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Lesart | Beitrag vom 03.06.2019

James Baldwin: "Nach der Flut das Feuer"Essays zwischen Wut und Zuversicht

Von Tobias Wenzel

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James Baldwin aufgenommen am 3. Juni 1963 in seiner New Yorker Wohnung (picture alliance / AP / Dave Pickoff)
James Baldwin im Jahr der Veröffentlichung von "Nach der Flut das Feuer" (picture alliance / AP / Dave Pickoff)

James Baldwin traf mit "Nach der Flut das Feuer" die von Rassismus geprägte Gesellschaft der USA ins Mark. 56 Jahre nach dem Erscheinen ist der neu übersetzte Band hochaktuell – von Christian Brückner als Hörbuch bestechend gelesen.

"Ich weiß, wie düster es heute für dich aussieht", schreibt der US-amerikanische Schriftsteller James Baldwin in dem Brief an seinen Neffen, mit dem er sein essayistisches Buch "Nach der Flut das Feuer" von 1963 beginnen lässt:

"Du wurdest geboren, wo Du geboren wurdest, mit Zukunftsaussichten, die Deine Aussichten waren, weil Du schwarz bist – aus keinem anderen Grund."

Nach nur wenigen Zeilen ist klar: "Nach der Flut das Feuer", dieser sprachmächtige Text über den Rassismus in den USA und der Welt, ist heute, über ein halbes Jahrhundert nach seinem Erscheinen, wieder hochaktuell. Es ist deshalb ein doppelter Glücksfall, dass dtv auch diesen Essayband in vorzüglicher Neuübersetzung durch Miriam Mandelkow und dass Parlando das Hörbuch in der bestechenden Interpretation von Christian Brückner veröffentlicht hat.

Erweckungserlebnis in einer Kirche in Harlem

Mit zehn wurde James Baldwin, dessen Stiefvater ein fundamentalistischer Prediger war, zum ersten Mal von der Polizei wegen seiner Hautfarbe drangsaliert. In "Vor dem Kreuz. Briefe aus einer Landschaft meines Geistes", dem zentralen Text des Buchs, erinnert sich Baldwin wie schon zuvor in seinem autobiografischen Debütroman "Go Tell It on the Mountain" daran, wie er sich mit 14 davor fürchtete, kriminell zu werden, und in einer Kirche in Harlem in einem Erweckungserlebnis vor dem Altar zusammenbrach, woraufhin er drei Jahre lang Jugendprediger war:

"Wenn man an der Liebe der Menschen verzweifelt – und wer ist das nicht schon mal? –, bleibt nur die Liebe Gottes. Aber Gott – und das spürte ich sogar damals, vor so langer Zeit, widerwillig auf diesem fürchterlichen Boden – ist weiß."

Anders konnte sich James Baldwin Rassismus und den Holocaust nicht erklären. Der gütige Gott sei dagegen schwarz, verkündete Elijah Muhammad mit seiner US-amerikanischen Black-Muslim-Organisation. Die These zog Baldwin einerseits an.

Vom Jugendprediger zum renommierten Schriftsteller

Andererseits war er, als es Anfang der 60er-Jahre zu einem Treffen mit Muhammad in Chicago kam, schon lange kein Prediger mehr, sondern ein international renommierter Schriftsteller und ein scharfsinniger Analytiker, dem die fanatischen Auswüchse in Muhammads Organisation nicht entgehen konnten:

"Elijah und ich gaben uns die Hand, und er fragte mich, wo ich jetzt hinmüsse. Wo auch immer, man würde mich hinfahren – 'denn wenn wir jemanden hierher einladen', sagte er, 'sorgen wir dafür, dass er vor den weißen Teufeln sicher ist, bis er an seinem Ziel ankommt'. Genau genommen war ich mit einigen weißen Teufeln am anderen Ende der Stadt auf einen Drink verabredet."

Alle Weißen verteufeln – so einfach machte es sich James Baldwin nicht. Dafür war er viel zu sehr Humanist und sein Denken viel zu differenziert. Großartig, wie treffend Christian Brückner mit seiner Stimme diese Vielschichtigkeit genauso transportiert wie Baldwins Schwanken zwischen Wut und Zuversicht.

Blick auf die bedrückende Geschichte des Rassismus

Selbst beim Blick auf die bedrückende Geschichte des Rassismus vermochte Baldwin noch etwas Positives zu entdecken:

"Diese Vergangenheit, dieser endlose Kampf, eine menschliche Identität, menschliche Autorität zu erlangen, zu offenbaren und zu bestätigen, birgt dennoch etwas Wunderschönes. Ich will Leiden nicht romantisieren – genug ist schließlich genug –, aber wer nicht leiden kann, wird nicht erwachsen, wird nicht herausfinden, wer er ist."

"Nach der Flut das Feuer" ist eine fulminante Warnung in Form eines Essays, der damals die US-amerikanische Gesellschaft ins Mark traf und zu dessen Lektüre man heute nicht nur Donald Trump verpflichten möchte.

James Baldwin: "Nach der Flut das Feuer"
Neu übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow
gelesen von Christian Brückner
Parlando Verlag. 3 CDs, 2 Stunden 54 Minuten, 19,95 Euro

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