnig, albern, komisch, tragisch, aber vor allem zutiefst menschlich. Das Komische, das Bizarre und Groteske, das Profane und das Heilige liegen in diesem Roman eng beieinander. Und die Idee, ausgerechnet die prähistorische "Venus von Willendorf" an zentraler Position ins Spiel zu bringen, ist mehr als verblüffend.

Humanes Verhalten möglich

Im Grunde überschreibt James McBride die Szenarien, die Chester Himes über das Schwarze Leben in New York mit seinem Harlem-Cycle (1957 bis circa 1970) aufgemacht hat. Die Figuren, die Gangster, Dealer, Killer und streitbaren Gottesmenschen könnten alle bei Himes auftreten. Sein Zyklus endete allerdings in der totalen Destruktion.

James McBride hält signifikant dagegen: Bei ihm ist Versöhnung, gar Harmonie, auf jeden Fall aber humanes Verhalten möglich – ob im Zeichen der Religionen oder nicht, das überlässt er dem Lesepublikum. "Der heilige Kong Kong" auf jeden Fall ist ein gewaltiges, wuchtiges Epos mit einem utopischen Vorschein.

James McBride: "Der heilige King Kong"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
btb Verlag, München 2021
444 Seiten, 22 Euro

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